The Hope Six Demolition Project

PJ Harvey - The Hope Six Demolition Project

Redaktionswertung: 
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herausragend
Gesamtkunstwerk

Nach ihrem vielfach preisgekrönten Album "Let England Shake" kehrt PJ Harvey mit einem ambitoniertem Album im April zurück. "The Hope Six Demolition Project" schlägt vom Ohr direkt in die Magengegend.

PJ Harvey brachte 2011 mit "Let England Shake" das royale Königreich zum Beben. Sie als Person, ihr mit Preisen überhäuftes Album als Ganzes sowie ihr gesamtes musikalisches Schaffen war Thema in Fernsehdebatten und eine Zeit lang nicht aus den Medien zu kriegen. Für Harvey als Musikerin bedeutete ihr achtes Album einen 180°-Wandel.

Schrieb sie bislang vorrangig über ihr Innerstes, über Emotionen, Gefühle, zwischenmenschliche Beziehungen und alles was ansatzweise mit dem großen Thema Liebe zu tun hatte, wandte sie damit ihren Blick nach außen. Öffnete ihn für das, was draußen in der Welt passiert. Besser gesagt, passiert ist. Ein Ereignis, dessen Bilder sich tief ins kollektive Gedchtnis eingebrannt haben. Es sind die Bilder der Schützengräben, der Massenabschlachtungen, der Toten und Verletzten, Bilder, die das unsägliche Leid nur bruchstückhaft beschreiben können. Sie widmete sich den Ereignissen des ersten Weltkriegs.

War in "Let England Shake" noch ihre Heimat im Fadenkreuz, ist für PJ Harvey jetzt nicht weniger als die ganze Welt als Ziel. Es ist eine Abrechnung mit der politischen Elite dieser Welt - schonungslos und voll von Verurteilungen. Es ist das einzig logische Produkt aus ihren langen Reisen durch den Kosovo, Washington und Afghanistan, dem eine Austellung und komplett öffentliche Aufnahmen vorausgingen - mehr multimediales Kunstwerk als Album. 

Für den Song und das Video "The Wheel" ist sie gemeinsam mit Filmemacher Seamus Murphy mehrfach nach Kosovo gereist, um sich dort umzuschauen und das Erlebte in Gedichten und Musik zu verarbeiten. Im Song singt sie über die geschätzt 28000 Kinder, die während des Kosovo-Krieges einfach verschwunden sind.

Neben dem hochpolitischem Inhalt überzeugt Harvey musikalisch mit einem beinahe markerschütterndernd bedrohlichem Grundton. Mittels Field Recordings - also Aufnahmen von Alltagsgeräuschen - unzähligen Spielarten percussionistischer Unterstützung, mit Autoharp und leidenschaftlichen Gitarrensoli unterlegt Harvey die mitreißenden Geschichten. Eine davon beschliesst das Album: ein kleiner Junge mit vernarbtem Gesicht läuft Harveys Auto hinterher und schreit nach ein paar Dollar. Das Gefühl, was einem überkommt, wenn sich solch ein Leid in die Augen und zweifelsfrei auch ins Hirn einbrennt ist Inhalt von "Dollar Dollar". 

Ohne Umschweife oder bildhafte Metaphern ist das Abbild der Realität, der Ereignisse die Harvey am eigenen Leib gespürt, gelebt und mehr oder weniger verarbeitet hat, der große rote Faden.

Das Thema ist schwer, der Grundton bedrohlich, das Album geht vom Gehörgang direkt in die Magengegend und schlägt dort mächtig ein. Ein flaues Gefühl bleibt zurück. Und die berechtigte Frage, ob die Form des Albums, nicht eine eher ungeeignete ist, ihre Erlebnisse zu schildern.

Hier aber kommen mehrere Sachen zusammen: den Fehler "The Hope Six Demolition Project" isoliert als einzelnes Werk zu betrachten, darf man nicht begehen. Erst im Zusammenhang mit der Ausstellung und der Transparenz, in dem die Aufnahmen stattfanden entsteht ein konkretes Bild. So und nicht anders ist das neunte Studioalbum von PJ Harvey zu verstehen. Und in dieser Gesamtheit, ist es ein grandioses.

Das Album wurde vor Publikum in London live eingespielt und ist soeben erschienen.

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