ARD-Dokumentation "Udo Lindenberg - Stärker als die Zeit" in voller Länge sehen

Rückblick auf ein bewegtes Leben

Noch nie war Udo Lindenberg populärer als heute. Aber viele Jüngere können gar nichts mit ihm anfangen, weil er jahrelang abgetaucht war. Die ARD zeigt eine sehenswerte Dokumentation, die klärt, warum Udo Lindenberg inzwischen eine Art heimlicher Präsident von Deutschland ist.

Die Dokumentation zeigt alle Stationen von den frühesten Anfängen über seinen Durchbruch bis hin zu seinem Absturz und Comeback. Sein erstes Geld verdiente Lindenberg schon mit 16 als Schlagzeuger in einer Band der US-Army in Tripolis. 800 DM machte Lindenberg am Tag und verdiente damit schon als Teenager ein vielfaches seines Vaters. Von da an war klar, dass Lindenberg alles auf eine Karte setzen und Musiker bleiben wollte.

Doch schon damals begann er mit übermäßigem Alkoholkonsum und einem ausschweifendem Lebensstil, sodass er den gut bezahlten Job nach einem Jahr hinschmeißen musste und nach Deutschland zurück kehrte, um nicht abzudriften. Schnell fand er als erprobter Live-Drummer Anschluss in der Musikszene, der damals berühmteste deutsche Jazzer Klaus Doldinger engagierte ihn als Schlagzeuger für seine Band Passport. Und das war für Lindenberg der Auslöser, den kompletten Produktionsablauf eines Albums im Studio von der Pieke auf zu lernen und zwar von den größten Meistern seines Fachs. 

Dokumentation: Udo Lindenberg - Stärker als die Zeit (ARD Mediathek bis 30. Mai 2016)
Dokumentation: Udo Lindenberg - Stärker als die Zeit (ARD Mediathek bis 30. Mai 2016)

Deshalb klangen Udo Lindenbergs frühe Alben bereits erstaunlich versiert und ausgefuchst, wer diese Platten auf Vinyl besitzt kann sich glücklich schätzen und zwar egal, ob man die Stimme des Nicht-Sängers Lindenberg mag oder nicht. So einen Sound bekommt man heute kaum noch geboten.

Entscheidend für den erstaunlichen Erfolg seiner Karriere als Solokünstler war allerdings nicht sein großes musikalisches Know-How, sowohl im Studio als auch Live, sondern die kluge Entscheidung, coole Rockmusik mit deutschen Texten machen zu wollen. Schließlich gab es damals nur entweder kitschigen Schlager oder eben englischsprachige Beatmusik. Lindenberg war der erste, der Rock konsequent in deutsche Sprache übersetzte und auch seine eigene Sprache erfand, die viel mehr mit der Straße zu tun hatte als mit Schiller oder Goethe. 

Der Rest ist Geschichte: Lindenberg fand bereits mit seinen ersten Alben große Beachtung und auch wenn er damit meilenweit weg war vom Mainstream: er fiel auf, weil er völlig anders war und wurde deshalb gerne auch in TV-Shows eingeladen. Die Charts hatten ihn nie interessiert, was ihn allerdings interessierte war, im Mittelpunkt zu stehen und Aufmerksamkeit zu bekommen. Das liebt er bis heute und so gründete er sein Panikorchester und scharte einen Haufen Freaks um sich und wurde über die Jahre zu dem, was er heute ist: Ein absolutes Unikat in der deutschen Musikszene.

Einer aus dem Volk, der sich, ohne singen zu können, auf die Bühne stellt und was von sich erzählt. Er machte Lieder über Nobodys, über Loser, über die Schönheit der gleichgeschlechtlichen Liebe, über den Krieg. Und feierte schließlich 1983 auch seinen kommerziellen Durchbruch mit seinem hoch politischen und gleichermaßen humorvollen "Sonderzug nach Pankow" und bereitete damit der Wende den kulturellen Nährboden. Und er zeigte, wie man die latente Humorlosigkeit und Menschenfeindlichkeit von Diktaturen und Ideologien mit einfachsten Mitteln bloß legen kann. 

Man kann die Kunstfigur Lindenberg lieben oder hassen. Aber man kann ihn und sein Werk innerhalb der deutschen Popkultur nicht ignorieren, sondern nur den Hut ziehen vor dieser Lebensleistung. 

Bestenliste: Die besten Songs von Udo Lindenberg von 1970 bis heute

Im Film spricht Udo Lindenberg auch ganz offen und ohne die üblichen Lindenberg Plattitüden über seine verlorenen Jahre in den 90ern und frühen 00er Jahren, als er komplett dem Alkohol und Drogen verfallen und dem Tod näher als am Leben war. Heute präsentiert er sich als fitter, hochmotivierter 70er und geht mit seinem neuen Albm "Stärker als die Zeit" noch einmal auf große Stadiontour, wo er wieder das zeigen wird, was er am besten kann: das ganz große Spektakel.

Sein erklärtes Ziel: "In 20 oder 30 Jahren auf der Bühne abkratzen. In den Armen einer schönen Frau. Oder eines schönen Mannes." (O-Ton Lindenberg).

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