Das Richtige im Falschen

The Voice of Germany will Casting neu erfinden

In 20 Ländern hat John de Mol das Konzept einer Castingshow "The Voice" bereits verkauft. Jetzt ist es auch in Deutschland angelaufen und zeigt Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey und Boss Hoss als Coaches, die sich um die besten Kandidaten streiten und unbedingt viel netter sein wollen als Dieter Bohlen.

Den Nagel auf den Kopf getroffen hat Nena bei der Premiere der Castingshow "The Voice Of Germany": "Was sollte ich dir beibringen?", sagte sie zu einem Teilnehmer, der seit 20 Jahren als professioneller Sänger und Gesangslehrer arbeitet und eine makellose, ja, eine brilliante Gesangsperformance an den Tag legte, "vielleicht genügt es ja, wenn wir einfach eine gute Zeit haben".

Eine gute Zeit haben, das will nicht nur Nena, sondern auch Pro7 mit seiner Show "The Voice Of Germany". Und zwar in Form von guten Quoten gegenüber der Konkurrenz von RTL. Dass einer Castingsendung echte Stars entspringen, wird gar nicht mehr erwartet, entsprechend gibt sich schon der Titel der Show vergleichsweise bescheiden. Einfach nur eine gute Stimme will man finden und davon gibt es überall auf der Welt mehr als genügend. Das Format läuft bereits in 20 Ländern und Big-Brother Erfinder John de Mol hat sich inzwischen eine goldene Nase damit verdient.

Eigentlich hätte man als Unteritel dazu schreiben müssen "Deutschlands beste Karaokesänger", denn am Ende ist The Voice of Germany genauso gut oder schlecht wie andere Castingformate auch und suggeriert, dass es in der Popbranche nur um die Stimme und "das Gefühl" geht. Wenn das so wäre, könnten mindestens vier Fünftel der Jurymitglieder einpacken und nach Hause fahren, denn sie haben ihre erfolgreiche Karriere nicht ihrer Stimme zu verdanken, sondern einer Mischung aus glücklichen Fügungen und cleveren Entscheidungen.

Selbst Xavier Naidoo, der einzige Vollblutsänger in der Jury, hat seine Karriere als Backgroundsänger von Sabrina Setlur (Jüngere werden jetzt fragen: "Wer?") gestartet und sich über lange Zeit mühsam aus ihrem Schatten gesungen, bis er schließlich Jahre später von der deutschen Nationalelf zum Nationalsänger auserkoren wurde.

Doch diesen Status werden die Kandidaten dieser Show wohl ebenso wenig erreichen, wie tausende von Kandidaten anderer Castingsendungen zuvor. Denn so einfach ist es nicht im Popgeschäft. Nena etwa, das Fräuleinwunder der 80er Jahre, hatte damals Glück, weil sie die richtigen Songs zur richtigen Zeit hatte, gute Berater und darüber hinaus eine Ausstrahlung, die bis heute viele Menschen verzaubern kann. Stimme? Nebensache! Nach einem tiefen Karriereloch in den 90er Jahren brauchte es erst ein ausgeklügeltes Marketingkonzept, nämlich ihre alten bekannten Hits neu zu produzieren, um sie wieder ins Geschäft zu bringen.

Rea Garvey, mittelmäßiger Sänger der mittelmäßigen Poprockgruppe Reamonn brauchte Glück in Form eines Schmusehits auf Dauerrotation ("Supergirl"), um zumindest in Deutschland weltbekannt zu werden und Geschäftssinn, um daran anzuknüpfen. In seiner Heimat Irland ist der Mann zurecht vollkommen unbekannt. Weil es dort tausend mittelmäßige Sänger wie ihn gibt.

Boss Hoss schließlich, die Jurymitglieder, die keiner der Castingteilnehmer als Coach haben will, haben ihren Erfolg ausschließlich dem schlichten, aber damals neuen Konzept zu verdanken, aktuelle Popmusik mit Country zu verbinden. In einer Castingshow hätte sie das vermutlich nicht viel weiter als bis zur ersten Runde gebracht. Im Popbusiness kommt es aber genau auf solche Alleinstellungsmerkmale an.

Und so hat "The Voice of Germany" mit Musik erstmal genauso wenig zu tun, wie DSDS oder X-Factor, auch wenn es sich Glaubwürdigkeit und Authentizität auf die Fahnen geschrieben hat, um sich von Bohlens Freakshow abzuheben. Es sind alles Fernsehsendungen, die in erster Linie die Leute zum Einschalten und Werbung gucken bewegen wollen - und dafür alles tun würden.

Und ob die prominenten Jurymitglieder nun bewusst oder unbewusst falsche Hoffnungen wecken: die Erfolgsaussichten der Castingteilnehmer dürften ingesamt auch diesmal recht überschaubar sein. Vielleicht kann der ein oder andere ein paar Monate durch die Medien tingeln, doch dann läuft schon längst wieder die nächste Staffel von DSDS, X-Factor oder The Voice of Germany und der nächste "Superstar" wird durchs mediale Dorf getrieben, während die gerade noch gefeierten Sieger der vorigen Staffel für alle Zeiten als Loser abgestempelt sind, die keiner mehr haben will.

Wie auch immer man es betrachtet: Castingshows sind zunächst nichts anderes als Karaokewettbewerbe. Und sie haben durchaus ihren Reiz als Medienereignis und liefern täglich neue Schlagzeilen frei Haus, was die Medien nur zu gerne nutzen. Die Diskussion, welches Format jetzt eigentlich besser oder schlechter ist, erübrigt sich, denn, es gibt - abgesehen vom Grad der Menschenverachtung im Umgang mit den Teilnehmern dieser Shows -  keine nennenswerten Unterschiede. Das Prinzip ist überall dasselbe.

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