Kurt Sanderling dirigiert Beethoven und Brahms

Ludwig van Beethoven - Kurt Sanderling dirigiert Beethoven und Brahms

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Ein lebender Klassiker

Er hat zwar kurz vor seinem 90. Geburtstag seine Laufbahn beendet, aber mit mittlerweile 95 Jahren ist Kurt Sanderling der Nestor unter den weltweit anerkannten Dirigenten. Eine Legende, die noch mit den Großen der Vergangenheit gearbeitet hat.

Den Großteil seiner Karriere hat der in Ostpreußen als Sohn jüdischer Eltern geborene Kurt Sanderling in St. Petersburg (damals: Leningrad) und im ehemaligen Ost-Berlin verbracht, nachdem er als junger Mann aus Hitlerdeutschland flüchten mußte. Als begabter Musiker hatte er Optionen, sowohl in den USA, als auch in der damaligen Sowjetunion. Für seine Entscheidung war die Empfindung ausschlaggebend, nach der man "in den USA schon jemand sein mußte, während man in der UDSSR alles werden konnte".

Als Dirigent und Musikphilosoph ist Kurt Sanderling in eine Tradition von erklärten Vorbildern einzuordnen, die das deutsche Kernrepertoire zu "ent-mythologisieren" suchte. Das heißt, dass der interpretatorische Schwerpunkt auf minutiöser Partiturtreue, möglichst großer Schlankheit und Nüchternheit, sowie genauester rhythmischer Präzision lag. Hymnische, vergeistigte und romantische Lesarten voll tiefer Empfindung wurden von den Vertretern dieser Denkrichtung als die Musik verwässernd und verfälschend abgelehnt. Also war Sanderling musikalisch eher mit Klemperer und Toscanini verwandt, nicht mit Furtwängler, um die historisch einflussreichsten Antipoden zu nennen.

Dennoch, und das ist das ironische daran, haben fast alle Vertreter dieser "sachlichen" Richtung schließlich, über den Umweg der Altersweisheit, also in ihren letzten Jahren, vor der Notwendigkeit einer beseelten, vermenschlichten Interpretation kapituliert. So auch Sanderling. Weshalb die WDR-Aufnahmen von 1985 in dieser Doppelbox teilweise eminent gelungen sind. Man höre nur einmal, wie zart, wie gleichsam in goldene Herbstfarben getaucht er den ersten Satz aus Beethovens 6. Symphonie, der "Pastorale", musizieren läßt, der unser Hörbeispiel bildet.

Warum diese ideologischen Unterschiede der Auffassung wichtig, ja, in der Klassik vielleicht sogar entscheidend sind? - Weil etwa Beethovens zahlreiche Notizbücher eindeutig darüber Auskunft geben, wo er selbst sich und seine Musik geistig angesiedelt sah. Im Idealismus und Humanismus nämlich. Also haben gerade die Bedenkenträger einer vermeintlichen Verwässerung eben diese begangen. Aber Kurt Sanderling war darüber 1985 glücklicherweise längst hinaus...
(hr)

2 CDs, ca. 101 Minuten

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