Das Jahr im Tonspion

Ein Rückblick mit Ausblick

Tonspion-Herausgeber Udo Raaf blickt auf das (fast) vergangene Jahr zurück. Neben enorm viel bemerkenswerter Musik, gibt es tatsächlich auch noch im Jahr 2005 ein MP3-Verbot bei einigen großen Plattenfirmen. Doch MP3 ließ sich auch dieses Jahr davon nicht unterkriegen. Ganz im Gegenteil.

Das gute zuerst einmal vorne weg. Musikalisch gesehen war es ein gutes Jahr. Okay, es gab vielleicht nicht so viele Ausreißer an der Spitze, dafür gab es in der Breite extrem viel Aufregendes zu hören. Dem oft zitierten Vorwurf des Plagiats von Franz Ferdinand mussten sich erstaunlich viele Bands aussetzen. Meist zu Unrecht, denn schließlich haben auch Franz Ferdinand den Rock?n?Roll nicht gerade neu erfunden. Insofern kann es gar nicht genug gute Rockbands geben. Jedenfalls nervt das kleinkarierte Ausspielen von einer Band gegen die andere einfach nur noch und wird der Musik meistens sowieso nicht ansatzweise gerecht.

Auch im elektronischen Musiksektor hat sich viel getan. Die früher puristische Techno- und Housefraktion hat sich endlich mit Pop und Rock wiedervereinigt und feiert in allen denkbaren Konstellationen fröhliche Partys wohin man blickt. Michael Mayer rettet Depeche Modes lahme Single ?Precious? (ein Mix, der im digitalen Format allerdings nicht einmal legal zu erwerben ist, sondern ausschließlich auf Vinyl), Bloc Party lassen sich für den Dancefloor komplett elektrifizieren und Techno-Urgestein Westbam gründet eine Band. Und jenseits allen Mediengeschreis sorgen begnadete Künstler wie Sufjan Stevens oder Richard Hawley für eine Renaissance des gepflegten Singer-/Songwritertums. Es gibt nichts mehr, was nicht geht. Und das ist auch gut so!

Unerfreulich hingegen nach wie vor einige Entwicklungen in der Musikindustrie. Das weltweite MP3-Verbot sämtlicher Major-Plattenfirmen zum Beispiel. Ebenso unsinnig wie weltfremd. Trotz einiger Bands und Musikmanager, die sich diesem Verbot zumindest sporadisch widersetzen, möchte die Musikindustrie Digital Rights Management zum Standard im Online-Musikvertrieb durchsetzen und lizenziert keinerlei Titel in freien Formaten wie MP3, dem im zehnten Jahr nach seiner Erfindung am weitesten verbreiteten Audioformat der Welt.

Der auf vergleichsweise niedrigem Niveau stockende Absatz von kopiergeschützten Downloads bei iTunes, Musicload und anderen Shops spricht eigentlich Bände. Doch ein Umdenken scheint nicht in Sicht, solange sich aktuelle Charthits als Download verkaufen wie geschnitten Brot. Bands ohne Radio-Rotation und Musiksammler bleiben weiter auf der Strecke. Letztere rippen sich ihre CDs also immer noch umständlich und unter Fluchen selbst. In einem Format, das niemanden bevormunden und einschränken will. MP3, zum Beispiel.

Und so kursiert auch nach wie vor jeder Titel irgendwo in einem Filesharing-Netzwerk, meist bevor er überhaupt legal zu haben ist. Zwar wurden in diesem Jahr mit dem Grokster-Urteil in den USA Tauschbörsen quasi verboten, dennoch wird mehr getauscht, als je zuvor. Und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sich das langfristig ändert, denn: so lange es auch nur eine einzige undichte Stelle gibt ? und die gibt es zumindest in demokratischen Ländern immer ? genügt das, um MP3 Dateien weltweit kostenlos und in rasender Geschwindigkeit zu verbreiten. Ein MP3-Verbot ist also nicht nur komplett unsinnig, sondern auch noch dumm, weil die kostenlosen Angebote nicht nur einen preislichen Vorteil bieten, sondern nach wie vor einen qualitativen.

Mit Podcasting hat sich eine Technologie durchgesetzt, die ebenfalls noch mit dem Problem zu kämpfen hat, dass Musik nicht einfach so gespielt werden darf. Es sei denn man greift auf unter Creative Commons lizenzierte Musik zurück. Doch die Auswahl ist immer noch äußerst begrenzt. Das wird sich im kommenden Jahr aber mit Sicherheit deutlich ändern. Schließlich verdienen viele auch recht bekannte Musiker mit ihren Aufnahmen sowieso schon lange kein Geld mehr. Warum dann nicht gleich im Netz freigeben?

Es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis die ersten Manager im Musikbusiness das Sagen haben, die ganz selbstverständlich mit Internet und Tauschbörsen aufgewachsen sind, um entsprechende Konsequenzen aus der digitalen Revolution zu ziehen und das Geschäft mit der Musik andes zu machen. Es besser zu machen.

Bis dahin bleibt dem Tonspion weiterhin aus der Not eine Tugend zu machen und Musik im offenen MP3 Format kostenlos anzubieten. Weil unzählige Independentlabels eben nicht nur nach dem schnellen Geld gieren, sondern wollen, dass die Leute ihre Musik auch hören. Unkompliziert. Und zum Glück gibt es genügend tolle Independentlabels, so dass das musikalische Angebot im neu gestalteten Tonspion auch 2005 erstklassig ist. Auch ohne Major-Musikkonzerne. Nachzuhören in unserem musikalischen Jahresrückblick 2005. (ur)

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