Aus den Tagebüchern 1953 - 1955

Thomas Mann - Aus den Tagebüchern 1953 - 1955

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Alltag eines Meisterschriftstellers
Hier erfährt man alles über Thomas Mann, blickt in sein Innerstes: Die Selbstzweifel eines 79-jährigen, der sich für untätig hält, Kommentare zu Wagner, den USA oder dem verächtlich so titulierten "Adenauer-Deutschland": Thomas Mann verschweigt nichts!

Seine Laufbahn als Schriftsteller begann Thomas Mann 1893 mit der Prosaskizze "Vision" und endete sie kurz vor seinem Tod 1955 mit einem Geleitwort zur Anthologie "Die schönsten Erzählungen der Welt". In diesen sechs Jahrzehnten schrieb Mann acht Romane, mehr als dreißig Novellen, ein Schauspiel, ein Versepos, zahlreiche Essays, politische Manifeste und an die dreitausend Briefe. Er war streitbar und verschlossen, politisch links - und doch ein Großbürger, schwul - und doch nicht, ein Dichterfürst - und doch nicht. Hinter vielen Widersprüchen blieb der Mensch absichtlich unsichtbar.

Doch der große Unnahbare führte er sein Leben lang Tagebuch. Erst 1975, nach seinem Willen 20 Jahre nach seinem Tod, durften sie veröffentlicht werden. "Without literary value" hatte auf der Kiste gestanden, in der Mann sein Innerstes der Nachwelt überantwortete, eine Selbsteinschätzung, die viele Kritiker teilten, als die ersehnten Aufzeichnungen endlich publiziert wurden. Zu genau, zu banal, zu un-literarisch hatte Mann alles niedergeschrieben, was ihn im Lauf eines Tages an Größerem und Alltäglichen bewegte. Heute sieht die Forschung gerade darin den überragenden Wert der Tagebücher: 1:1, gleichsam von innen, erfährt man alles über Thomas Mann, man geht auf den Wegen und Stegen mit, die einer der komplexesten Geister des 20. Jahrhunderts beschritt. "Auf daß die Welt mich kenne" war das Motto, unter das Mann selbst die Veröffentlichung gestellt hatte.

Erhalten sind die Tagebücher von September 1918 bis Dezember 1921 sowie von März 1933 bis Juli 1955. Unser Hörbeispiel aus dem Jahr 1954 beinhaltet u.a. die Sehnsucht noch einmal ein großes Thema zu finden, tiefe Selbstzweifel, eine ziemlich boshafte, aber treffsichere Wagner-Kritik sowie Manns Entscheidung, eine "Buddenbrooks"-Verfilmung platzen zu lassen, falls sie nicht in Zusammenarbeit mit der DDR-Filmgesellschaft DEFA gemacht werde.

Der 1875 in Lübeck geborene Patriziersohn Thomas Mann gilt als der größte deutsche Romancier des 20. Jahrhunderts. In seinem Werk sind alle Strömungen, die im wilhelminischen Zeitalter den deutschen Menschen ausmachten und letztlich ins Unheil führten, brillant und tiefsinnig aufgeschlüsselt. 1929 bekam Mann den Nobelpreis. Nach Jahren im amerikanischen Exil, von wo aus er das NS-System bekämpft hatte, kehrte er 1952 nach Europa zurück und lebte für den Rest seines Lebens in der Schweiz.

2 CDs, ca. 130 Minuten

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