Alt-J "Relaxer" Artwork

alt-J - Relaxer

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Alt-J  müssen und wollen es ihren Kritikern ein weiteres Mal beweisen: Nach zwei großen Alben sind sie mit "Relaxer zurück. Die Singles "3WW" und "In Cold Blood" zeichneten vorab ein breites musikalisches Spektrum der neuen Platte. Was aber können die weiteres sechs Songs? Wir klären es in unserem Track-by-Track-Review.

3WW – Three Worn Words – war die erste Auskopplung vom neuen Album „Relaxer“. Ein musikalisch betrachtet sehr weiter Track mit viel Raum zu sich entfalten, der von einer gescheiterten Liebe erzählt. Viel mehr aber ist er eine Brücke, ein Übergang vom sphärischen „This Is All Yours“ zu etwas Neuem. 100 Sekunden instrumentales Eröffnungsgefriemel. Gus Unger-Hamiltons Stimme setzt ein, es übernimmt Joe Newman und Wort für Wort nimmt die Dramatik zu. „I just want to love you in my own language.“, fast schon flehend herbeigesäuselt. Es rauscht und krächzt und dann diese Frauenstimme, die uns wohl vertraut vorkommt. Sie gehört zu Ellie Roswell, Sängerin und Frontfrau von Wolf Alice (wann gibt’s von denen eigentlich mal wieder was neues?).

Was folgt ist mit In Cold Blood der Hit des Albums. „0111011“ - eine Zahlenkombination eröffnet die zweite Single, bei der aus jeder Pore alles nach „spiel mich auf Endlosschleife in Repeat“ schreit und die Radiomenschen die Nummer wie hypnotisiert auf die höchste Rotationsstufe setzen lässt. Für alt-J-Verhältnisse ein recht simpler, weil klassischer Songaufbau. Aber auch das ab und an einfach(er) gestrickte steht den drei Mannen aus Leeds. Und sobald hier die Bläser ins Spiel kann kein Mensch, der bei Verstand ist, etwas schlechtes gegen diesen Hit sagen.

Zurück zu den Folkwurzeln geht es mit einem Cover von House of the Rising Sun von The Animals. Die erste Strophe original belassen, die Zweite haben sie sich von Woodie Guthrie stibitzt. Aber alt-J wären nicht alt-J wenn sie es nicht musikalisch zu ihrem Song machen würden. Hier geschieht das vor auch durch die eigenwillig quäkige Stimmfarbe von Joe Newman. Der Rest ist sehr verhalten und angenehm dezent gehalten. Eine Verbeugung vor ihrer eigenen Vergangenheit und dem Folk-Genre als solchen, aber wenig spektakulär.

Und das muntere Stimmungswechselbad der Gefühle geht weiter: Hit Me Like That Snare klingt, wie frisch im Proberaum zusammengezimmert. Diese Lofi-Attitüde ist eine weitere Seite, welche uns die sonst so auf detailliert-perfekte Produktion Wert legenden personifizierten Tastenkürzel nur ganz selten zeigen. Irgendwie aber will die Nummer nicht so recht zünden, genau begründen, woran das liegt, können wir aber auch nicht.

Ein markerschütternder Bass eröffnet das nächste Stück. Ein Schreien, eine Bassline zum Niederknien und was hat eigentlich die Flöte da zu suchen? Egal: Des Albums Lieblingshit ward gefunden! Deadcrush hat zwar nicht das Hitpotenzial von „In Cold Blood“, zeigt aber, wie gut nerdige Verkopftheit und spielerisch leichte Melodien mit einem außergewöhnlichen Instrumentarium verbunden werden können. Ein Song, der auf eine gewisse Art und Weise danach klingt, als würde er erst 2019 zum Standard werden – alt-J auf dem Höhepunkt, pünktlich zur Mitte des Albums. Bergfest quasi!

Adeline ist ein Beast“, sagt Drummer Thom über die nächste Nummer. Gleich zwanzig Musiker haben alt-J sich geholt - „well, we paid them“ (Guz Unger-Hamilton) – um diese Melodie einzuspielen. Dementsprechend bombastisch entwickelt sich Song Nummer sechs von Relaxer. Und trotz großem Instrumentarium und einem mehr oder minder kleinen Chor wirkt der Song überraschend zurückgenommen und auf eine gewisse Weise fast schon „minimalistisch“.

Über Weihnachten sind die drei Mitglieder von alt-J, wie sich das gehört, jeder bei seiner Familie. Scheinbar überkam Joe Newman eine gewisse Melancholie und beim Wiedersehen mit seinen Kollegen hatte er die Texte und einzelne Melodiefragmente für Last Year auf dem iPhone – eine viel benutzte Art und Weise erste Songideen zu speichern und später zu recyclen. Entstanden ist hier ein gefühlvoller Song, wiederum mit Ellie Roswell an den Vocals. Spätestens hier zeichnet sich ab: „Relaxer“ ist weniger das vertrackte Melodie- und Intrumentariummonster, wie noch An Awesome Wave oder This Is All Yours. Hier geht es Gefühl, um Stimmung, um Melancholie und Zurückgenommenheit.

Pleader schließt die Platte ebenso stimmungsvoll ab. Für viele alt-J-Fans unspektakulär, weil auf Relaxer nur ein quasi-Hit zu finden ist. Alt-j kehren in gewisser Weise zu ihren Folkwurzeln zurück. Weniger Bombast, weniger nerdige Verkopftheit: Man merkt, dass viele Songs in gemeinsamen Jam-Sessions zustande kamen und das Wir-Gefühl im Proberaum einfingen. Relaxer ist vielleicht nicht das große Werk, mit dem alt-J an ihre beiden überbordenden Vorgängeralben anknüpfen können, aber das ist bei der Band aus Leeds jammern auf hohem Niveau.

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