Lass mich die Nacht überleben

Jörg Böckem - Lass mich die Nacht überleben

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Junkie-Höllentrip

Jörg Böckem schrieb schon in jungen Jahren für die renommiertesten deutschen Publikationen, Zeit, Süddeutsche, Spiegel, und war gleichzeitig hochgradig heroinsüchtig. Nun hat er darüber ein Buch geschrieben, gnadenlos und ungeschminkt.

Mit 14 fängt Jörg Böckem mit Hasch an, kurz darauf kommen LSD und Koks dazu. Die Drogen sind Ausbruch, Protest und Genußrausch. Kurz vor dem Abi nimmt er zum ersten Mal Heroin, mit 19 sitzt er in Amsterdam im Knast. Es folgen Jahre, die sich, gleich einer endlosen Spirale, um Abstürze, Entzug und Therapien drehen. Mit Mitte zwanzig erfüllt sich trotzdem ein Traum, Böckem kann beim Szenemagazin Tempo Journalist werden. Aber vom Heroin ist kein loskommen, im Gegenteil.

Paradoxerweise entwickelt sich seine Karriere parallel zur Sucht, weil Jörg buchstäblich um sein Leben schreibt: "Ich kann mir nicht erklären, wie ich das durchgestanden habe", meint er. "Wenn ich mich erinnere, in welchem Zustand ich zu Fuß durch die Wüste für eine Reisereportage gelaufen bin, in welchem Zustand ich Regisseuren oder Musikern gegenübergesessen und Interviews geführt habe...". Aber bald schreibt er in der obersten Liga des deutschen Journalismus, mit der Angst vor Entdeckung als ständigem Begleiter.

Seine Musiker-Idole, allen voran Iggy Pop, sind Junkies. Er interviewt sie, ihre Musik bleibt Fixpunkt für Jörgs Melancholie oder Euphorie und seine sich steigernde Einsamkeit und Angst. Manchmal bietet die Arbeit ihm einen Ersatzrausch, für den er immer wieder clean zu werden versucht. Aber Heroin ist gefährlicher, verwegener, wilder - und hat mehr Kraft, als alles andere. In Böckems Worten: "Heroin schützt gegen jede Form von Schmerz. Man wird in Watte gepackt, emotional, psychisch, körperlich. Man ist belastbar in jeder Hinsicht, nichts erreicht einen mehr wirklich. Heroin befriedigt alle Bedürfnisse, die man hat, zumindest anfangs. Der Druck ersetzt den Orgasmus."

Die Spirale dreht sich immer weiter, die schlimmsten Exzesse kommen zwischen 30 und 35. Schließlich die Wende: Ein befreundeter Redakteur beim Spiegel bietet ihm an, sein Doppelleben anonym in einen Artikel zu packen, Böckem schreibt sich, kurz vor der dritten Drogentherapie, Verzweiflung und Selbsthaß von der Seele. Nach dieser Therapie ist er clean, und bleibt es - bis heute. Den Weg zurück in dieses Leben hat Böckem sich mit dem Schritt aus der Anonymität bewußt verstellt.

Unsere Hörprobe führt zurück in die Abi-Zeit, mit Jörg Böckem als zwischen Deutschland und Holland pendelndem Kleinkriminellen. Der Exzess-Wahnsinn spielt darin eine ebenso große Rolle, wie der Spaß, den das alles anfangs lieferte: Mit Sex, Drugs and Rock`n Roll raus aus der lauernden Kleinbürger-lichkeit.

Alexander Scheer wurde durch seine Hauptrolle in Leander Haußmanns Film "Sonnenallee" (1999) bekannt. Neben diversen Film- und TV-Rollen spielt er regelmäßig Theater. Momentan ist er in Hamburg in Shakespeares "Othello", sowie in Berlin in "Kokain" zu sehen.

5 CDs, ca. 6 Stunden

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