Der Tonspion Stammtisch von Mark Kowarsch mit Frank Spilker (Die Sterne)

Diesen Monat mit Platten von Matthew E White, Die Sterne, Mick Harvey u.a.

Jeden Monat diskutiert Mark Kowarsch (Tortuga Bar, Sharon Stoned) mit seinen Rockbar-Gästen über neue Tonträger. Diesmal mit dabei: Frank Spilker (Die Sterne), Markus Göres (Rewika Records) und Lukas Lassonczyk (Domino Records).

MATTHEW E WHITE & FLO MORRISSEY“Gentlewoman, Ruby Man“ (Caroline)

Mark: Für mich die Überraschung dieses Stammtisches! Den Song "Everybody Loves The Sunshine" habe ich letzte Woche mal einen ganzen Tag auf Repeat gehört. Flo Morrissey kannte ich bislang nicht, von Matthew E White bin ich schon lange großer Fan, besonders sein Album "Fresh Blood" von 2015 ist echt klasse!

Frank: Das ist eine intelligente und stolze Produktion, die neben modernen und spannenden Sounds vor allem von der Kombination der Stimmen lebt. An Roy Ayers muss man sich auch erst mal heran trauen. Ich finde auch, das ist ein tolles Album. Irgendwie wie ein Coffeetable Book, aber toll.

Markus: Wahnsinn, wie poliert das alles klingt, ohne dabei poliert zu klingen, das ging mir bei Matthew E. Whites Southern Indie Soul, oder wie man das nennen soll, eh schon immer so. Hier nun also Coverversionen im Duett mit Flo Morrissey. Coveralben sind ja immer so eine Sache (no pun intended, Frank, haha!). Aber hier, wie bei den Sternen, funktioniert das hervorragend. Gleich zu Beginn die Version von Kyle Fields "Look what the light did". Viel besser als die Version, die Field selber vor einigen Jahren erst mit Feist aufgenommen hat. Flo Morrissey ist ohnehin eine kongeniale Duettpartnerin. Doch wo du gerade Ayers erwähnst, Frank, das finde ich hier gerade eine der schwächeren Momente. Zu viel Respekt vor dem Original? Da wird dann das Coffetable Book zum Café Del Mar-Album. Wenn auch in anders.

Mark: Manno, wirklich jeder darf Coverversionen-Alben veröffentlichen, ich will das auch mal machen.

Rockbar-Gastgeber: Mark Kowarsch

HAMBURGER KÜCHENSESSIONS VOLUME 4   (Kombüse Schallerzeugnisse)

Mark: Wunderschön, was Jens Pfeifer da mit den Küchensessions veranstaltet – eine tolle kleine Perle ist das. Ich mag ja sowieso akustische Versionen und würde mir so ein Konzert gerne mal live ansehen. 40 Songs von Künstlern wie Bernadette La Hengst, Scott Matthews, East Cameron Folkcore oder Die Höchste Eisenbahn findet man hier und ganz besonders überrascht bin ich von Enno Bunger (ich dachte wirklich jahrelang, Enno Bunger wäre eine skandinavische Death Metal Band, hahaha) und Der Herr Polaris. Ach ja, ich darf auch nicht vergessen, folgendes von Jens Pfeifer auszurichten: Frank, hiermit sind Die Sterne offiziell für eine Hamburger Küchensession eingeladen!

Frank: Schöne Grüße an Jens und vielen Dank für die Einladung. Ich sehe das ganz genau wie du. Abgesehen davon habe ich noch nie einer dermaßen spießbürgerlichen Veranstaltung beigewohnt. Wie viele dieser sogenannten Künstler gibt es eigentlich noch, die abgesehen davon, dass sie musikalisch absolut belangloses Zeug produzieren, ihren Verwandten und potentiellen Vorgesetzten vor allem sagen wollen, wie tief sie erstens empfinden, und wie wenig sie sich zweitens darauf einbilden? (Was drittens übrigens nicht stimmt.) Ich habe mir tatsächlich das ganze Album angehört, schon alleine weil ich Bernadette kein Unrecht tun wollte. Es war wirklich kaum auszuhalten und ich werde es nicht wieder tun. Nicht einmal für Geld.

Lukas: 40 (!) mal die Luft anhalten für den Nachwuchs (abgesehen von den paar bekannten Namen). Mein Herz sagt: ja, das ist schon gut so, wir brauchen euch unverbrauchte Akustik-Akrobaten doch. Meine Aufmerksamkeit sagt: oh, da hüpft ein Vogel durch den Schnee. Nichts für Ungut. Ich wette, hier findet jeder mindestens seine drei kleinen Song-Perlen. Und ich hab jetzt wieder Bock bekommen auf Gisbert zu Knyphausen.

