The Slow Show / "Dream Darling"

The Slow Show - Dream Darling

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
Süßer Schmerz

Mit ihrem Debüt platzierten The Slow Show ausgerechnet eine der Wiegen britischer Popmusik mitten auf der Americana-Landkarte: Manchester. Jetzt melden sie sich mit einem neuen Album zurück und setzen den hohen Erwartungen eine beeindruckende Kraft entgegen: Ruhe.

Da ist es nun also, das schwierige zweite Album. Die Bewährungsprobe. Zahllose Bands sind bereits daran gescheitert, sich nach einem guten Debüt entweder wiederholen oder neu erfinden zu müssen. Will man beides nicht, hat man schon fast verloren.

The Slow Show haben sich in dieser Hinsicht gleich zwei Gruben gegraben: sie stehen für ein Genre, in dem Tradition vor Innovation geht und sie haben mit ihrem Debüt "White Water" die Messlatte auf eine beängstigende Höhe gelegt. Die Aussage von Sänger Rob Goodwin, man habe noch nie im Leben so hart an etwas gearbeitet wie an diesem Album, ist also nachvollziehbar.

Einen radikalen Wandel vollzieht die Band aus Manchester auf dem neuen Album nicht. "Dream Darling" knüpft nahtlos an seinen Vorgänger an, zielt mitten ins Herz und nutzt dafür die bewährten Mittel: Streicher, Bläser, Chöre, das volle Programm. Die Band hat ihren Namen klug gewählt: alles an dieser Musik verströmt eine bedächtige Ruhe - und alles ist gründlich durchkalkuliert. The Slow Show wissen sehr genau, welche Knöpfe sie drücken müssen und tun dies auch sehr effektiv.

Das Leitmotiv ist erneut die Melancholie, alles hurts Iike hell und dennoch ist "Dream Darling" nicht depressiv, ganz im Gegenteil. Euphorie und ein undefinierbares Gefühl von Weite und Freiheit breiten sich aus.

Das mag an den sinfonischen Arrangements liegen oder am Trost in Goodwins Stimme, wenn er vor der ganz großen Kulisse seiner Band in dramatischem Parlando über das Leben im Allgemeinen und die Liebe im Besonderen sinniert. Neben viel Schmerz liegt eben auch viel Wärme in seinem "wir beide gegen den Rest der Welt"-Bariton. "Who's breaking your heart tonight?" fragt er gleich zu Beginn und man würde es ihm ohne Zögern anvertrauen.

Auch Album Nummer Zwei setzt auf den Kontrast von Opulenz und Schlichtheit. Die Songs glänzen entweder durch Fülle („This Time“) oder Reduktion („Lullaby“); größte Stärke der Band ist dabei das Gespür für die exakt richtige Dosierung zur exakt richtigen Zeit. Die stilsichere und sorgfältige Produktion bewahrt dabei vor dem Kitsch und hebt „Dream Darling“ noch weiter über den Durchschnitt seines Genres als das ebenfalls schon sehr beeindruckende Debüt.

Die Band ist ganz offensichtlich an den Erfahrungen der vergangenen Monate gewachsen und hat an Selbstvertrauen gewonnen. Das gereifte Songwriting erlaubt sowohl inhaltlich als auch musikalisch einen größeren Rahmen als bisher und auch die weibliche Note durch Gastsängerin Kesha Ellis bekommt den Songs außerordentlich gut.

Der Zauber wirkt, die große Slow Show funktioniert auch beim zweiten Mal reibungslos. Ergebnis der eingangs erwähnten Mühen ist ein außergewöhnliches und zeitloses Album, mit dem sich Band von großen Vorbildern wie The National oder Lambchop endgültig freischwimmt. Diesem erhabenen Sound kann man sich kaum entziehen.

Warum sollte man auch, wenn am Ende der 40 wohltuend entschleunigten Minuten die beruhigende Erkenntnis wartet, dass auch für die Romantiker unter uns die Welt noch nicht verloren ist. Es gibt sie noch, die ganz großen Songs über das eine, universelle Thema. Und es gibt noch Bands, die diese Geschichten erzählen. Leise Geschichten für eine laute Welt. Dafür kann man ihnen gar nicht genug danken. 

 

"Dream Darling" erscheint am 30.9.2016 via Haldern Pop Recordings.

Live:
16.11.16. Köln, Kulturkirche (Ausverkauft)
17.11.16. Hamburg, Knust
18.11.16. Berlin, Gretchen
19.11.16. München, Ampere

Tonspion präsentiert täglich die beste neue Musik mit Streams, Videos und kostenlosen Downloads sowie die wichtigsten Neuheiten aus dem Netz.

amazon music unlimited

Tonspion Newsletter

Alle wichtigen Neuigkeiten aus der Welt der Musik einmal wöchentlich in deine Mailbox.
Kein Spam, versprochen! Du kannst dich in jedem Newsletter wieder abmelden.
* Pflichtfeld

Ähnliche Künstler

Ähnliche News

Jahresrückblick 2015: Daniel Ibald

Jahresrückblick 2015: Daniel Ibald

Die besten Alben, Songs und Videos des Jahres
Weihnachtszeit ist Listenzeit und wieder einmal kämpft sich der geneigte Redakteur durch hunderte Namen, die in den vergangenen 12 Monaten Eindruck hinterlassen haben: unverhofft gute Alben alter Helden, eine nicht enden wollende Flut spannender Newcomer und zahlreiche Konzert-Highlights - der Jahresüberblick von Daniel Ibald.
Black Oak mit traumhaft schönem Song zum Muttertag

Black Oak mit traumhaft schönem Song zum Muttertag

Mama ist die Beste
The Black Atlantic und I am Oak haben gemeinsam eine EP aufgenommen, waren zusammen auf Tour. Jetzt der Entschluss: Aus dem vorübergehenden Projekt 'Black Oak' wird eine feste Band. Zum Muttertag beschenken die beiden Holländer unser aller Mütter mit einem Ständchen.
Stream: The National – Lean

Stream: The National – Lean

Neuer Song aus dem Soundtrack zu „Die Tribute von Panem 2“
Ende November kommt der Blockbuster „Die Tribute von Panem 2“ in die Kinos. Neben Coldplay sind auch The National mit einem neuen Song auf dem Soundtrack des Films vertreten. Hier kann man „Lean“ streamen.
The National live auf You Tube

The National live auf You Tube

Dokumentarfilm-Legende D.A. Pennebaker führt Regie
Am Freitag erscheint "High Violet" von The National. Eine Woche später, in der Nacht vom 15. auf den 16.05. spielt die Band ein Konzert in New York, das auf You Tube in voller Länge zu sehen sein wird. Besonderes Highlight der Übertragung: Dokumentarfilm-Legende und Musikvideo-Pionier D.A. Pennebaker wird gemeinsam mit seiner Frau Regie führen.