2016 - Das ziemlich egale Musikjahr

Ein offener Brief an die Singlecharts

Früher vergöttert, später verhasst - heute egal. Ein alter Freund der Singlecharts wendet sich an seine einstige Hassliebe und hofft, dass sie bald wieder polarisiert.

Liebe Singlecharts,

ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Viva und MTV mich nachmittags noch mit den neuesten Musikvideos versorgten und mir die Highlights der aktuellen Popmusik präsentierten. Auch Maxi-CDs übten noch einen Reiz auf mich aus, auch wenn ich im Nachhinein nicht verstehe, wie ich mein mickriges Taschengeld für einen Song und ein paar unbrauchbare Remixes ausgeben konnte. Freitagabends saß ich dann immer vor dem Radio und hörte zu, wie ihr Woche für Woche aktualisiert wurdet - immer mit dem Finger auf der Recording-Taste meines Kassettenfachs. Dann kam "The Way I Am" von Eminem und ich drückte erregt auf den Aufnahmeknopf - und war umso wütender, wenn der Radiomoderator vor Ende des Songs in die letzten Töne quasselte.

Eminem - The Way I Am

Wenn ich mir euch im Jahre 2016 so anschaue, bin ich mir nicht sicher, ob ihr auf die jungen Menschen heute noch so faszinierend wirken könnt, wie ihr es vor 15 Jahren bei mir geschafft habt. Die Musikbranche ändert sich natürlich kontinuierlich und die Dinge, die mit der eigenen Entwicklung zusammenhängen, verklärt man im Nachhinein oft, aber ich fürchte euch, liebe Singlecharts, fehlt seit einigen Jahren der Biss.

Als ich in die Pubertät kam und mir zehn Jahre nach seinem Tod die Haare wie Kurt Cobain wachsen ließ, verstieß ich euch. Ihr habt mir nicht nur die harten Gitarren verwehrt, nach denen ich lechzte, ihr habt gleichzeitig Las Ketchup, Schnappi das kleine Krokodil und den Crazy Frog aus der Klingeltonwerbung gefeiert. Die 00er-Jahre waren zweifellos ein dunkles Kapitel in eurer Geschichte, auf die ihr nicht stolz sein solltet. Im Gegensatz dazu kann man sich heute aber nicht einmal mehr über euch aufregen und das ist fast noch schlimmer.

Las Ketchup - The Ketchup Song (Asereje)

Ihr seid zu einer Aneinanderreihung des immer gleichen Songs verkommen. Dieser Song ist eine Zusammenarbeit von einem DJ und einer meist unbekannten Sängerin, die häufig ein bisschen unnahbar und kühl wirkt. Die Produktion ist super, er geht ins Ohr, manchmal erwische ich mich sogar dabei, dass ich an einem guten Tag dazu in der Wohnung pfeiffe, wenn er wieder einmal im Radio läuft. Ist er vorbei, habe ich ihn aber schon wieder vergessen und es kommt der nächste. Von wem genau das Lied stammt, weiß ich nicht. Schlimmer noch: es interessiert mich gar nicht.

Ihr ärgert mich nicht mehr mit nervigen Ohrwürmern von sogenannten Künstlern, die ich dann genüsslich hassen könnte. Ihr rankt Fahrstuhlmusik, die möglichst brav auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der momentanen Popkultur kommen möchte. Als ich mich für die Recherche für einen Jahresrückblick mit deinen wöchentlichen Top Five befasste, stieß ich auf Namen und Songtitel, die ich entweder noch nie gehört hatte oder nicht zuordnen konnte: Matt Simons, Mike Posner, Alan Walker, Jonas Blue feat. Dakota, Mike Perry feat. Shy Martin, Kungs vs. Cookin' on 3 Burners, Imany und so weiter.

Jonas Blue feat. Dakota - Fast Car


Einige der erfolgreichsten Songs des Jahres kamen mir beim Hören dann schon bekannt vor, merken konnte ich mir die dazugehörigen Namen dennoch nicht. Es sei denn, es handelte sich um House-Cover-Versionen alter Hits wie das neue "Would I lie to you" vom Meister der musikalischen Belanglosigkeit David Guetta. Das ist schade, denn Musik ist immer noch Kunst und Kunst sollte etwas in einem auslösen - positiv wie negativ.

Dies soll keine Abrechnung mit dem Mainstream-Pop sein. Es gab wie gesagt schon weitaus schlimmere musikalische Zeiten. An diese wird man sich aber noch lange mit Grauen erinnern, an das Musikjahr 2016 wohl eher nicht. Ich befürchte, das bleibt herzlich egal und ihr, liebe Singlecharts, steht als Repräsentant für den langweiligen Soundtrack des Jahres. So kann ich mich leider nur dem Motto der BVG anschließen.

BVG - Is mir egal

Ich hoffe, ihr schafft es bald wieder, mich zu ärgern, meinen gesunden Menschenverstand mit fürchterlichem Schund auf die Probe zu stellen oder mich sogar zu begeistern. Hauptsache ihr polarisiert wieder.

Liebe Grüße

ein alter Freund

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