36 Stunden

Ödön von Horvath - 36 Stunden

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Sie hatte halt so ihre Geschichten, das Münchner Fräulein Pollinger. Sie fiel bei den besseren Herren nirgends besonders auf, denn sie hatte nur eine Durchschnittsfigur und ein Durchschnittsgesicht. Sie war nicht einmal hübsch, nur nett...

Wer Ödön von Horvath nicht kennt, dem sei zur Vorsicht geraten: Hier besteht akute Verätzungsgefahr! Seine Fähigkeit, hinter der Maske der Gewöhnlichkeit das Schauerlich-Verschurkte hervorzuzerren, ist nur noch der seines geistigen Bruders Karl Kraus vergleichbar.

So auch in diesem Prosawerk, nach Reich-Ranicki das Einzige, welches seinen Theaterstücken, etwa den berühmt-berüchtigten "Geschichten aus dem Wienerwald" ebenbürtig ist. Erzählt wird die Geschichte eines arbeitslosen Münchner Mädchens, das sich ein wenig zu oft mit den Männern einläßt. Natürlich hat ihr das Schicksal übel mitgespielt, aber bei von Horvath ist (wie im Leben) niemand schuldlos - oder rein.

"Nun besteht aber Deutschland wie alle übrigen europäischen Staaten zu neunzig Prozent aus vollendeten oder verhinderten Kleinbürgern (...) Will ich also das Volk schildern, darf ich natürlich nicht nur die zehn Prozent schildern, sondern als treuer Chronist meiner Zeit, die große Masse. Das ganze Deutschland muß es sein!" So schrieb der gebürtige Ungar 1932 sein literarisches Programm fest, das er in eine radikale Entlarvungspsychologie umsetzte, die heute leider genauso treffend ist, wie vor 70 Jahren.

"Wie in allen meinen Stücken versuchte ich auch diesmal, möglichst rücksichtslos gegen Dummheit und Lüge zu sein, denn diese Rücksichtslosigkeit dürfte wohl die vornehmste Aufgabe eines schöngeistigen Schriftstellers darstellen..."
Diese Randbemerkung zu "Glaube, Liebe, Hoffnung" trifft ebenso auf "36 Stunden" zu: von Horvath war einer der rücksichtslosesten Schriftsteller aller Zeiten, wovon man schon im Hörbeispiel einen kleinen Vorgeschmack bekommt.

"Man wirft mir vor, ich sei zu derb, ekelhaft, zu unheimlich, zu zynisch und was es dergleichen noch an soliden, gediegenen Eigenschaften gibt - und man übersieht dabei, daß ich doch kein anderes Bestreben habe, als die Welt zu schildern, wie sie halt leider ist."

Ödön von Horváth wächst als Sohn eines ungarischen Diplomaten auf. Während der Schulzeit häufiger Ortswechsel (Belgrad, Budapest, München, Wien, Preßburg); Er wechselt viermal die Unterrichtssprache und schrieb nach eigener Aussage erst mit vierzehn Jahren den ersten deutschen Satz. Wie man sich vorstellen kann mußte er Deutschland sehr bald nach 1933 verlassen, obwohl er auf eigenen Antrag im nationalsozialistischen Reichsverband Deutscher Schriftsteller Mitglied war. 1938 wurde er auf den Champs-Elysées in Paris von einem herabfallenden Ast erschlagen.

Ausgewählt für die hr2 Hörbuch-Bestenliste

2 CDs, ca 118 Minuten

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