"Akzeptiert Filesharing, oder sterbt"

In einem langen Brief an die National Association of Recording Arts and Sciences (NARAS) setzt sich der erfolgreiche Musikproduzent John Snyder intensiv mit dem Thema MP3 und Filesharing auseinander (wir berichteten). Hier die Übersetzung einiger Auszüge des lesenswerten Werkes in Kürze.

Über Airplay:
?Warum zahlen Plattenfirmen teuer für Radio-Airplay und bekämpfen Internet-Airplay?? (?)
?Die Leute kreieren jetzt ihr eigenes Radioprogramm auf ihren Festplatten und sie ändern es regelmäßig.? (?) ?Sie stellen ihre eigenen MP3 Playlisten zusammen und wenn Labels smart sind, dann tun sie alles in ihrer Macht stehende, um auf diesen Playlisten zu sein, genau so wie sie alles in ihrer Macht stehende tun, auf den Playlisten der Radiosender zu sein. Stattdessen schreien sie ?Urheberrechtsverletzung? und rufen ihre Anwälte.?

Über CD Preise:
?Der Preis ist ein Hauptgrund für den Rückgang von CD Verkäufen.? (?) ?Es gibt heute fünf oder sechs neue und wachsende Möglichkeiten seinen ?Entertainment-Dollar? auszugeben.? (?) ?Im Vergleich zu all diesen neuen Möglichkeiten ist das Produkt, das von Plattenfirmen vermarktet wird beschränkt und überteuert. Tragbare CD-Player werden von iPods abgelöst. Statt 12 Songs auf einer CD sind 1500 Songs auf einem iPod. Warum sollten CD Verkaufszahlen dann nicht rückläufig sein? Tatsächlich kann die Tonträgerwirtschaft froh sein, überhaupt noch am Leben zu sein.?

Über die Filmwirtschaft:
?Seit 1950 wurden nicht mehr so viele Kinokarten verkauft wie heute. Gleichzeitig werden so viele Filme übers Internet getauscht, wie niemals zuvor. Die Filmwirtschaft leidet nicht wegen der Internetaktivitäten. Genau im Gegenteil ? die Industrie macht mehr Geld als jemals zuvor!?

Über MP3 als Marketing-Instrument:
?Man kann argumentieren, dass MP3 das bedeutendste Marketing-Instrument in der Geschichte der Musikindustrie ist. Wenn deine Musik nicht runtergeladen wird, hast du ein Problem. Wenn du sie nicht verschenken kannst, kannst du sie mit Sicherheit nicht verkaufen. Das am meisten downgeloadete Album aller Zeiten war "The Eminem Show" von Eminem. Es wurde so viel heruntergeladen, dass sich die Plattenfirma Interscope zu dem ungewöhnlichen Schritt entschlossen hat, das Album eine Woche vorher zu veröffentlichen aufgrund des wuchernden Tausches von Albumtracks. Am Ende des Jahres 2002 war "The Eminem Show" trotzdem das meistverkaufte Album des Jahres. Wenn Leute MP3s tauschen, wird mehr Musik verkauft, nicht weniger.?

Über Piraterie:
?In einem Beitrag auf P2P.com schreibt Tim O?Reilly: ?Piraterie ist ein bedeutungsschweres Wort, das wir früher für das Kopieren und den Verkauf von illegalen Produkten im großen Stil reserviert haben. Dieses Wort auf Peer-To-Peer Filesharing anzuwenden, wie es Musik- und Filmindustrie tun, schadet einer ernsthaften Diskussion.?
?Der einfachste Weg, Kunden vom Handel mit illegalen digitalen Kopien von Musik und Filmen abzuhalten ist, diesen Kunden eine rechtmäßige Alternative zu einem fairen Preis anzubieten??
?Das Versagen der Musikindustrie, keine vergleichbare Alternative zu Peer-To-Peer-Netzwerken anzubieten, ist die logischste Erklärung für ?illegales? Downloaden von Musik. Und statt das Problem zu lösen, in dem sie ihre eigene Haltung überprüfen, erklären die Musikfirmen den Konsumenten zu ihrem Feind, unterstützen eine zudringliche, übertriebene Gesetzgebung und handeln exakt gegen ihre ureigensten Interessen."

Über Kopierschutz und Musikabos:
?Wenn Abo-Angebote eine große Vielfalt von Musik anbieten ohne Digital Rights Management Einschränkugen und sauber gekennzeichnete hochwertige Musikdateien zu einem vernünftigen Preis mit schnellen Downloads, dann haben sie eine Chance gegen kostenlose Angebote zu bestehen. Unglücklicherweise ist es unwahrscheinlich, dass die Musikindustrie auf Kopierschutz verzichten wird.? (...)
?Konsumenten sträuben sich dagegen Einschränkungen hinzunehmen, also ist es unwahrscheinlich, dass Kopierschutz zum Allheilmittel für die kränkelnde Musikwirtschaft wird.?

Über Mineralwasser
?Um weiterhin im Geschäft zu bleiben, muss die Plattenindustrie herausfinden, wie sie Leuten etwas verkaufenkann, was die auch umsonst haben können. (?) Es gibt einen Industriezweig, der eine Lösung für dieses Problem gefunden hat und die Musikindustrie sollte das zur Kenntnis nehmen. Dieser Industriezweig ist die Mineralwasserindustrie.
Mineralwasser ist ein wachsender Markt. Der gesunde Menschenverstand würde sagen, dass kein Mensch für eine Flasche Wasser rund 1 Dollar bezahlt, wenn es Wasser auch umsonst gibt (zum Beispiel Leitungswasser). Trotzdem kaufen die meisten von uns regelmäßig Mineralwasser in Flaschen. Warum? Weil es bequem ist und weil wir überzeugt sind, dass es sicherer, reiner ist, dass es ?besseres? Wasser ist. Bequemlichkeit wird zur Notwendigkeit, Glaube wird zum Profit.
Die Mineralwasser-Industrie setzt auf Kundenfreundlichkeit. Wenn die Musikindustrie diesen Ansatz aufgenommen hätte und sich mit den Konsumenten verbündet hätte, anstatt sie zu bekämpfen, dann würden ihre Gewinne wahrscheinlich nach wie vor wachsen.?
(Übersetzung: ur)

Den kompletten Artikel von John Snyder in englischer Sprache gibt es auf den Internetseiten von Salon.com unter nachfolgendem Link.

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