Anohni - "Hopelessness"

ANOHNI - Hopelessness

Redaktionswertung: 
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Apocalypse Now

The artist formerly known as Antony is back. In Anohni findet eine der größten Stimmen unserer Zeit endlich die richtige Hülle - und auf „Hopelessness“ findet sie Ausdruck für etwas, das man wohl am besten mit Avantgarde beschreibt. Ein Album, wie es die Welt bislang nicht kannte. Radikal, brutal und wunderschön.

Einem überdurchschnittlich talentierten, hoch empfindsamen und äußerst sendungsbewussten Menschen fällt es oft genug schwer, sich in der ihn umgebenden Welt zurecht zu finden. Obendrein im falschen Körper geboren zu sein macht das Leben ganz sicher nicht einfacher.

Der Mensch, der mal Antony Hegarty hieß, kennt dieses Gefühl. Die zarte Seele einer Primaballerina im Körper eines Türstehers. Man schämt sich fast für den Gedanken, dass die große Kunst dieses Ausnahmetalentes wahrscheinlich erst durch ebenso großes Leid entstehen konnte. Doch der Lebensabschnitt „Antony and the Johnsons“ ist Geschichte.

Nach langem Kampf mit sich und der Welt ist Anohni endlich bei sich angekommen und sie hat sich sehr verändert. Äußerlich vielleicht nur am neuen Namen erkennbar, innerlich jedoch scheinen die Umbrüche gewaltig. Gefestigter hat die Selbstfindung sie sicherlich gemacht, versöhnlicher oder gar weicher jedoch keineswegs. Anohni ist wütend. Und wir sind alle gut beraten, ihr zuzuhören.

„Hopelessness“ heißt das neue Album und es ist ein gewaltiges Biest. Anohni löst sich von allem, was nicht im Hier und Heute wurzelt, die Kammermusik früher Tage ist dem neuen Geist nicht angemessen.

Dem Club zugewandt, wie ihre Kooperation mit Hercules And Love Affair, ist das neue Album jedoch bei aller Elektronik nur bedingt. Es ist in Sachen Sound und Produktion zwar vollkommen auf der Höhe der Zeit, will inhaltlich aber nicht in die Beine sondern in den Kopf: es sind politische Pamphlete, Protest-Songs 2.0, eine Bestandsaufnahme der Welt, in der wir heute leben (müssen).

Blow my head off
Explode my crystal guts
Lay my purple on the grass

Wer einmal dachte, wir könnten nicht unmenschlicher werden, kannte noch keine Drohnen. Gleich im Opener „Drone Bomb Me“ wird klar, dass es um nicht gerade leicht konsumierbare Themen geht. Krieg, Terror, Mord und Totschlag, Entfremdung und die Zerstörung der Umwelt - Anohni sieht die selbsternannte Krone der Schöpfung am Ende ihres Weges angekommen.

I don’t want your future
I’ll never return
I’ll be born into the past
I’m never coming home
Why did you separate me from the earth?

Wo einst Hoffnung war, ist heute tiefe Enttäuschung, Resignation und Bitterkeit. Wenn Anohni den Finger auf die Wunde legt, dann sicher nicht um die Blutung zu stoppen. Sie will sie offen halten und abrechnen, auch und gerade mit der Politik.

When you were elected, the world cried for joy
We thought we had empowered the truth telling envoy
Now the truth is you are spying, executing without trial
Betraying virtues, scarring closed the sky

Für den mächtigsten Mann der Welt findet sie kurz vor dem Ende seiner Amtszeit harte Worte, wie ein Mantra singt sie seinen Namen und erinnert dabei an das beklemmende „Masked Ball“, das Jocelyn Pook für Kubriks „Eyes Wide Shut“ komponierte. Auch dieser Titel wäre hier passend gewesen.

Anohni bleibt weder bloße Beobachterin noch erhebt sie mahnend den Zeigefinger der Allwissenden. Sie separiert sich nicht von uns und dem Elend. Wenn sie im fiktiven Dialog mit einem IS-Kämpfer die Verbrechen des Westens auflistet, dann tut sie das in der ersten Person.

If I killed your Children with a drone bomb
how would you feel?
Crisis
If I tortured your brother in Guantanamo
I’m sorry

All das könnte künstlich und aufgesetzt wirken; Gewollte Sprengkraft in einer Zeit, in der Popmusik schon alles durch hat und in der man der Gesellschaft immer weniger Haltung und Anteilnahme vorwirft. Doch wer Anohnis Album hört merkt schnell, dass sie zu solchen Winkelzügen nicht fähig ist. Wut, Empathie, Sorge, Angst, Verachtung, Liebe, Anohni durchlebt jedes menschenmögliche Gefühl. Sie breitet es vor dem Hörer aus, hält ihm den Spiegel vor und seziert ihr eigenes Seelenleben mit solch gnadenloser Präzision, dass es sprachlos macht.

Warum tut sie das? Weil sie eine Künstlerin ist, kein Popstar. In ihrer Stimme wohnen Liebe und Schmerz wie in keiner zweiten, sie trägt beides wie einen Schild vor sich her und scheut sich auch nicht, für ihre Botschaft in den dreckigsten Abgrund zu steigen.

Sie hat keine Hemmungen, uns am Ende aufgewühlt und ratlos zurück zu lassen. Die Welt ist schlecht. Hoffnung gibt es keine. Am Ende des Titeltracks lässt ein hörbar harter Cut nur noch „Hopeless“ stehen, als hätte Anohni sich selbst abgewürgt.

Programmatisch für das ganze Werk, denn ein Abschluss ist uns nicht vergönnt, schon gar kein glücklicher. Anohni ist keine tröstende Mutter und „Hopelessness“ bietet keine Lösung. Aber im Angesicht der Apokalypse entzündet sie mit diesem Album ein einsames und mahnendes Leuchtfeuer als Zeichen dessen, was mal war. Der Mensch, seine Zivilisation, sein vollständiges Versagen. Es steckt alles hier drin. Der gleichzeitig bedrückendste und schönste Abgesang aller Zeiten.

 

 

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