Markus: Wieso nur erinnert Bernadette La Hengst auf einmal an Balbina? Was immer die Antwort ist, ich halte es hier mit Bonaparte: "Too much, too much, too much, too much". Ganz zweifelsohne finden sich hier im Gutgemeinten einige Pretiosen. Und ich finde es auch ausdrücklich gut, dass es da draußen all diese Songwriter*innen gibt. Von einigen bin ich ausdrücklich Fan - Bernadette eingeschlossen. Alles in allem verströmt das in seiner Geballtheit und weihevollen Innerlichkeit jedoch arg die Aura eines ökumenischen Gottesdienstes. In einer Schulturnhalle. Wieso ich das nicht uneingeschränkt gut finden kann? Klarer Fall von Altersverbitterung meinerseits.

Frank: Es geht hier nicht um den Nachwuchs und möglicherweise verletzte Eitelkeiten aufgrund meiner „überzogenen“ Kritik an Einzelpersonen, sondern um ein grundfalsches Kunstverständnis, das hier die Hauptrolle spielt und zu dem ich mich in Opposition sehe.

Mark: Ein grundfalsches Kunstverständnis? Das ist aber hart jetzt! Ok, ich hätte aus den 40 Songs auch lieber ein 20 Track-Album gemacht, will hier aber gar nicht so viel kritisieren. Vielleicht hat das alles seinen Sinn und seinen Grund - heutzutage ist es so fürchterlich schwer für junge Bands und Musiker und hier bekommen viele einen Gig und einen Song auf der Compilation. Und das soll jetzt auch auf keinen Fall so rüberkommen, als seien die Hamburger Küchensessions ein unfertiger Demo-Kellerband-Brei! Ich finde, hier sollten wir das ganze Ding auch anders bewerten - vielleicht so wie damals den Output des Hausmusik-Labels. Da hat mir auch nicht jeder Release gefallen, ich hab mir trotzdem alle gekauft. Oder wie bei einer "Tribute to - Compilation". Ups, da ist ja schon eine!

Frank Spilker (Die Sterne)
 

DIE STERNE"Mach’s besser: 25 Jahre Die Sterne" (Materie Records)

Mark: Vor einigen Jahren habe ich ein Interview mit Neil Young gelesen, wo er gefragt wurde, wie ihm die „The Bridge - A Tribute To Neil Young“ Compilation gefällt und welchen Song er am besten findet. Er sagte, ihm gefiele "Lotta Love" von Dinosaur Jr. am besten, weil es der einzige Song der Compilation sei, der nicht einfach nur gecovert, sondern zu einem eigenen Song performed wurde. In meinen Augen ist es zwar eine wirklich grottige Coverversion, aber darum geht es gar nicht – mich würde interessieren, wie Frank das sieht, was er über die 24 Die Sterne-Coversongs dieser Compilation sagt. Lieber nah am Original oder lieber verfremden und zu einem eigenen Song machen?

Frank: Wie man sich zu dem Original verhält, hängt ja vor allem von dem jeweiligen Original und seiner Rezeption ab. Ein „Hit“, dessen Sound in aller Ohr ist, kann zum Beispiel in einem überraschenden neuen Soundgewand daher kommen (Peter Licht, Stereo Total). Andere Songs sind im Original unterschätzt worden und werden in der Cover Version plötzlich zu Hauptdarstellern (Max Müller, Isolation Berlin, Die Zimmermänner). Aber die allermeisten wenden das Arrangier- und Zitatsystem der Sterne auf die Songs selbst an, indem sie Zitate austauschen (Nicolas Sturm, Die Aeronauten, Locas in Love). Alle drei Varianten machen Sinn, finde ich. Ich freue mich über jede einzelne Version. Extrem spannend ist es auch jetzt zu beobachten, wem welche Version am meisten gefällt. Also: Vielen Dank euch allen.

Markus: Das würde mich auch interessieren. Was Die Sterne aber auch schon immer vor anderen auszeichnete, ist ihre Aufgeschlossenheit. Jetzt nicht in einem musikalischen Sinne, in dem sie Funk und Hip Hop in ihre Indie/Punk/DIY-Sozialisation aufgenommen haben, darüber wurde oft gesprochen, sondern in dem Sinne, dass sie anderen Szenen, Bands, Leuten gegenüber immer enorm aufgeschlossen waren. Wo andere auf Abgrenzung setzten, hielten Die Sterne immer ihre Arme offen; Kollaborationen aller Art, Guestings, Tourneeeinladungen usw. Die Reihe der nun hier auf diesem Coverversionen-Album zum 25jährigen versammelten Bands ist ein beredtes Zeugnis dafür. Und da gäbe es noch viele weitere mehr. Meine Favoriten hier übrigens: Björn Beton, Locas In Love, PeterLicht, Die Zimmermänner (Blunck), Lambert.

