Aus dem Internet, für das Internet: die Exotica Mailingliste

Im Gegensatz zur konservativen Rock-Fraktion genießen Exotica-Liebhaber die Freiheiten im Netz. Maler und Musiker Moritz R® (Der Plan) über die nicht-kommerzielle Mailingliste Exotica und die Frage, ob Musik und Geldverdienen zusammenpassen.

Von Moritz R®

Downloading is killing music. Das glauben so ziemlich alle. Der verantwortungsbewusste Internet-User tut es inzwischen mit einem schlechten Gewissen. Was der größte Fortschritt der Menschheit sein könnte, wird durch das Urheberrecht zu einem kriminellen Delikt. Dabei eröffnet die digitale Welt Möglichkeiten, die in der materiellen Welt Zauberei wären. Man stelle sich nur vor: Brot als Download. Geben wir uns vorerst mit Spielen zufrieden. Doch der Hunger nach Kultur kann durch die Technik heutzutage tatsächlich zum Teil auf diese Weise gestillt werden. Allerdings haben alle, die bisher am Stillen dieses Hungers Geld verdienten, das Nachsehen. Also stellt sich die Frage: Gibt es eine Kultur nach dem Kommerz?

Eine Antwort auf diese Frage gibt dieser Tage eine Gruppe von Online-Individuen, die sich die Exotica Mailing List nennt, eine internationale In-Group von vielleicht 150 Menschen. Wie viele es genau sind, weiß nur der mysteriöse Schöpfer dieser Institution, Laszlo Nibble, von dem man jedoch seit geraumer Zeit nichts mehr gehört hat.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Eine Mailing List ist kein Chat-Room. Man muss nicht online sein, um mitzureden, vielmehr lässt man sich die Beiträge der Mitglieder per Email an die eigene Mailbox schicken. Dort werden sie von einem Mailfilter in einen separaten Ordner einsortiert. Das hat den Vorteil, dass man sich nicht täglich mit den laufenden Diskussionen beschäftigen muss, sondern nach Lust und Laune in die Welt der Sammler ungewöhnlicher und seltsamer Musik eintauchen kann. Hat man selbst etwas zu sagen, schickt man seinen Beitrag wiederum als Email an den Listenserver, der sie dann automatisch an alle Mitglieder weiterleitet.

Ich selbst bin - mit Unterbrechungen - seit etwa sechs Jahren Mitglied der Exotica Mailing List. Einen Email-Account und einen Zugang zum Web besitze ich nur wenig länger. Es kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Als ich zum ersten Mal bei einer Suchmaschine das Wort "Tiki" eingab, erhielt ich genau vier Treffer. Die Links führten zu einem Hund namens Tiki, zu einem Reisebüro in Malaysia sowie zu einem Autohändler in Chicago. Und dann gab es noch Otto von Stroheim. Der rührige Gründer der Tiki News lebte damals noch in L.A. und hat mich in die Exotica Mailing List eingeführt. 1997 war sie das einzige Forum für alle Tiki-Anbeter und Liebhaber der Musik von Les Baxter, Arthur Lyman und anderer Ahnen der nach Martin Dennys "Exotica"-Album benannten Musikrichtung. Hier wurden alle wichtigen Informationen ausgetauscht, etwa wer in welchem Thriftshop zu welchem lächerlichen Preis eine Vinyl-Perle von heute unschätzbarem Wert erstehen konnte. Auf welchen Platten Henry Mancini am exotischsten klingt. Ob die neu erschienene "Ultra Lounge"-Serie etwas taugt, und wie es Martin Dennys Frau gesundheitlich geht. Hier wurden die zeittypischen Begriffe an vorderster Front diskutiert: Lounge, Space Age, Easy Listening, Tiki, Swing Revival, Sunshine Pop, Downloading, Copyright und wie man alte Platten fachgerecht reinigt.

Der ursprüngliche Purismus wurde schnell aufgegeben. Bald war jeder Beitrag, der Exotica-Bezug aufwies, diskussionswürdig - was teils ausufernd, teils aufgrund der Querbezüge hochinteressant war. Immerhin konnten Spezialisten aus Ländern wie den USA, England, Argentinien, Holland, Schweden, Taiwan, Italien, Australien, Belgien und Japan etwas beitragen. Man glaubt gar nicht, was man in Taiwan an Schallplatten findet. Und einen australischen Martin Denny gibt es auch.

