Das Netlabel Thinner - Interview

Seit inzwischen 50 Veröffentlichungen beweist das Netlabel Thinner, dass es im Internet auch anders geht. Weder kommerzielles Tonträgerunternehmen, noch Audiomüllhalde für talentfreie Amateurmucker, veröffentlicht das Netlabel anspruchsvolle elektronische Musik - aus reinem Spaß an der Freude. Wir sprachen mit Labelbetreiber Sebastian Redenz.

Tonspion: Wie kam es zu der Idee, ein Netzlabel zu gründen?

Thinner: Das Netlabel Thinner gibt es schon seit 1998, damals von Thomas Jaldemark als Module Netlabel gegründet. Ich übernahm dann Thinner 2001 und strukturierte es dann in ein MP3 Netlabel. Am Netlabel gefällt mir vor allem das Arbeiten frei von Marktzwängen und die zunehmende Mobilität des MP3 Formats.

Tonspion: Wer steckt hinter Thinner?

Hinter Thinner steckt mittlerweile ein starkes Team, bestehend aus sechs Leuten, von denen jeder seinen Kompetenzbereich hat. Ich selbst kümmere mich ums sogenannte Tagesgeschäft und interne Kommunikation.

Tonspion: Nach welchen Kriterien signt ihr Eure Acts? Macht ihr überhaupt Verträge mit Euren Künstlern?

Wir versuchen auf Thinner eine qualitative Musikauswahl zu erreichen,
die den Releases vergleichbarer (kommerzieller) Labels
in Punkto Aktualität und Zeitgeist in nichts nachsteht.
Dem Feedback zufolge klappt das auch ganz gut. Verträge gibt es auch,
um die Verfügbarkeit der MP3s, unabhängig von Weiterlizenzierungen,
zu gewährleisten.

Tonspion: Das heißt, die Künstler können das Material auch bei anderen, "Tonträger-Labels" veröffentlichen?

Ja, das ist möglich, da wir gerne ein Forum sind für Künstler die
sich mit Veröffentlichungen bei uns profilieren und damit evtl. für
kommerzielle Labels qualifizieren können. Allerdings ist es uns
natürlich lieb, wenn das uns angebotene Material exklusiv ist.

Tonspion: Ein "normales" Label lebt vom Verkaufen von Platten - mal mehr, mal weniger gut. Wie überlebt man vom Verschenken von MP3 Files?

Indem man es gar nicht erst versucht. Wir alle haben feste berufliche
Standbeine oder sind Studenten, so dass das Projekt von der investierten
Freizeit und vom Engagement lebt. So ist mir dies auch lieber.

Tonspion: Heißt das, ihr bezahlt die Serverkosten aus eigener Tasche? Das ist doch ganz schön teuer, oder?

Glücklicherweise haben wir keine Kosten, da unser mittlerweile knapp 6GB großes Musikarchiv von den grandiosen Scene.org Projekt gehostet wird. Die MP3s liegen auf Universitäts-FTPs und sind dementsprechend verlässlich in Sachen Verfügbarkeit und werden darüber hinaus auf mehreren Servern weltweit gemirrored. Es fallen nur Kosten für den Webspace der Website an, aber diese sind im marginalen Bereich anzusiedeln.

Tonspion: Werdet ihr, wie viele andere ursprünglich kostenlose Internetangebote, irgendwann auch Geld für die Downloads verlangen?

Das steht nicht zur Debatte. Thinner wurde nicht unter dem Aspekt gegründet, irgendwann die MP3s gewinnbringend zu verkaufen. Jedoch wird demnächst eine Clip DVD erhältlich sein in Zusammenarbeit mit dem Epsilonlab.com Kollektiv aus Kanada.

Tonspion: Wird die Musikbranche in 10 Jahren nur noch aus Liebhabern bestehen, die ihre Freizeit und ihr Geld ins Veröffentlichen von Musik investieren oder werden Labels und Künstler zukünftig (noch) davon leben können?

Mit Prognosen bin ich eher vorsichtig, jedoch zeigt der Trend der vergangenen Jahre, dass die Freiheit, die einem das Internet bietet, in Sachen freier (kanalisierter) Verfügbarkeit von Unterhaltungsmedien, es schwierig ist Tonträger spezialisierter Musik noch im größeren, sprich gewinnbringenden Umfang, zu verkaufen. Meines Erachtens wird sich dies in Zukunft auch nicht mehr ändern, es sei denn das Internet wird in seiner Informationsfreiheit eingeschränkt werden.

Tonspion: Was hältst du von den kommenden Pay-Per-Download-Angeboten, wie z.B. Apple iTunes oder Finetunes.de? Haben die eine Chance gegen die kostenlosen Angebote?

Gegen ein kostenloses Angebot hat man i.d.R. keine Chance, solange es
sich im legalen Bereich bewegt. Jedoch ist es wünscenswert, dass die
User, die an kommerzieller Musik interessiert sind, dafür auch bezahlen,
von daher hoffe ich auf eine Abkehr von den Filesharing-Systemen, im
Sinne der Künstler.

Tonspion: Glaubst du, dass MP3 ein vollwertiger Ersatz für Tonträger werden kann?

Für die breite Masse wird das sicherlich zutreffen. Damit meine ich die
Gruppe der Konsumenten, die am Produkt Musik interessiert sind, denen das Medium und die Verpackung sekundärer Natur erscheinen. Dies wird durch die breite technische Unterstützung des MP3 Formats forciert.
Es wird immer die Gruppe der Liebhaber und Sammler geben, denen es wichtig ist, dass das Produkt angemessen präsentiert wird. Deren Anteil am Gesamtpublikum ist jedoch gering.
Ebenso muss man die erheblichen Produktionskosten eines konventionellen Tonträgers berücksichtigen, so dass es bei Kleinstauflagen bis 1000 Einheiten i.d.R. als Erfolg zu werten ist, wenn es zum Breakeven kommt.
Ob kleinere Labels das noch lange mitmachen werden, gilt es in Frage zu
stellen, auch unter Beachtung der momentanen ökonomischen Verhältnisse hier in Deutschland.

Tonspion: Wie sieht Eure Veröffentlichungspolitik aus? Wie oft gibt`s Neues bei euch zu hören?

Es gibt monatlich im Schnitt zwei Releases pro Monat, dazu meist noch ein
weiterer auf dem Sublabel Autoplate. Man wird kontinuierlich gefüttert mit neuer Musik, am besten trägt man sich im Newsletter ein um auf dem aktuellen Stand zu sein.

Tonspion: Was ist dein persönlicher Favorit auf Thinner?

Den ultimativen Favorit gibt es nicht. Und dies nicht der Neutralität
halber, sondern weil ich im Backkatalog sehr viele Perlen finden kann, die
an Ihrem Reiz auch nach Jahren nichts eingebüßt haben.

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