"Bild" erklärt Karriere von Tokio Hotel für beendet

Albumverkäufe und Clubtour sorgen für Schlagzeilenflut

"Wer mit der Bild im Aufzug nach oben fährt, fährt auch mit ihr wieder runter". Diese Weisheit von Springer-Chef Döpfner trifft nun auch Tokio Hotel. 

Wer heute nach Tokio Hotel googlet, wird von Negativ-Schlagzeilen fast erschlagen: "Absturz", "Pleite", "Ladenhüter" und "Flop" ist da zu lesen. Auslöser war ein Artikel in der Bild, der die Plattenverkäufe des letzten Albums der Magdeburger offenlegte. Nur 17428-mal habe sich "Kings of Suburbia" verkauft. 

Außerdem spielten Tokio Hotel ihre kommende Tour nicht mehr in Stadien, sondern "nur noch" vor 600 Fans. Als Vergleich muss das Debüt-Album "Schrei" herhalten, von dem Tokio Hotel vor gut zehn Jahren 580 000 Exemplare verkauft hatten. 

Was die Bild als Sensationsnachricht verkauft und von allen anderen Klatschmagazinen, eingeschlossen Stern, Bunte und Focus kopiert wird, ist der ganz normale Lauf der Dinge und längst bekannt. 

Die Fakten: seit "Durch den Monsun" hatten Tokio Hotel keinen echten Hit mehr. Und das ist zehn Jahre her. Schon ihr letztes Album "Humanoid" aus dem Jahr 2009 verkaufte sich schwach, landete aber trotzdem auf Platz 1 der Albumcharts. Ihr neues Album stieg immerhin noch auf Platz 2 ein. So wenig Platten muss man heute verkaufen, um die Top 10 zu entern: willkommen im Musikbusiness 2015!

Erstaunlich, wie lange sich die ehemaligen Teeniestars trotzdem in den Schlagzeilen halten konnte, einschließlich ihrer Verpflichtung als Juroren für DSDS, wo sie durch ihre freundliche Zurückhaltung nicht weiter unangenehm auffielen - und wohl deshalb nur eine Staffel lang dabei waren. Alleine mit Musikverkäufen kann sich heute kaum noch jemand über Wasser halten, das ist eine tragische Tatsache, die nicht nur Tokio Hotel betrifft, sondern mit der die ganze Branche zu kämpfen hat. 

Im Mai spielt die Band eine Clubtour durch ganz Europa. Alle Deutschland-Termine sind - anders als in zahlreichen hämischen Kommentaren dargestellt - längst ausverkauft. Vier Millionen Klicks machte ihr letztes Video "Love Who Loves You Back" auf Youtube. Und auf Facebook haben Tokio Hotel nach wie vor fast vier Millionen Fans, fast doppelt so viele wie der aktuelle Teenieschwarm Cro. Und mehr als doppelt so viele wie das Zentralorgan der deutschen Fahrstuhlführer "Bild"!

Viele Bands wären froh, wenn sie so lange so erfolgreich wären und ihre Konzerttickets sich so schnell verkauften. Eine Musikkarriere ist heute viel kurzlebiger als noch in den Zeiten florierender Plattenverkäufe. Darauf sollte sich jeder gefasst machen, der mit Musik erfolgreich werden möchte. Viel mehr als die berühmten 15 Minuten Ruhm ist heute nicht mehr drin.

Was immer man von Tokio Hotel und ihrer Musik halten mag: die billige Kampagne, die sie jetzt trifft, haben sie nicht verdient, immerhin haben sie die Boulevardmedien von Bravo bis Bild eine Dekade lang zuverlässig mit verkaufsfördernden Schlagzeilen versorgt. Und das scheint nach wie vor bestens zu funktionieren, sonst gäbe es schließlich gar keinen Anlass für eine solchen Monsun hämischer Kommentare.

Album Review: Tokio Hotel - Kings Of Suburbia

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