Email-Kommunikation ist merkwürdig. Zunächst bleiben die Individuen hinter den verbalen Äußerungen relativ abstrakt, im Laufe der Zeit jedoch entstehen Bilder von Persönlichkeiten. Man entwickelt gewisse Sympathien und Antipathien, erfährt mehr über den Einzelnen, nicht zuletzt durch dessen sonstige Präsenz im Netz, und in einigen Fällen führen die elektronischen sogar zu realen Begegnungen. Wenn man in fremde Städte reist,warum nicht ein Listen-Mitglied besuchen und sich bei der Gelegenheit die besten Plattenläden und Tiki-Bars zeigen lassen? Ich selbst habe auf diese Weise in Stockholm, Toronto und Montreal ganz reizende Menschen kennen gelernt. Einer davon heißt Alan Zweig, ist Dokumentarfilmer und hat mit "Vinyl" ein Standardwerk über extreme Schallplattensammelleidenschaft gedreht: Gezeigt werden Leute, die ihr Leben der Plattensammlung geopfert haben. Suchtverhalten. Beziehungsstörungen. Aber auch faszinierendes Spezialwissen. Die ganze Palette von mildem, aber gesteigerten Interesse für Musik bis hin zu krankhaftem, selbstzerstörerischem Komplettierungswahn.

Parallel zur Exotica-Liste und ähnlichen Foren entstanden im Internet Webseiten, die minutiös, systematisch und geschmackvoll das erarbeitete Wissen katalogisieren. So hat das Exotiquarium des Belgiers Johan "Dada" Vis nicht weniger als die Erfassung, Beschreibung und Bewertung aller Exotica-relevanten Schallplatten zum Ziel. Andere Seiten bieten einen Einblick in die Welt der Plattencover. Und last but not least gibt es die Musik selbst, zum Download aufbereitet. Denn wie will man über eine obskure Rarität aus einem Goodwill-Store aus Milwaukee diskutieren, wenn man sie nicht hören kann? Einen interessanten Ansatz bietet das Projekt "365days" des in Seattle lebenden Musikers Otis Fodder. Die hier täglich mit ausgiebiger Text- und Bildbegleitung vorgestellten Tracks stammen aus Quellen, wie sie abwegiger nicht sein können. Da gibt es im Müll gefundene Kassettenaufnahmen von Privatpersonen, Mitschnitte von Schulchören, herzzerreißend missglückte Easy-Listening-Versuche unbekannter Interpreten und peinliche Fehltritte bekannter Showgrößen. Für jeden Tag im Jahr.

Jener Otis Fodder war es auch, der eines schönen Exotica-Morgens die überraschende, aber nahe liegende Frage aufwarf, ob denn die zahlreich in der Exotica-Liste vertretenen Musiker nicht Lust hätten, eine eigene Kompilation zu erstellen. Zum kostenlosen Download. Ganz legal. Sozusagen aus dem Internet für das Internet. Die durch lange Debatten über den gegenwärtigen Stand der Copyright-Gesetzgebung ermattete Exotica-Gemeinde griff den Vorschlag begeistert auf. Otis gründete das MP3-Label Comfort Stand Records, und innerhalb von nur drei Monaten war eine Doppel-CD mit brandneuen Stücken einschließlich Coverartwork fertig. Sie heißt "Two Zombies Later" und wird für drei Monate im Netz verfügbar sein. Viel kommt zusammen bei diesem Projekt: Teils namhafte Musiker, wie zum Beispiel Tipsy, Skip Heller, Brother Cleve und Don Tiki, werfen ihr gesamtes Fachwissen von bis zu zehn Jahren Exotica Diskurs in die Waagschale. Als Besitzer gewaltiger Plattensammlungen eint sie nicht nur die Liebe zur Musik, sondern auch die Liebe zum Internet und dessen Möglichkeiten. So kann die Ära nach dem Copyright getrost beginnen!

Wer sagt eigentlich, dass man mit Musik Geld verdienen können muss? "We all like Picasso anyway", sangen Devo in den 80ern. Sind wir nicht alle Kinder der Moderne? Ist nicht die wilde Kultur der primitiven Völker die Basis unseres Kulturbegriffs geworden? In welchem Eingeborenenstamm musizieren Musiker des Geldes wegen? Was sie verdienen ist Respekt. Die Beschäftigung mit der Musik ist Ehrensache. Vielleicht würde eine Freigabe des Urheberrechts auch unserer Kultur ganz gut tun. Das wäre freilich eine Kulturrevolution.

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Moritz R® lebt in Berlin und ist Maler und Musiker bei "Der Plan". Eines
seiner Bilder ziert das Cover der Download-Doppel-CD "Two Zombies Later", an deren Zustandekommen Moritz R maßgeblich beteiligt war.

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