Das Ende von MP3?

"R.I.P. MP3" - so lautet eine Schlagzeile im "Magazin für elektronische Lebensaspekte" De:Bug. Angeblich haben die MP3 Rechteinhaber Thomson und die Entwickler des beliebten Formats vom Fraunhofer Institut beschlossen für MP3 Player Lizenzgebühren zu kassieren. Wahr oder cleverer PR-Schachzug der Anhänger des Open Source Formats Ogg Vorbis?

Das Gerücht geht wie ein Lauffeuer durchs Netz. Skandal! MP3 Dekoder sollen kostenpflichtig sein. 0.75$ pro MP3 Player wollen Thomson Multimedia und Fraunhofer Institut zukünftig kassieren. So ist es nachzulesen bei mp3-licensing.com. Auf der Homepage von Ogg Vorbis lässt man schon die Sektkorken knallen. In einem öffentlichen Dankesschreiben an die Chefstrategen bei Thomson Multimedia bedankt man sich für den freundlichen Support, denn damit habe man klar gemacht, dass es sich bei MP3 mitnichten um einen offenen Standard handelt. Das einzige wirkliche Open Source Audio Format sei nun einmal Ogg Vorbis. Die Version 1.0 wurde vor Kurzem veröffentlicht.

Doch das wissen auch Fraunhofer Institut und Thomson Multimedia - kein Zweifel. Insofern scheint es doch unwahrscheinlich, dass man ausgerechnet jetzt in die Offensive geht mit einer neuen, teuren Lizenzpolitik, denn damit würde man in der Tat Ogg Vorbis den Weg frei machen, sich in der Netzgemeinde als neuen Standard zu etablieren. Aber was auf der Homepage steht und was in internen Verhandlungen mit den Kunden abgeschlossen wird, sind immer noch zwei verschiedene Paar Schuhe.

Bislang ist Ogg Vorbis ähnlich wie das Open Source Betriebssystem Linux in seinen Anfangstagen nur bei Entwicklern, Netzjunkies und Open Source Fetischisten verbreitet. Das Fraunhofer Institut schloss in einem Gespräch mit Tonspion auf der Popkomm die flächendeckende Verbreitung von Ogg Vorbis als neuen Audio Standard kategorisch aus, da es dafür keine breite Unterstützung von Seiten der Industrie - und damit kein Geld - gäbe.

Doch wie Linux zeigt, haben Open Source Projekte durchaus das Potenzial große kommerzielle Angebote in Bedrängnis zu bringen. Denn wo in erster Linie nicht kommerziell gearbeitet wird, gibt es auch keine Kosten. Zudem bringt eine in Open-Source entwickelte Software meist weniger unangenehme Beschränkungen und damit mehr Nutzerfreundlichkeit mit sich.

Doch ob sich das Audio Format mit dem seltsamen Namen bei der Masse der Konsumenten, die sich um solche Dinge kaum kümmern, so durchsetzen kann wie MP3 ist fraglich. Denn selbst wenn Anbieter von MP3 Playern zukünftig bezahlen müssen, kann das dem User erstmal egal sein. Wenn die User aber für MP3 Player bezahlen müssen, dann dürfte es wohl wirklich vorbei sein, mit der Herrschaft von MP3 als Standard Audio Format im Netz. Und Microsoft würde sich sicher auch die Hände reiben, denn die wollen ihr "geschütztes" WMA-Format in Zusammenarbeit mit der Musikindustrie als Nachfolger von MP3 etablieren.

Die wilden Gerüchte und Vermutungen wurden jedenfalls von offizieller Seite noch nicht bestätigt, so dass man derzeit nur spekulieren kann, wo`s hingehen soll mit MP3. (ur)

Nachtrag: Thomson Multimedia veröffentlichte folgende Klarstellung zu den Gerüchten:
"Statement from Thomson Multimedia, mp3 Licensing
In a posting appearing Tuesday August 27, 2002 on the Web site `slashdot.org`, an individual cited a change in the mp3 license fee structure of Thomson and Fraunhofer. The writer of the post apparently misread the mp3 licensing conditions, as Thomson`s mp3 licensing policy has not experienced any change.

To clarify, since the beginning of our mp3 licensing program in 1995, Thomson has never charged a per unit royalty for freely distributed software decoders. For commercially sold decoders -- primarily hardware mp3 players -- the per-unit royalty has always been in place since the beginning of the program. Therefore, there is no change in our licensing policy and we continue to believe that the royalty fees of .75 cents per mp3 player (on average selling over $200 dollars) has no measurable impact on the consumer experience."

Also: Hersteller kostenpflichtiger MP3 Hardware Player müssen wie eh und je und völlig zurecht abdrücken, Hersteller von kostenlosen MP3 Playern für den Computer dagegen nicht.
Viel Rauch um Nichts alsound eine geschickte PR-Kampagne der Ogg-Vorbis-Anhänger... .

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