Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios

Yann Martel - Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios

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Dreimal zieht Yann Martel hier den geneigten Zuhörer mit seiner Fabulierkunst durch den schmalen Spalt des gerade-noch-Möglichen, aber nicht ganz Wahrscheinlichen. Seine Helden erleben Geschichten, die allesamt dem Motto folgen: Erzählen heißt Leben.

Die erste Geschichte handelt von einem Mann, der einen Aids-kranken Freund in den Tod begleitet. Die beiden Freunde erfinden gemeinsam die Geschichte einer finnischen Familie, der Helsinki-Roccamatios, von deren Schicksal sie sich abwechselnd erzählen. Während die Familie auf ihrem verschlungenen Weg durch das 20. Jahrhundert von Schicksalsschlägen heimgesucht und von Freude überrascht wird, erlebt der Hörer zugleich den traurigen Verfall des Todgeweihten mit. Doch die Erzählung verlängert sein Leben und erleichtert sein Sterben.

In der zweiten Geschichte geht es um einen Vietnam-Veteranen, der seinen Lebensunterhalt als Putzmann verdient und in seiner Freizeit unermüdlich komponiert. Schließlich kommt seine große Chance und obwohl "Die dissonante Violine" bei der Uraufführung komplett danebengeht, sind die Zuhörer am Ende ergriffen.

Vielleicht die beste Geschichte, welche am längsten haften bleibt, ist "1096 Arten zu sterben". Jeweils per Brief an die Mutter beschreibt der Direktor einer Strafvollzugsanstalt die Exekution (durch Erhängen) eines jungen Mannes. Dieser Vorgang wird neun Mal vorgeführt (im Hörbeispiel: Todesart Nr. 18/1096). Jedesmal stirbt der Verurteilte anders, mal ängstlich, mal gefaßt, mal durch Selbstmord. In einer Variation stirbt er gar eines natürliches Todes, in einer anderen redet er vorher die ganze Nacht mit einem Priester.

Die Briefe an die Mutter erzeugen durch ihren pervers sachlichen Ton ganz automatisch eine hämisch schneidende Anklage gegen die Todesstrafe und bleiben gerade deshalb haften, weil das nie ausgesprochen wird. Stets ist da nur die distanzierte Stimme des Direktors, die emotionslos präzise erzählt, was sich in der Nacht vor der Hinrichtung zugetragen hat.

Yann Martel wurde 1963 in Spanien geboren. Als Diplomatenkind wuchs er in Costa Rica, Frankreich, Mexiko, Alaska und Kanada auf. Später lebte er noch im Iran, in der Türkei und in Indien. Er ist studierter Philosoph und wohnt nun in Montreal. Sein Roman "Schiffbruch mit Tiger" (der auch als DG-Hörbuch erhältlich ist) erhielt 2002 den "Booker Prize". Zur Zeit hat Martel eine Gastprofessur an der freien Universität Berlin inne.

Ungekürzte Lesung
4 CDs, ca. 315 Minuten

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