Demonstration gegen Sizzla-Konzert in Berlin

Update: Konzert in Berlin wegen massiver Proteste abgesagt

Schon öfter sind jamaikanische Reggae- und Dancehall-Künstler durch extrem homophobe Äußerungen aufgefallen. Auch bei Sizzla regen sich massive Proteste, nicht nur in der Schwulenszene. Das Konzert am 26.11.2009 im Berliner Kesselhaus wurde nun abgesagt, eine kurzfristig gebuchte Location weigerte sich den Sänger auftreten zu lassen.

„Tod den Perversen und Schwuchteln, was habt ihr hier zu suchen? Ich knall die Schwuchteln mit der Waffe ab“ (Sizzla)

In der Reggae-Szene Jamaikas sind schwulenfeindliche Botschaften weit verbreitet, nicht selten wird darin zum Mord an Schwulen aufgerufen. In Jamaika selbst sind Übergriffe gegen Schwule an der Tagesordnung. Das ging sogar so weit, dass im Jahr 2007 ein so genannter "Reggae Compassionate Act" zwischen Homoverbänden und der Politik unterzeichnet wurde, mit dem Inhalt, dass Reggae-Künstler mit Gewaltaufrufen gegen Schwule und Lesben in ihren Texten in Deutschland nicht auftreten dürfen. Auch Sizzla gehört zu den Unterzeichnern. Trotzdem ist er seitdem mehrfach wieder durch schwulenfeindliche Äußerungen unangenehm aufgefallen. Der Schwulen- und Lesbenverband LSVD hatte gegen Sizzla 2008 Anzeige wegen Volksverhetzung gestellt.

Der Geschäftsführer des Berliner Kesselhauses Sören Birke hielt es zunächst nicht für die richtige Strategie, das Konzert abzusagen, wurde jedoch durch massive Proteste und geplante Demonstrationen dazu gezwungen. Ein Kompromiss, der besagte, dass Sizzla ein Video-Statement gegen Homophobie aufnimmt und in seinem Heimatland ausstrahlen lässt, lehnte der Sänger mit Verweis auf die Rechtslage in Jamaika ab. Dort steht Homosexualität immer noch unter Strafe.

Das Konzert wurde von Sizzlas Agentur kurzerhand als Geheimgig vom Kesselhaus in Huxley's Neue Welt verlegt, jedoch ohne dessen Betreibern den Namen des Künstlers zu nennen. Die sagten das Konzert nach Bekanntgabe des Zwecks der Anmietung kurzerhand ab und distanzierten sich kurz und knapp vom Inhalt der Veranstaltung. Somit musste das Konzert komplett ausfallen. Auch das geplante Konzert in der Hamburger Fabrik wurde von dessen Betreibern abgesagt.

Sizzla - Pump Up
"Step up inna front line (Step up to the front line)
fire fi di man dem weh go ride man behind (burn the men who have sex with men from behind)
Shot battybwoy, my big gun boom (Shoot queers, my big gun goes boom)
"

Dass die Konzerte des zu Gewalt und Mord an Minderheiten aufrufenden Sängers in den anderen Städten wie geplant durchgeführt werden ist wahrscheinlich, sofern dort die Proteste nicht genauso laut werden wie in Berlin. Eine Absage wäre womöglich nicht einmal die beste Lösung. Viel besser wäre es, wenn die Fans des populären Reggae-Künstlers ihm zeigen würden, dass man im vorbelasteten Rechtsstaat Deutschland für eine derart menschenfeindliche Haltung keinerlei Verständnis und auch keinen Applaus übrig hat, egal hinter welcher Musik sie sich verstecken. 

Das weit verbreitete Argument von Sizzla-Fans, dass er heute diese Texte in Europa ja gar nicht mehr singe, sind wenig überzeugend. Schließlich weiß der Künstler, dass er hier massive Probleme damit bekommt, so durfte er im letzten Jahr nicht nach Deutschland einreisen. Es ist also auch solchen Protesten zu verdanken, wenn der steng gläubige Sänger und Anhänger einer Rastafari-Sekte, der noch im Jahr 2007 in Deutschland Homosexuelle als "Dreck" bezeichnen durfte, seine fundamentalistische  Weltsicht hier nicht mehr vortragen kann. Öffentlich distanziert hat er sich von den Mordaufrufen jedenfalls bisher nicht.

Sizzla Tourdaten 2009:

25.11.2009 Wuppertal, U-Club (Zusatzkonzert)
26.11.2009 Berlin, Kesselhaus (abgesagt)
27.11.2009 München, Backstage
28.11.2009 Wuppertal, U-Club
29.11.2009 Stuttgart, Zapata
30.11.2009 Hamburg, Fabrik (abgesagt)

Weitere Informationen:

http://www.taz.de/1/leben/musik/artikel/1/sizzla-spielt-nicht-in-berlin/

www.tagesspiegel.de/berlin/Prenzlauer-Berg-Sizzla;art270,2958715

de.indymedia.org/2009/11/266544.shtml

www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/147437/147438.php

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