Aus der Nische in die Mitte schießen

Christof Ellinghaus von City Slang über die Zukunft der Indies

Nach den deutschen Vorzeige-Indielabels Kitty-Yo und Lado vermeldet nun auch City Slang, sein Team verkleinern zu müssen angesichts drastisch zurückgehender Verkaufszahlen. Dabei hatte Labelchef Christof Ellinghaus gerade erst die kanadischen Abräumer Arcade Fire verpflichtet. Grund genug, für Udo Raaf nachzufragen, was da los ist bei den Indies.

[TONSPION: Ihr habt soeben die umjubelte zweite Platte von Arcade Fire herausgebracht und müsst euer Label doch verkleinern. Wie passt das zusammen?]

CHRISTOF ELLINGHAUS: Das eine hat mit dem anderen leider nichts zu tun. Es gibt da zwei Ebenen: wenn ich die neue Arcade Fire nicht gehabt hätte, dann hätte ich schon im letzten Jahr meinen Betrieb verkleinern müssen. Aber auch Arcade Fire sind vor den neuen Realitäten nicht gefeit.
Underground-Platten (das sind für mich solche, die nicht in Funk und Fernsehen omnipräsent sind - Arcade Fire laufen in Deutschland leider nur auf einer Hand voll guter Jugendsender und haben viel Presse ? aber keine Videos etc.) verkaufen sich schon lange nicht mehr so langfristig und beständig wie noch vor ein paar Jahren. Die Karawane zieht heute viel schneller weiter. Irgendwann wird anscheinend nur noch gebrannt. Das heißt: jeder kennt sie, jeder hat sie, kaum einer hat sie gekauft. Das liegt zu allerletzt an Arcade Fire. Die Verkaufszahlen in Deutschland, die wir mit unseren CDs zum Teil erzielen sind einfach auf dem Niveau von Dänemark früher. So bitter diese Wahrheit ist, Deutschland ist jetzt Dänemark.

[Was sind Deiner Meinung nach die Gründe dafür?]

Die sind so vielfältig, da haben wir hier kaum Platz für. Nur kurz:
Dann, völlige Gleichgültigkeit gegenüber den wirtschaftlichen Realitäten von Musikern bzw. ihren Produktionen und dem Wert von Musik als Kunstform ist leider in diesem Land auch noch zu betrauern. Es interessiert keinen Menschen wieviel Arbeit oder Herzblut in einer Platte steckt. ?Ach mach mir doch gerade noch ne Farbkopie von dem Cover. Nee warte, ich zieh die nur schnell auf meinen iPod.? Das geht halt so und ist wohl jetzt normal.
Dann: im direkten Gegensatz zur steigenden Kaufunwilligkeit steht ein explodierendes Überangebot an Bands, Veröffentlichungen, Musik. Totale Überforderung der Fans, könnte ein Grund sein. Das ist schon irrsinnig. Immer wieder die Frage: wer soll das alles kaufen?

[Haben wir es nicht mit den Spätfolgen der jahrelangen Ignoranz der Musikbranche gegenüber dem MP3-Format zu tun? Es gibt ja erst seit Kurzem dank Apple überhaupt ein Geschäft mit Downloads. Und das obwohl das MP3-Format bereits über zwölf Jahre alt ist.]

Das kann ich nicht beurteilen. Was hätte man den wirklich frühzeitig tun können? Die Labels die sehr sehr früh einen Downloadshop aufgemacht haben, siehe Warp, stehen die heute deswegen besser da?
Nein, sie stehen ausschließlich gut da, weil sie über Jahre exzellentes Repertoire gefunden und aufgebaut haben und ebendies auch heute noch tun (Maximo Park, Battles, etc. etc.)
Man kann auch nicht alles pauschalisieren und verallgemeinern. Es wäre ein Fehler die komplette "Indie Szene", so es sie denn gibt, in einen großen Topf zu werfen. Frag mal den Chef von Domino ob es ihm gut oder schlecht geht. Frag nach bei Wichita oder Warp. Ich denke alle werden klagen, dass es im Allgemeinen mit Newcomern furchtbar schwierig geworden ist, aber alle haben gleichzeitig jüngst enorme Erfolge gefeiert und mit ihren Arctic Monkeys, Franz Ferdinand, Bloc Party und Maximo Park für die aufregendsten Erfolgsgeschichten der letzten Jahre gesorgt. Und das als Indielabel. Es hat halt immer auch viel mit langem Atem, Durchhaltevermögen, glücklichem Händchen zu tun.