Lukas: Bin sehr sehr begeistert. Punkt.

Mark: Ich bin hier, wie Frank eben bei den Küchensessions, etwas zwiespältig. Zum einen fehlt einer meiner drei Sterne Hits komplett ("Insel") und die anderen beiden wurden hier auf dieser Compilation ganz böse verhunzt, nämlich "In Diesem Sinne" und "Wenn Dir St. Pauli Auf Den Geist Fällt". Von diesen beiden Versionen bin ich wirklich zutiefst enttäuscht (nenne aber aus Respekt und Angst vor Kloppe nicht die Namen der Bands)! Dafür ist der mit Abstand beste Song hier von PeterLicht, der vor Jahren mit seinem "Sonnendeck" in jeder Bar und jeder Disse lief und jeden mit diesem grauseligen Stück Kackdreck gequält hat. Dieser Mann macht mal eben aus dem größten Sterne Hit "Universal Tellerwäscher" eine unglaublich coole und elegante Gospelversion, das ist wirklich kaum zu glauben! Ansonsten gehe ich mit euch und erwähne auch nochmal Locas In Love, Die Aeronauten und Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen - vielen Dank für keine Experimente! Wenn's nach mir gegangen wäre, hätte ich einige Interpreten lieber durch Pisse, A Million Mercies, HGich.T und Gewalt ausgetauscht. Und ich hätte gerne "Insel" eingespielt!

BERNHARD EDER"Remake" (Tron Records)

Mark: Ich kenne Bernhard schon sehr lange und liebe seine Alben wirklich. Er ist ein sehr talentierter Musiker und ein unglaublich guter Sänger, der mich immer etwas an Aydo Abay erinnert. Und er hat ein Coverversionen Album aufgenommen – das wollte ich auch schon immer mal machen. "Remake" ist ein tolles Album geworden, ich hab‘ hier nix zu meckern. Aber was ist das für ein Dialektsong? "Heite drah i mi ham" - von wem ist denn dieser Song?

Frank: Ich habe auch nix zu meckern. Allerdings erinnere ich mich auch schon nicht mehr an die Platte.

Lukas: Ich muss schon sagen, ein Cover Album mit einem der größten Oasis Songs anfangen zu lassen, ist fast so mutig wie der Partnerin die Rückenmassage zu verweigern, weil man Kopfschmerzen hat. Dabei müsste ich von diesem Album technisch betrachtet ja durchaus angefixter sein, zumal sich hier mitunter Songs versammeln, die mich rührig an meine eigene musikalische Sozialisation zurück denken lassen. Doch praktisch bleibt der Effekt bei mir aus. Einen Lichtblick gibt es für mich: "Heite drah i mi ham". Da ist der Wiener Eder plötzlich irgendwie ganz bei sich.

Markus: Das ist alles wunderschön. Aber ist das nicht dennoch eher eine Fingerübung auf dem heimischen Sofa? Bei "Heite drah i mi ham" bin ich ganz bei dir, Lukas! Suicide is love!

Mark: Aber von wem ist denn jetzt dieses "Heite drah i mi ham"?

PICTURES"Promise" (Virgin)

Mark: Eine Sache erstmal: auch wenn Kollege Linus Volkmann das Presseinfo geschrieben hat – die Heroinabhängigkeit von Sänger Maze so fett im Platteninfo zu featuren, ist ein großer Fehler, der den Jungs mit Sicherheit irgendwann mal leidtun wird – das weiß ich aus eigener Erfahrung! Mit den Speed Niggs wollten wir uns 1989 auch so ein Drogenimage à la Miracle Workers, The Fuzztones oder Flaming Lips zulegen und das ist aber mal so richtig in die Hose gegangen, hahaha.

Frank: Allem Talent zum Trotz ist das Album unterm Strich provinziell. Für den internationalen Markt fehlt es der Band an einem klaren Konzept und einem scharfkantigen Profil, für den lokalen Markt an einem Alleinstellungsmerkmal den internationalen Produktionen gegenüber. Die Songs sind einmal Grunge und einmal Sixties Ballade. Das ist zwar alles geil gemacht, aber wen interessiert das schon?

