Der Fall Sizzla

Warum ein anerkannter Reggae-Sänger in Berlin nicht auftreten durfte

In den vergangenen Tagen konnte die Tour des jamaikanischen Reggae-Sängers Sizzla nur unter Protesten stattfinden. In Berlin und Hamburg wurden die Konzerte sogar vom Veranstalter abgesagt. Mit menschenverachtenden Texten gegen Homosexuelle hat sich Sizzla einige Feinde gemacht - und vermutlich neue Anhänger gefunden. Ein Kommentar.

Eins vorweg: ich bin in den meisten Fällen gegen Zensur. Wir leben in einem freien Land, das die freie Meinungsäußerung schützt. Selbst homophobe Arschlöcher dürfen ihre Meinung öffentlich jederzeit kund tun. Und das ist auch gut so.

Doch es gibt eine Grenze. Aus gutem Grund ist Volksverhetzung und der Aufruf zum Mord an Menschen hier untersagt. Paragraf 1 des Grundgesetzes lautet: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt", heißt es da. Dass dieser Satz eine so herausragende Bedeutung hat, kommt nicht von ungefähr, sondern ist historisch klar begründet.

Sizzla hatte in früheren Texten mehrfach eindeutig und unmissverständlich zu Gewalt und Mord an Homosexuellen aufgerufen (wir berichteten) und sie noch bei seinem letzten Auftritt 2007 in Köln als "Dreck" bezeichnet, worauf hin ihm 2008 eine geplante Einreise in die EU verweigert wurde. Homosexualität ist in seiner Heimat Jamaika strafbar und es gibt immer noch regelmäßig gewalttätige Übergriffe auf Schwule, sofern sie sich öffentlich zu erkennen geben.

Der Sänger, Anhänger einer streng religiösen Rastafari-Sekte, hat sich von den betreffenden Texten nie distanziert. Und wenn er sich zu diesen Aussagen selbst bei drohenden Einreiseverboten und Demonstrationen nicht erklären will, hält er sie offenbar nach wie vor für angemessen und hat auf öffentlichen Bühnen nichts zu suchen. Denn damit ist eine Grenze überschritten, die man in Deutschland und nirgendwo auf der Welt überschreiten darf. Auch nicht in Jamaika. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde jedes Menschen überall. Auch in Jamaika. Auch die von Homosexuellen. Das ist keine Frage kultureller Unterschiede, sondern Grundlage jeglicher Kultur.

Noch einmal: Wir reden hier nicht von ein paar Kraftausdrücken oder irgendwelchen branchenüblichen Provokationen, sondern von klaren Mordaufrufen und deshalb lässt sich das nicht einfach mit Vergleichen zu Macho-Rappern wie Bushido und Fler oder angeblich "jugendgefährdenden" Bands wie Rammstein verharmlosen, wie das in diesen Tagen häufiger zu lesen war. Denn wenn die in ihren Texten zum Mord an Minderheiten aufrufen würden - was sie nicht tun - wäre ihre Karriere in Deutschland ratzfatz vorbei.

Dass man mit indizierten Platten und einem zweifelhaften Ruf ganz gut Karriere machen kann und auch Sizzla durch die plötzliche Medienaufmerksamkeit in Deutschland am Ende wahrscheinlich eher profitiert, steht außer Frage, dafür gibt es viele Beispiele. Genau deshalb sollte man auch mit Verboten und Zensur vorsichtig sein, denn damit erreicht man meistens das Gegenteil.

Die Proteste der letzten Tage haben jedoch gezeigt, wie wichtig es ist, gegen solches Gedankengut vorzugehen, ganz egal in welcher Musik verpackt sie daherkommt und von wem es vorgetragen wird. Auch wenn man die Fans von Sizzla oder Reggae-Anhänger keinesfalls in die Nähe von Nazis rücken kann und darf. Aber wo zu Mordaufrufen an Minderheiten genickt, getanzt und applaudiert wird, kann man das nicht einfach stillschweigend hinnehmen.

Respekt für die Veranstalter in Berlin und Hamburg, die sich ein wahrscheinlich lukratives Geschäft haben entgehen lassen, weil sie die Proteste und vor allem deren Begründung ernst genommen und über ihre geschäftlichen Interessen gestellt haben. Sie haben dem Sänger die Chance gegeben, sich von seinen menschenverachtenden Äußerungen zu distanzieren, was dieser, ohne sich zu den Vorwürfen zu erklären, ablehnte. Ein Schweigen, das mehr sagt als viele Worte.

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