Der Schuß ins eigene Knie

Walter Gröbchen über das XCP-Desaster von SonyBMG

Könnte es sein, daß die Bunker-Mentalität der Musikindustrie und der Kauf-Unmut der Konsumenten kommunizierende Gefässe sind? Und der virtuelle Kriegsschauplatz am Ende nur Verlierer kennt? Fragt sich einmal mehr der Musikbranchenkenner Walter Gröbchen.

Wohlan, dieser Tage wurden wir alle Zeugen einer tragikomischen High Tech-Posse, in der der Konzern SonyBMG die Hauptrolle spielte (auch wenn er den Schwarzen Peter gerne an eine andere Firma abgegeben hätte). Das Stück trägt den Titel ?Das große XCP-Desaster?, ganz nach Geschmack könnte es aber auch ?Vom Kopierschutz zum Kopierschmutz? oder ?My Last Sony? heissen.

Die Handlung ist rasch erzählt: ein weltumspannender Konzern setzt einmal mehr auf einen ?ultimativen? Weg, Raubkopien zu verhindern. Skeptische Konsumenten stellen fest, daß die wie beiläufig installierte Copy Protection tief in den PC-Eingeweiden des (zumeist nichtsahnenden) Users wühlt und gern auch mal nachhause telefoniert. Verständlich, daß da nicht jeder mitspielen und einen ungebetenen Gast im eigenen Wohnzimmer sitzen haben möchte. Semi-nobel immerhin, daß der ertappte Urheber rasch einen ?XCP-Uninstaller? bereitstellt ? mit einem kleinen Defekt allerdings. Die neue Software zur Entfernung der alten Software öffnet allerlei Luken und Schleusen, durch die die Digital-Cholera den Computer befallen könnte. ?Hände weg!?, schreien diverse Experten. Sogar die initialen Vertragsbedingungen, die ja jedermann eigentlich nur schnell an- und wegklickt, enthalten Fragwürdigkeiten sonder Zahl. Der Konsument ist verwirrt, der Konzern betroffen, der Schaden groß. Letztstand des ?zähen Rückzugsgefechts? (?Der Standard?): SonyBMG muß eventuell Millionen CDs umtauschen ? vornehmlich in den USA ? und schreibt eine Art Entschuldigungs-Brief an seine ?werten Kunden?. Das klingt dann so:

?We deeply regret any inconvenience this may cause our customers and we are committed to making this situation right. (... ) Ultimately, the experience of consumers is our primary concern, and our goal is to help bring our artists? music to as broad an audience as possible. Going forward, we will continue to identify new ways to meet demands for flexibility in how you and other consumers listen to music.?

Könnte in das Lehrbuch ?Customer Relationship für Anfänger? eingehen. Und zwar als Beispiel dafür, wie man?s nicht macht. Denn die, sorry!, Verlogenheit einer solchen öffentlichen Selbstzerknischung riecht selbst der argloseste Teenie zehn Kilometer gegen den Wind. Wenn ausgerechnet Sony ? ein Konzern, der jahrelang sein eigenes ATRAC-Musikformat mit Gewalt in den Markt drücken wollte (was an der ungeplanten und unkontrollierbaren Dominanz von MP3 scheiterte) und damit Millionen Usern den alltäglichen, unkomplizierten Umgang mit CDs, Playern und PCs dank allerlei Inkompatibilitäten vergällte ? von ?Flexibilität? spricht und nun den neuen König Konsument flugs von der PR-Geisterbahn in den Streichelzoo umdirigiert, dann ist das ein Fall für Kabarettisten. Und Börse-Analysten.

?Bald werden die Nutzer von Tauschbörsen das Argument einbringen, dass Musik auf legalem Weg nicht mehr unter zumutbaren Umständen zu erwerben ist?, lautete ein nicht ganz unzutreffender Kommentar im Online-?Standard?. ?Und sollte sich der aktuelle Trend fortsetzten, dann ist dieses Argument absolut berechtigt. (...) Warum sollten Downloader angesichts des Verhaltens der Musikmultis denn ein schlechtes Gewissen entwickeln??. Eine schmerzliche, weil treffliche Frage.

Aber Moral ist in realita meist kein kategorischer Imperativ. ?Business is war?, meinte einmal ein mächtiger Manager zu mir (der sich heute, in der Rente, mit den immer kargeren Brosamen des verendenden Musikgeschäfts zufrieden geben muß). Wenn die Wirtschaft aber der eigentliche, weltumspannende Kriegsschauplatz unserer modernen Gesellschaft ist ? was immer schon zutraf und jeder ATTAC-Jünger unterschreiben würde -, dann hat SonyBMG eigentlich ?nur? eine untaugliche Waffe benutzt und sich damit ins eigene Knie geschossen. Pech. Eine verlorene Schlacht ist aber noch kein verlorener Krieg. Glaubt man zumindest in den verbunkerten Chefetagen. Und will weiter alles, wirklich alles dafür tun, um seinen Rechten Recht angedeihe zu lassen und ja nicht ? weiter ? die Kontrolle zu verlieren. Schließlich sieht man sich in den Konzernzentralen in New York, Tokyo und Gütersloh vermeintlich einem unsichtbaren, moral- und gnadenlosen Mob gegenüber, der die Ware Musik einfach nicht mehr löhnen will. Seltsam: erinnert doch irgendwie an die Situation in den brennenden Banlieus von Paris?

Nicht, daß ich hier einfache Auswege aus der Misere anzubieten hätte. Aber sitzt der Konsument, der von einem Konzern Moral und Konsequenz einfordert (und damit vice versa auch für sich selbst definiert, nach dem immer gültigen Sprichwort ?Was Du nicht willst, das man Dir tu?, das füg? auch keinem andern zu?), nicht immer und überall auf dem längeren Ast? Muß ja nicht gleich der Stinkefinger sein, auch eine sachlich-kühle Grundhaltung tut?s. Ich z.B. vermeide kopiergeschützte CDs, die sich dann nicht mal im Autoradio abspielen lassen, seit Jahren wie die Pest. Habe aus guten Gründen lange keine Sony-Player gekauft (was auch nicht gerade zu einem Hoch der Aktie beigetragen hat). Und erinnere mich noch zu gut jene kleine Episode aus meinem Berufsleben, als der deutsche Arm des Global Players mich in Berlin, am Potsdamer Platz, zum Chef-A&R machen wollte. Das Einstellungsgespräch war geführt, der Antrittstermin stand fest. Dann erreichte mich der Arbeitsvertrag. Ca. fünfzehn Seiten lang. Vierzehneinhalb handelten davon, daß alles, was mein Kopf so generierte, fürderhin allein Sony gehören sollte. Er blieb ununterschrieben. (wg)

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