Richard Walters / "A.M."

Richard Walters - A.M.

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
Blau und Rot

Die weitläufige Kategorie „Singer-Songwriter“ riecht immer etwas ungekämmt nach Lagerfeuer. Richard Walters zieht auf seinem neuen Album den Pop-Joker und zeigt, dass Folk auch anders kann.

Der Werdegang des Singer-Songwriters aus Oxford ist ebenso turbulent, wie beeindruckend. Nach diversen Bands ist er seit 2007 solo unterwegs, hat mit Kollegen wie Bernard Butler, Guy Sigsworth, Alison Moyet und Ólafur Arnalds gearbeitet und 4 EPs sowie 3 Alben herausgebracht.

Amerikanische Serien wie CSI, Bones oder Grey’s Anatomy nutzen seine Songs gern, wenn es besonders emotional wird. Dennoch steht hinter Walters kein Major: Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er ein kleines Indie-Label und macht von A bis Z alles in liebevoller Heimarbeit.

Die Vorabsingle „U“, gemeinsam mit Ex-Dry The River-Sänger Peter Liddle geschrieben, eröffnet das vierte Album noch in ungewohnt opulentem Arrangement. Doch die wahre Stärke des Briten sind die leisen Töne. Für diese wunderbar intimen Momente braucht Walters nicht viel mehr als eine Gitarre oder leichte Piano-Tupfer und seine Stimme.

Klassisches Songwriter-Handwerk dominiert „A.M.“ auf ganzer Linie; Gitarren, Piano, vereinzelte Streicher und dezente Elektronik bilden die Basis. Die Produktion von Aidan O’Brien unterzieht den Folk-Pop einer behutsamen Modernisierung, hält sich aber angenehm zurück und versucht nicht, Trends zu setzen, wo einfach keine hingehören.

Das restliche Personal ist ebenfalls übersichtlich, Multi-Instrumentalist Walters muss nur selten Gastmusiker ins Studio bitten und erledigt weite Teile des Albums im Alleingang.

Die Lyrics offenbaren sein großes Talent für packende Geschichten, ob autobiografisch oder fiktiv. „Awards Night“ erzählt aus der Perspektive des Musikers Elliott Smith während dessen denkwürdiger Oscar-Performance vor gelangweilten Hollywood-Millionären vom ewigen Ringen des Künstlers um Aufrichtigkeit, in „New Heart“ wird der werdende Vater beim Anblick seiner noch ungeborenen Tochter auf dem Monitor der Artpraxis von seinen Gefühlen überwältigt. „Your new heart beats in blue and red“. Schöner kann man ein Kardiogramm wohl kaum beschrieben.

„A.M.“ ist ein leises, unaufdringliches Album für Menschen, die sich mit Musik eingehender befassen wollen und können, als das heute allgemein üblich (und nötig) ist. Es verlangt Aufmerksamkeit und Ruhe, belohnt dann aber mit Songs, die sich Schritt für Schritt in Herz und Ohr schleichen und beides so bald nicht mehr verlassen.

Der Fokus liegt vor allem auf Walters’ klarer, berührender Stimme - und wer sie hört, weiß, warum. Einen perfekten Eindruck bietet die Demo-Version von „Where Were You?“, die ihr euch hier gratis runterladen könnt:

Tonspion Newsletter

Alle wichtigen Neuigkeiten aus der Welt der Musik einmal wöchentlich in deine Mailbox.
Kein Spam, versprochen! Du kannst dich in jedem Newsletter wieder abmelden.
* Pflichtfeld

Tonspion präsentiert täglich die beste neue Musik mit Streams, Videos und kostenlosen Downloads sowie die wichtigsten Neuheiten aus dem Netz. Folge uns auf Facebook:

▶ Du möchtest einen Beitrag bei Tonspion veröffentlichen? Schicke uns deine Idee!

Ähnliche Künstler

Ähnliche News

Größere Hallen für Ben Howard

Größere Hallen für Ben Howard

Emmy The Great als Support bestätigt
Surferboy Ben Howard braucht größere Hallen. Inzwischen wurden auch die Auftritte des smarten Briten in Berlin, Dresden und Frankfurt in größere Venues verlegt. Zudem darf man sich über Emmy The Great im Vorprogramm seiner „Every Kingdom“-Tour im April freuen.
Wenn der Morgen "eclectic" wird: KCRW und sein Musikarchiv

Wenn der Morgen "eclectic" wird: KCRW und sein Musikarchiv

Wenn der Morgen „Eclectic“ wird, dann hat man sich wahrscheinlich beim kalifornischen Kultradiosender KCRW eingeloggt, geniesst das ausgezeichnete Musikprogramm oder wühlt im umfangreichen Archiv der Radiostation. Und das kann Wochen dauern...
Tonspion beim Festival Internacional de Benicassim pt. II

Tonspion beim Festival Internacional de Benicassim pt. II

Wir erinnern uns: Wohlverdient macht der Tonspion Urlaub und fährt für Festivalfreude nach Spanien. Für alle, die seine sanft drückende Promotion und die schicke Compilation nicht überzeugen konnten: Teil II seines, unseres FIB-Berichtes.

Empfehlungen