You And I

Jeff Buckley - You And I

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Unvergessen

Am 29. Mai 1997 ertrank der Sänger Jeff Buckley beim Schwimmen im Wolf River in Memphis, wo er sein zweites Album aufnehmen wollte. Die Musikwelt hatte eines ihrer viel versprechendsten Talente verloren. Erinnerungen an ein unvergessliches Konzert im Jahr 1995 in Köln.  

Jeff Buckley - Grace (1994)

Als Jeff Buckley sein Konzert am 20. Februar 1995 im kleinen Kölner Club Luxor spielen sollte, war er für Kenner längst kein Geheimtipp mehr. Der Club war restlos ausverkauft. Wenige Stunden vor dem Konzert lief ich am Luxor vorbei, wo Buckley und seine Band vor der Tür standen und sich unterhielten. Er schaute mich kurz an, ich schaute ihn an. Erstaunlich klein war er und er sah verdammt gut aus. Ein ganz normaler Typ wie du und ich. Und doch ein geborener Star.

Doch Buckley überzeugte nicht nur durch seine unbestreitbaren Star-Qualitäten, sondern durch sein musikalisches Naturtalent, das er von seinem Vater, dem berühmten Songwriter Tim Buckley geerbt haben musste. Buckley spielte an diesem Abend hauptsächlich die Songs aus seinem Debütalbum "Grace", das Album, das die Musikwelt verändern sollte und von zahlreichen Bands wie Radiohead über Muse bis Coldplay später als wichtiger Einfluss genannt wurde. 

Es war soweit ein ganz normales, sehr gutes Rock-Konzert, das 500 Personen fassende Luxor gerammelt voll, als Buckleys Band die Bühne verlässt und er seine Gitarre stimmt, um seine Version von Leonard Cohens "Hallelujah" zu spielen. Den Song, den er vom Altmeister gestohlen und kurzerhand zu "seinem" eigenen gemacht hat. 

I did my best, but it wasnt much
I couldn't feel, so I tried to touch
I've told the truth, I didnt come to fool you
And even though it all went wrong
I'll stand before the Lord of song
With nothing on my tongue but Hallelujah
(Leonard Cohen - "Hallelujah")

Buckley macht nicht viele Worte und die braucht er auch nicht. Er ist vollkommen vertieft in seiner eigenen Musik und lässt sich viel Zeit. Der Raum ist muchsmäuschenstill. Obwohl die Bar mitten im Raum steht, denkt in diesem Moment niemand daran, sich ein Bier zu bestellen. Es liegt eine Spannung in der Luft, die ich bis heute nie wieder bei einem Konzert erlebt habe. Ein Mädchen fängt an zu kichern, weil es fast unheimlich leise ist in diesem üblicherweise sehr lauten Ort. Und dann setzt seine Stimme ein, diese kristallklare, göttliche Stimme, mit der Buckley die höchsten Töne auch live in Vollendung setzen kann. Es gibt vermutlich niemandem im ganzen Luxor, der keine Gänsehaut hat in diesem Moment. Eine der gefühlvollsten Stimmen jener Zeit singt einen der vermutlich besten Songs aller Zeiten live, nur begleitet von seiner Gitarre. Mehr geht nicht.

Es war ansonsten ein sehr gutes und bemerkenswertes Konzert, doch die Tatsache, dass der Sänger und Songschreiber trotz seiner 29 Jahre erst ganz am Anfang seiner Karriere stand und vermutlich noch lange nicht am Zenit seines Könnens war, machte es auch irgendwie zu einem ganz normalem Konzert. Man hoffte, in Zukunft noch so viel mehr von ihm zu hören.  

Doch dann kam alles anders. Sein zweites Album konnte er nicht mehr aufnehmen und es erschienen posthum zahlreiche Neuauflagen und Demos seiner wenigen Songs, Live-Aufnahmen oder von ein paar Demos, die er über die Jahre aufgenommen hatte.

Jetzt erscheint mit "You And I" noch ein Album mit Demoaufnahmen von Coverversionen. Darauf zu hören ist Jeff Buckley ganz intim, nur er und seine Gitarre und Songs seiner Helden Bob Dylan, Morrissey oder Led Zeppelin. Die Bänder wurden angeblich erst kürzlich entdeckt, doch seit Jahren wird der Markt mit neuen Buckley Alben versorgt, die er so zu Lebzeiten nie veröffentlicht hätte.

Jetzt sollte aber auch langsam mal Schluss sein, denn was uns Buckley mit diesem Talent und Gefühl bis zum heutigen Tag musikalisch hätte schenken können und welchen Stellenwert in der Rockgeschichte er heute hätte, werden wir nie erfahren und das wird auch durch die immer neuen Re-Issues nicht einmal ansatzweise angedeutet. 

Rest In Peace, Jeff Buckley.

Jeff Buckley - I Know It's Over (The Smiths Cover)

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