Drangsal - "Harieschaim"

Drangsal - Harieschaim

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Max Gruber findet vieles und viele unnötig und hält damit auch nicht hinterm Berg. Wer so gerne kritisiert, legt sich damit natürlich selbst unters Mikroskop. Bloße Strategie oder echter Mut? Den vielen Worten lässt er mit seinem ersten Album jetzt Taten folgen. Die Drangsal, der Hype - Heilsbringer oder 15 minutes of fame?

Das Jahrzehnt, aus dem Gruber zitiert, war zum Zeitpunkt seiner Geburt längst gelaufen. Der Mann hinter Drangsal ist Jahrgang 1993. Allerdings zeigt schon die Ewigkeit der Smiths, dass niemand die 80er selbst erlebt haben muss, um ihrem Sound und Zeitgeist zu erliegen. Gott gab die Musik-Konserve und sprach: nutze sie weise. Max Gruber nutzt sie seit Kindertagen: NDW, Punk, Synthiepop, ein bunter Strauß Musik von The Residents bis Hubert Kah. Genregrenzen sind für Ahnungslose.

„Harieschaim“, ein uralter Name für Grubers Heimatort Herxheim, ist das mit Spannung erwartete Debüt dieses blassen Sonderlings, der sich so gerne als Provokateur vom Dienst in Szene setzt. Man ist bemüht, das Phänomen Drangsal als natürlich gewachsen darzustellen, getrieben vom Wunsch, dem Pop die Sensation zurück zu geben. Wohlkalkulierte Skandälchen wie das Knutschen mit Jenny Elvers im ersten Clip oder ein auf Facebook gepostetes Piss-Video von der Echoverleihung (natürlich inklusive umgehender Zensur vom auftraggebenden Radiosender 1Live) schufen den geeigneten Rahmen für einen medialen Overkill, schon bevor das Album überhaupt eine Basis dafür bot.

Man kann darüber geteilter Meinung sein; Provokation und Arroganz haben noch keiner Karriere geschadet. Ob echt oder Masche, es schmälert keinesfalls die Freude am Album. Bedingung hierfür ist eine Vorliebe für die frühen 80er und eine gewisse Affinität zu Popmusik abseits fröhlich dauerlächelnder und hip gekleideter Menschen. Erfüllt man diese, wird man bei Drangsal vieles von dem finden, was Pop als Berieselung von Pop als Statement unterscheidet: Leidenschaft, Haltung und Verführung.

Nicht umsonst zieht sich der Einfluss von Postpunk, New Romantic und Wave bis heute ungebrochen durch die unterschiedlichsten Genres; die Anfänge liegen in der Zeit der großen Gesten und ebenso großen Experimente in Sachen Sound und Produktion. Drangsal und sein Produzent Markus Ganter (Sizarr, Casper, Tocotronic) wildern herrlich schamlos in den Revieren von The Cure, Depeche Mode und allem dazwischen. Mit Monstern wie „Do The Dominance“ oder „Schutter“ liefern sie Songs ab, die von zeitgenössischen Produktionen nicht zu unterscheiden sind.

Und genau hier liegt dann auch die Krux: „Harieschaim“ hat all dem nichts Neues hinzuzufügen. Es ist wie gut gemachter, detailverliebter und maßstabgetreuer Nachbau. Es ist keine Neuinterpretation besagter Experimente, sondern deren exakte Wiedergabe. Dem derzeit gültigen Konsens, Drangsal sei die Rettung der deutschen Popmusik, kann ich mich nicht anschließen. Für eine Aussage dieser Tragweite ist „Harieschaim“ einfach nicht eigenständig genug.

Andererseits hat Gruber sich den Titel des Erlösers nicht selbst verliehen und man kann bei aller Kritik dennoch den Hut ziehen vor dieser Teamleistung. Denn auch wenn hier niemand das Rad neu erfindet wissen doch alle Beteiligten, wie man damit zumindest schneller fährt als die Konkurrenz. Und so schafft es die Drangsal dann auch nach zackigen 32 Minuten locker über die Ziellinie und macht dabei beileibe keine schlechte Figur.

Musik darf durchaus einfach nur unterhalten. Musik mit Fundament hingegen kann aber darüber hinaus den Hörer zu neuen Ufern führen, ihm zeigen, woher sie kommt und wohin sie will. Und das gelingt hier fraglos. Ob man den Hype nun für gerechtfertigt hält oder nicht, die Rechnung geht auf: Max Gruber ist sicher nicht everybody’s darling aber allgegenwärtig und sein Album bekommt jede Menge Aufmerksamkeit. Es gab und gibt reichlich Platten, für die ich mir einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit wünschen würde, auch bessere. Aber es gibt eben auch Woche für Woche unfassbaren Mist, der dem Hörer mit teuer erkauftem Airplay so lange eingetrichtert wird, bis er ihn willenlos kauft.

Unter diesem Gesichtspunkt nickt man dann eben auch die nächste total provokante Headline ab, denkt sich seinen Teil und freut sich, wenn all der Trubel dann auch mal einem wirklich schönen Album gilt. Und Wenn Gruber es schafft, dass eine neue Generation Bands wie Fehlfarben, Spliff oder Palais Schaumburg entdeckt, die Perfektion eines Morrissey-Songs begreift und erkennt, dass die Welt auch hinter den Media Control Charts weitergeht, dann kann ihm neben einem gelungenen Debüt auch noch dazu gratulieren.

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