Viola Beach / "Viola Beach"

Viola Beach - Viola Beach

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
9 Lieder für die Ewigkeit

Die Songs der britischen Band Viola Beach haben, was vielen anderen fehlt. Die Kritiken sind gut, die Erfolgschancen stehen bestens. Die vier Musiker werden diesen Erfolg nicht mehr erleben. Sie alle starben Anfang dieses Jahres bei einem Unfall. Nun erscheint das wohl traurigste Album seit langem: Das Debüt, das gleichzeitig ein Abschied ist.

Am frühen Morgen des 13. Februar 2016, auf dem Rückweg von einem Festival-Auftritt im schwedischen Norrköping, durchbrach der Wagen der Band und ihres Managers die Absperrungen einer für den Schiffsverkehr hochgezogenen Brücke, stürzte in den Kanal und riß alle fünf Insassen in den Tod. Die Unfallursache ist noch immer ungeklärt.

Von drastisch überhöhter Geschwindigkeit war die Rede, ein technischer Defekt von Schranke und Warnlichtern wurde ausgeschlossen, Alkohol war laut Autopsie nicht im Spiel. Was wirklich passiert ist, wird man wohl nie erfahren. Ebenso spekulativ bleibt, was hätte werden können. Denn jetzt erscheint posthum das Album, das der Band den Durchbruch bringen wird.

„Durchbruch“ ist in diesem Fall natürlich ein makaberes Wort. Doch genau daran hat die Band so hart gearbeitet. Die BBC war bereits aufmerksam geworden, mit den Singles „Swings And Waterslides „ und „Boys That Sing“ feierte man erste Erfolge, Bookings für die großen Festivals waren für diesen Sommer bestätigt. Der Auftritt in Schweden war ihr erster außerhalb der Heimat. Es sollte ihr letzter bleiben.

Ob die Band das vorliegende Album so veröffentlich hätte darf bezweifelt werden. Hier finden sich die ersten Singles neben weiteren Songs, die für eine spätere EP bestimmt waren. Erst danach sollte am „richtigen“ Album gearbeitet werden. Man wollte sich Zeit lassen und nun ist Zeit genau das, was Viola Beach nicht mehr haben. Das macht diese Compilation zum einzigen Vermächtnis einer Band, deren Karriere gerade erst so richtig beginnt. In der kommenden Woche werden Viola Beach wohl die UK-Charts anführen. Wetten?

Unter der Kontrolle der Band wäre das Debüt vermutlich anders ausgefallen. Geschlossener, konsequenter, wahrscheinlich ohne die frühen Singles. Das vorliegende Album ist notgedrungen ein Flickenteppich aus dem bereits aufgenommenen Material. Doch hinter der Veröffentlichung steckt kein Musikverwertungskonzern mit beiden Händen in der Bandkasse sondern die Familien der Musiker, die sich mit dieser Zusammenstellung im Namen ihrer Söhne von den Fans verabschieden wollen. Und daher wurde dieser Flickenteppich mit viel Herz und Respekt vernäht.

Die 9 Songs zeichnen das Bild einer jungen Band, die schon früh ein großes Verständnis für Pop entwickelt und in bester britischer Tradition unverschämt eingängige Hits unter der notwendigen Portion Dreck versteckt: „Drunk“ ist einer der wohl besten Popsongs des Jahres, „Call You Up“ lässt schmerzlich erahnen, welches Songwriter-Talent hier mit Sänger Kristian Leonard in den Startlöchern stand. Keine Frage, die Erfüllung all ihrer Träume stand diesen Jungs kurz bevor. Und es macht gleichermaßen zufrieden und traurig, diesen Satz zu schreiben.

Die tragische Aura, die dieses Album umgibt, wird es wohl nie verlieren. Aber um ans Herz zu gehen, hätte es diese sicher nicht gebraucht. Viola Beach erinnern an Razorlight und The Kooks in ihren besten Tagen; der Vorwärtsdrang der frühen Arctic Monkeys vermischt sich mit den großen Melodien der Vaccines.

Es ist Britpop der alten Schule, ein wenig aus der Zeit gefallen, direkt und ehrlich. Viola Beach wollen nichts, sie machen einfach. Das hat unglaublich viel Charme und Energie und so siegt am Ende einer äußerst kurzweiligen halben Stunde dann auch der Spaß über die Traurigkeit.

Natürlich bleibt ein bitterer Beigeschmack. Doch das Vermächtnis dieser Band ist ein anderes: lebe den Moment, gib alles und genieße jede Sekunde. Wenn die Essenz deines Lebens 34 Minuten Popmusik ist, klingt das nur im ersten Moment erschreckend bedeutungslos. Denn wenn diese 34 Minuten dich um die ganze Welt tragen, völlig fremde Menschen begeistern und sogar noch nach deinem Tod deinen großen Traum wahr werden lassen, dann ist doch doch eigentlich verdammt viel.

Video: Coldplay widmen ihren Glastonbury-Auftritt der verstorbenen Band Viola Beach

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