Markus: Ich mag Pictures ja gerne. Dass die durchaus auch Oasis gut finden, ist nichts Schlimmes, dass sie es nach all der Zeit noch einmal schaffen würden, in der Tat ihr Debütalbum fertig zu machen, ausdrücklich zu begrüßen. Ich muss allerdings auch vorausschicken, dass ich die Typen mit ihrem Koblenz-Bezug zum Teil seit Jahren kenne. Ich komme ja aus der Gegend. Speaking of which: Lukas, weil du vorhin Gisbert zu Knyphausen hervorgehoben hast, möchte ich die Gelegenheit nutzen, an dieser Stelle die Werbetrommel zu rühren für sein Sommerfestival „Heimspiel Knyphausen“ auf dem Familiengutshof in Eltville. Das liegt zwischen Koblenz und Wiesbaden. Und da geht es her wie auf der Küchensession-Box. Bloß in ausgewählter. Der Rolling Stone Weekender für Baedecker-Reisende sozusagen.

Mark: Ach ja, meine Tochter und meine Ex-Frau wollen unbedingt mit mir auf dieses "Heimspiel Knyphausen Festival" fahren - ich muß unbedingt noch Gisbert nach der Gästeliste fragen.

Lukas: Es genießt ja tatsächlich einen sehr guten Ruf dieses Wein und Klang Festival zu Knyphausen. Die Pictures würden dort aber wegen ihres Rocks mit Bierfahne gewiss nicht auftreten. Und übrigens, Mark, die Album-Veröffentlichung wird ja sogar von einer neunzigminütigen Dokumentation über die Drogenprobleme der Band begleitet. Die gibt es sogar auf der diesjähirgen Berlinale zu sehen. Anschauen würde ich sie mir trotzdem nur widerwillig.

Mark: Gottohgott......

MICK HARVEY“Intoxicated Women“ (Mute)

Mark: Wow – das ist wirklich ein tolles Album! Und mutig, "Je t‘aime" auf deutsch zu bringen – und dann auch noch als Opener auszuwählen! Frank mag den Song auch, ich hab ihn auf jeden Fall in seiner letzten "Frank-A-Delic" Sendung gehört.

Frank: Mick Harvey ist wohl, neben mir, einer der fortgeschrittensten Gainsbourgologen und schon allein deswegen ein Buddy. Der Sound, den er produziert, kommt allerdings trotz aller Bemühungen nicht an die Originale heran. Vielleicht ist das ja auch gar nicht mehr möglich, weil sich kein Mensch mehr diese Produktionsumgebungen der 60er und 70er Jahre inklusive Orchester leisten kann. "Je t’aime" auf deutsch aufzunehmen, ist allerdings eine sehr gute Idee, längst überfällig, und wohl gelungen.

Lukas: Ich gebe zu, dass ich außer des 1968er Albums "Bonny & Clyde" mit Brigitte Bardot kaum Einblick in das musikalische Werk Gainsbourgs besitze. Wenigstens kann ich etwas unterqualifiziert noch sagen: anders als Vol. 3 der Gainsbourg Reihe ("Delirium Tremens") kann ich Vol. 4 wunderbar am Stück runterhören. Und wenn Gainsbourgologe Frank hier seinen mittelstarken Segen gibt, will ich eh nicht weiter kommentieren.

Markus: Starkes Konzept, durchwachsene Umsetzung. Prinzipiell aber super, Gainsbourg mäanderndes Werk auf vier Alben zusammengefasst ins englische zu übertragen. Die Andrea Schröder-Nummer find ich allerdings einen der schwächeren Momente. Und unter uns: Dass jetzt nach vier Alben Schluss ein soll mit Gainsbourg, find ich gut. Dafür haben wir ja noch dessen eigene Alben.

CHRISTIANE RÖSINGER"Lieder ohne Leiden" (Staatsakt)

Lukas: Vorgängeralbum "Songs Of L. And Hate" enthielt ja schon so einige Perlen. Mein Favorit: "Ich muss immer an dich denken". Den konnte man sowohl auf verblichene Liebe als auch auf die Lieblingscurrywurst münzen ("ich denk im Kreis und um die Ecke / denk dich in Scheiben und am Stück"). Zum größten Gesangstalent ist Rösinger nun selbstredend auch sechs Jahre später nicht mutiert. Die Songperlen aber sind wieder da. Zum Beispiel "Eigentumswohnung" oder "Lob der stumpfen Arbeit" ("sich selber promoten / das gehört verboten", haha, geil). Sie hätte ihre beiden Soloalben auch Berlin I und Berlin II nennen können. Eckkneipengespräche in Songformen gegossen. Darauf eine Rösinger, die die vierte Wand durchbricht und zu uns in die Kamera singt. Ich mag‘s ja. Und eines wird klar. Es gibt sie für Rösinger nicht, die Lieder ohne Leiden. Genau deswegen musste sie wohl dieses Album machen.

