At Least For Now

Benjamin Clementine - At Least For Now

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Der stille Musikant

Benjamin Clementine zieht durch: erst Straßenmusiker, dann Mercury-Prize-Gewinner. Der wichtigste britische Musikpreis. Gestern Abend begeisterte er bei seinem letzten Deutschlandkonzert das gesamte Publikum in der Philharmonie Berlin. Ein Konzert in Superlativen.

Bereits am 30. März erschien mit "At Least For Now" das Debütalbum eines Mannes, den man aufgrund unzureichender Beschreibungsmöglichkeiten in keine Genreschublade stecken möchte. Wenn überhaupt, dürfte auf einer solchen lediglich "grandios" draufstehen.

Übertrieben? Nö, gar nicht. Vor allem, wenn man bereits vor dem Konzert in der Berliner Philharmonie überaus hohe Erwartungen hatte und diese vollends erfüllt und teilweise sogar noch übertroffen wurden.

Benjamin Sainte-Clementine wuchs im Norden Londons auf, brach mit 16 die Schule ab, und zog nach Paris. Dort sang er in Bars, auf der Straße, in der Metro - dann die Entdeckung. Funktioniert glücklicherweise also auch noch ohne groß angelegte Castings. Es folgt der erste Fernseh-Auftritt bei "Later... With Jools Holland", Plattenvertrag - der Rest ist hoffentlich erst der Beginn einer langen Musikgeschichte.

Zwei EPs veröffentlichte Clementine ("Cornerstone" und "Glorious You") und sorgte damit schon für lauthals positive Kritiken und hoffnungsvolles Warten auf ein großes Album. Und ein großes Album ist es zweifelsohne. Mit geschickten Arrangements, poetischer Dramatik und leidenschaftlicher Intensität singt (oder spricht) der Brite vom Glauben an sich selbst, an andere und nichts weiter als an das Leben selbst. Neben dem Piano ist seine Stimme dabei sein wichtigstes Instrument, der er die verschiedensten Töne entlockt. Hoch, tief, leise, laut, überraschend. Aber immer voll und aufrichtig.

So sieht Begeisterung aus: Standing Ovation für das musikalische Duo

Bild: Christian Klenke

"Jahresabschlusshighlight"! Mit dieser Aussage enterte man die architektonisch, nun ja, interessant gestaltete Philharmonie. "Jepp, Jahresabschlusshighlight"! Mit diesem Fazit verließ man sie wieder.

Schon beim Hören von "At Least For Now" denkt man nicht an große Arenen oder laute Clubs. Man denkt an Klang, Orchester, Stimme und Wirkung. Oha, was für ein Zufall, dass Mr. Clementine im kleinen Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie diesen Gedanken Wirklichkeit werden ließ.

Obwohl es eher ein ruhiger Abend mit melancholischer Pianomusik und vielleicht ein paar Streichern zu werden schien, waren wir umso überraschter ob der eindringlichen Begleitung Clementines durch Drummer Alexis Bossard. Die Harmonie stimmte bei jedem einzelnen Ton.

Clementine gibt sich schüchtern und gleichzeitig sicher. Beide Musiker spielen virtuos und barfuß, sind unter ihrem Mantel oberkörperfrei. Und irgendwie hat man das Gefühl, sie spielen auch mit dem Publikum. Eine Art Performance, in der alle (wenigen) Worte, Pausen, das ganzte Verhalten bewusst gewählt sind. Solche showartigen  Elemente hat ein Musiker wie Clementine gar nicht nötig. Nicht mit so einem Charisma. Er sagte es selbst: "Let The Music Do The Speaking. Words Are Just Words". Wenn Musik, spricht ist es die seine. In dieser Art von Location ist die sogar extrem gut zu verstehen.

Natürlich ist es nicht das erste Konzert seiner Art gewesen, aber vielleicht lässt sich ja genau durch solche Auftritte die Scheu junger Leute vor bedeutungsschweren Worten wie Philharmonien oder Opernhäusern nehmen. Weg von der Annahme verstaubter Klassik, von der Angst vor Anzug und Abendkleid, von Alter und vornehmem Gebahren. Ohne Rahmen und dafür mit ganz viel Inhalt.

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