[Mit kitty-yo und Lado sind zwei ehemalige Schwergewichte unter den deutschen Indies in finanzielle Turbulenzen geraten. Wie ist es um die Zukunft der deutschen Indieszene bestellt? Einige Labels wie z.B. Four Music wurden bereits von den Majors übernommen. Ist die wirtschaftliche Lage bei den Majors nicht ähnlich dramatisch?]

Indie-Deutschland fehlt es generell an Niveau, Abenteuerlust und offenen Ohren. Da sieht es in jedem anderen Europäischen Land erheblich besser aus. Davon abgesehen, ist die Lage bei den Majors eventuell sogar noch dramatischer. Aber die sin börsennotiert. Geh zu irgendeiner SonyBMGWarnerEMIUniversal Jahresbilanzkonferenz. Da wirst Du lernen, dass die ?Umorganisation der Kredite erfolgreich abgeschlossen wurde?.
Das sind Konzerne, an denen Banken Millionen verdienen. Das ist ein noch anderes System. Der EMI Konzern lebt offensichtlich bestens mit zig Milliarden von Schulden. Der Universal/Vivendi Konzern mit einer zweistelligen Milliardenzahl. Das ändert nichts daran, dass sie die gleichen Schwierigkeiten haben, ihre Newcomer an den Mann zu bringen.

[Wie kann/muss das Geschäftsmodell der Zukunft für Musik aussehen?
Müssen nicht langsam oder vielmehr schnell neue Konzepte an den Start? emusic bietet in den USA beispielsweise eine Flatrate für Musik. Ein Modell mit Zukunft?]

Ich denke, wir müssen uns wohl leider von der Idee verabschieden, mit dem alleinigen Verkauf von Musikkonserven Geld zu verdienen. Das haben schon viele Menschen vorgebetet, das ist wahrlich nichts Neues. Allein die Umsetzung ist sehr schwierig und stößt auf mehr Widerstände als Verständnis. Dennoch wäre es schön, wenn sich bei den Fans eine neue Kaufkultur breitmachen würde statt mit diesen Media-Markt und Saturn Werbesprüchen als beruhigendes Mantra zu leben.
eMusic, iTunes, CDs, pre-loaded Handies, Flat-Fees aus den neuen Medien und Premiums, all das wird in Zukunft leider nur noch ein Zubrot sein. Die Bands werden mehr Unternehmertum entwickeln müssen oder sich Menschen suchen, die es für sie tun. Es wird IMMER die Sorte Band geben, der das alles zu viel ist, die nur Musik machen will und für diese muss es eine One-Stop Lösung geben, die ihnen den Service anbietet, für ihre Musik um Aufmerksamkeit zu heischen, ihre Musik zu bewerben, vermarkten und verbreiten. Die ihnen hilft Konzerte zu spielen, ihre Merchandising-Produkte erstellt, verwaltet und verkauft und generell die Rechte an ihrer Kunst so verwaltet, dass am Ende, hinten irgendetwas für die Bands dabei heraus kommt. Neulich habe ich einer jungen Band aus Frankreich erklären wollen, dass ihre "Platte" in Zukunft ihr Haupt-Marketing Tool sein wird. Erklär mal einem Maler sein Bild sei ein gutes Vermarktungs-Werkzeug. Oder einem Schriftsteller, sein Buch sei ebendas... Kannst Du Dir vorstellen, dass die Jungs entsetzt waren?

[Wie lange wird es die CD noch geben?]

Es wird sie immer geben. Allerdings wird sie über kurz oder lang ein Randgruppendasein als Luxusartikel fristen. So wie schon jetzt die LP. Die "echte" CD wird dann mal ein Sammlerobjekt im Regal von den wenigen wirklich Musikverrückten sein. Oder schlimmer noch, als Statussymbol auf dem Kaffeetisch von Besserverdienern oder Audio-Verrückten...

[Und wie geht es jetzt weiter mit City Slang?]

Wir werden wohl ein One-Stop werden. Und wir werden demnächst einige der besten Alben unsere Labelgeschichte vorlegen (von Menomena und Caribou) und hoffen, dass die Leute mit diesen Bands warm werden.
Also was wir schon immer gemacht haben: Aus der Nische heraus in die Mitte schießen. Aber die Nische, in der wir uns einrichten, wird gerade noch ein wenig kleiner und unkomfortabler. Wichtig ist nur, dass wir uns immer noch die Vermarktungs-Kraft erhalten, um eine Band, die potentiell erfolgreich werden kann, auch eben dorthin zu tragen...
Und na ja, wir werden eben so ein One-Stop werden müssen.

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