Mark: Ich hatte mich sehr auf neue Songs von Christiane gefreut. Als ich aber zum ersten Mal den Chorus der Vorabsingle "Eigentumswohnung" gehört hatte, war ich schockiert! Leute, das kann doch wirklich niemand auf der Welt gut finden! Aber das Album ist dann doch sehr schön geworden, besonders die Instrumentierung und Produktion muss ich hervorheben. Unter'm Strich aber nicht ihr bestes Album, ganz und gar nicht. Lieblingssong: "Lob der stumpfen Arbeit".

Markus: Das Wiener Lied in Berlin. Finde Christianes Musik und ihre Texte ja immer wahnsinnig trostspendend in ihrem Humor, der einer existenziellen Einsamkeit abgerungen ist. Auch wenn ich ihrer Lakonie nicht unbedingt jeden Tag gewachsen bin. Lukas, weil du das "Lob der stumpfen Arbeit" zitierst, find ich gerade eine der schwächeren Zeilen auf dem Album, das ist mir zu 1:1. Dafür der Wahnsinn zum Beispiel das letzte Stück, "Das gewölbte Tor", frei nach Kleist: "Dass auch ich mich halten würde / wenn alles mich sinken lässt". Wie immer bei Christianes Soloalben – also zum zweiten Male – hervorragend arrangiert von Andreas Spechtl von Ja, Panik. Freue mich schon auf die Tournee.

Frank: Christiane Rösingers Lieder sind am Ende des Tages immer romantisch. Im Wesentlichen formuliert sie enttäuschte Erwartungen nach dem Crash mit der Realität und das in ihrer ganz eigenen Rösinger-Sprache und mit einem irrwitzigen Humor. Dass sie sich damit jetzt abseits der Liebes- und Bindungsproblematik in die Sphäre der Berufswelt und der (Gender-) Politik wagt, tut dem Album sehr gut. Genau wie die Produktion vom Spechtl.

LOWER THAN ATLANTIS –  "Safe in sound" (Easy Life)

Lukas: Da denkt man, die Internet Schwärme dieser Welt würden was bewirken können mit einer Million digitaler Verunglimpfungen und geistigen Platzverweisen. Und plötzlich wird ein Trump doch Präsident. Und weiter sind Bands wie die tausendfachst verlachten Nickelback irgendwie stabil erfolgreich. So stabil mindestens, dass Bands wie Lower Than Atlantis (5. Album) sie immer noch als Sound-Maßstab, heimliches Vorbild und Ziehväter geltend machen müssen. Vielleicht haben wir in unseren Bubbles ja einfach kein Bild davon, dass da draußen halt eine Gegen-Million mit mittelprall aufgeladenem Testosteronspiegel genau auf diese Sorte Band abfährt. Es muss scheinbar beides geben. Aber mit diesem Album komme ich nicht klar.

Mark: Ich auch nicht – ganz ganz furchtbar, dieses Album! Einige meiner Kumpels schwärmen immer vom LTA-Debüt und ich versuche auch immer offen an solche Alben aus der Alternative-Rock Kiste ranzugehen, aber das hier ist wirklich schlimm! Sorry! Aber hey, kennt ihr Every Time I Die oder Kvelertak? Die finde ich gut, ab und an gefällt mir so eine Musik. Kann man mit diesem Mist aber gar nicht vergleichen.

Markus: Man kann diesem Mist auch gar nicht vergeben. Wie tief liegt Atlantis? How low can you go? Immer noch lower. Bei Trumps Inauguration Day spielen 3 Doors Down. Die Nickelback für das schmale Budget. Aber lass lieber mal vor der eigenen Haustüre kehren. Beim Onkelz-Festival im Juni spielen neben diesen Five Finger Death Punch, Slayer, Papa Roach, Anthrax, Suicidal Tendencies, Hatebreed, Ignite und vermutlich eine Menge mehr. Die Vorab-Single aus Lower Than Atlantis neuem Album heißt übrigens: "Dumb". Mehr gibt es nicht zu sagen.

Frank: Ich finde es überhaupt erstaunlich so ein Werk zu einer Rezension einzuladen. Ich meine, man bespricht doch auch keine gemafreie Arztpraxenmusik oder Yogaplatten. Allerdings denke ich ebenfalls, dass man das Bedürfnis nach so einer Musik ernst nehmen muss.  Das stecken mächtige Triebe dahinter.

Mark: Es gibt ein Onkelz-Festival? Und woher weißt du sowas, Markus?

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