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Warum das Bloggen in Deutschland keine Zukunft hat
Wenn vom Web 2.0 die Rede ist, schaut man von Deutschland aus gerne mal in die USA und lässt sich von fantastischen Geschichten blenden. Doch hier gelten andere Regeln als im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Dass das Web 2.0 zwar einige nützliche Neuerungen mit sich brachte ist unbestritten. Das Web 2.0 lebt von der Erkenntnis, dass es aus vielerlei Gründen Sinn macht, die Nutzer beim Erstellen von Inhalten mit einzubeziehen. An allererster Stelle sind es aber nicht hehre Ziele, sondern finanzielle Gründe, die dem Web 2.0 auch in den großen Medienhäusern eine enorme Aufmerksamkeit bescherten. Schließlich ist es ein Traum eines jeden Medienunternehmens, Millionen vom Nutzern kostenlos Inhalte erstellen zu lassen - und diese dann lukrativ vermarkten zu können.

Das Bloggen umgab vor einiger Zeit noch der Charme einer echten Revolution. In den USA, China oder anderen Ländern, in denen unabhängige Medien traditionell einen schweren Stand haben, sorgten Blogger dafür, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen und die Perspektive auf aktuelle Entwicklungen zu erweitern. So weit, so gut.

Doch welche Funktion haben Blogs in Deutschland, in denen die Medienlandschaft vergleichsweise vielfältig und offen gestaltet ist? Wofür braucht man hier eigentlich Blogs? Eben: man braucht sie gar nicht.

Der erfolgreichste deutschsprachige Blog dreht sich nahezu ausschließlich um eins: ums Bloggen. Kein Wunder zieht er die gesamte Blogosphäre, Suchmaschinen-Berater und Medienunternehmen geradezu magisch an. Und selbstverständlich wird das das eigene Tun als wahnsinnig innovativ und ungeheuer wichtig abgefeiert, während die klassischen Medien im allgemeinen und Journalisten im Besonderen regelmäßig ihr Fett abkriegen. Im Grunde also eigentlich eine tolle Geschäftsidee und eine echte Marktlücke. Wenn, ja wenn, die Zugriffszahlen entsprechendes hergeben würden. Doch mit nicht einmal 400 000 Seitenaufrufen pro Monat bleibt selbst der größte deutsche Blog hinter unzähligen stinknormalen Webseiten ohne Web 2.0-Schnickschnack zurück. Der Betreiber Robert Basic finanziert sich nach eigenem Bekunden in erster Linie durch Beraterjobs, die er direkt über seinen Blog akquiriert. Andere Blogger lassen sich fürs Schreiben lieber direkt von den großen Medienhäusern bezahlen, produzieren also nichts weiter als klassische Kolumnen mit Kommentarfunktion. Der eigene Blog wird zum reinen Zeitvertreib, zur brotlosen Kunst.

Viel anders sieht es auch bei den anderen Top-Adressen der deutschen Blogosphäre aus: Bildblog ist ein eigenständiges Medium etablierter Journalisten-Profis, das in erster Linie von der Bedeutung seines Themas lebt. Alleine das und das journalistische Know-How seiner Macher verleiht ihm eine Ausnahmestellung.
Spreeblick ist eine Art Stammtisch von Web-Workern, dessen Betreiber sich ebenfalls mit ihren Hauptjobs - natürlich Webentwicklung - über Wasser halten. Nerdcore.de hat schon im Namen, an wen es sich in erster Linie richtet. Und Netzpolitik hält seine Leser wenigstens darüber auf dem Laufenden, wo in der Welt Blogs eine wichtige politische und gesellschaftliche Rolle zukommt. In Deutschland jedenfalls nicht. Besonders gewiefte nutzen Blogs sowieso nur noch, um Google auszutricksen und mit etwas Geschick und vielen Backlinks aus der Blogger-Szene oben in den Trefferlisten zu landen. Das wirft immerhin ein paar Euro fuffzich ab - steht aber immer noch in keinem Verhältnis zum Aufwand, der dafür betrieben werden muss.

Auch zukünftig ist kaum zu erwarten, dass die Zugriffszahlen mit einem handelsüblichen Blog über die 1-Millionen-Schwelle zu treiben sein werden. Für Vermarkter ist dies aber oftmals die magische Grenze, ab der sich ein Webangebot wirklich sinnvoll vermarkten lässt und somit Geld für die Arbeit der Autoren erwirtschaftet werden kann. Tatsächlich verdienen Blogger in Deutschland allesamt ihr Geld mit anderen Jobs und nutzen das Bloggen nur zur persönlichen Profilierung.

Das Dilemma spiegelt sich noch deutlicher in den MP3-Blogs wider. Während in den USA beispielsweise wirklich jeder Musikliebhaber längst seinen eigenen MP3-Blog im Netz hat und dort Musik von Lieblingskünstlern verschenkt - zumeist ungefragt, aber häufig in bester Absicht - drohen Leuten, die das in Deutschland tun, überaus saftige Strafen. Wer noch nicht erwischt wurde, kann sich glücklich schätzen, dass die beauftragten Anwaltskanzleien auch nur mit Wasser kochen und von der Szene keine Ahnung haben. Doch das vergleichsweise geringe Potenzial der Zugriffszahlen lässt es im deutschsprachigen Raum gar nicht zu, ein solches Projekt zu mehr als einem - möglicherweise teuren - Hobby werden zu lassen.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass sich die Machtverhältnisse in der Medienlandschaft durch Blogs in den letzten Jahren rein gar nicht geändert haben und auch nicht ändern werden. Gewinner sind hingegen die Seitenbetreiber, die eben nicht auf Fertigbaukästen a la Wordpress zurück greifen, sondern eigene Software-Unikate entwickeln: Last.FM, MySpace, YouTube etc. machen es vor. Die gehören inzwischen alle großen Weltkonzernen. Und dagegen kann man nicht anbloggen.

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