Der Turm stürzt ein - die Musikindustrie am Scheideweg

Das Szenario zur Rettung der Musikbranche ist klar: die Tauschbörsen werden in Grund und Boden geklagt und gleichzeitig sollen die diversen kostenpflichtigen Download-Angebote die kränkelnden Umsätze ankurbeln. So oder ähnlich sieht er aus, der Traum der Musikindustrie. Doch die Realität ist eine ganz andere.

Der amerikanische Verband der Musikindustrie RIAA will jetzt möglichst kurzen Prozess machen mit bösen File-Sharern und ein Exempel statuieren. Deshalb hat sie in der vergangenen Woche rund 900 Abmahnungen verschickt, um Tauschbörsen-Benutzern Druck zu machen. Dabei verlangt sie unerschrocken und größenwahnsinnig bis zu 150 000 Dollar pro angebotenem Song. Doch die Rechnung geht nicht auf. Im Gegenteil.

Denn die RIAA hat diesmal nicht mit bösartigen Schwerverbrechern zu tun, sondern mit ganz normalen Menschen und Musikfans. Das dürfte ihr so langsam klar werden, wenn die Konsequenzen der Abmahnwelle ans Tageslicht gelangen. So wurden laut Spiegel die Eltern eines 14 jährigen von ihrem Service-Provider angeschrieben, dass man die Daten ihres Sohnes nun an die RIAA weitergeleitet habe. Mit der Konsequenz, dass der Familie eine Strafe über mehrere Millionen Dollar blüht, was die Finanzierung der College-Ausbildung des Jungen sowie seiner Schwester nun völlig in Frage stellt. Selbst Schuld, diese kleinen Download-Monster und ihre unfähigen Erzeuger!? Wohl kaum.

Doch nicht nur mit solchen ganz alltäglichen Beispielen wird das Vorgehen der Plattenindustrie ad absurdum geführt, auch mehrere Hochschulen haben nun Widerstand gegen das aggressive Vorgehen der Plattenindustrie angekündigt und verweigern die Herausgabe von personenbezogenen Daten ihrer Studenten. Und die renommierte Electronic Frontier Foundation (EFF), die für ein freies Internet eintritt, veröffentlicht außerdem Hinweise, wie man dem Vorgehen der RIAA juristisch entgegnen kann. Schließlich handelt es sich bei den meisten Tauschbörsen-Nutzern um vollkommen harmlose Zeitgenossen, die sich der angeblichen Bösartigkeit ihres Tuns nicht im Geringsten bewusst sind und plötzlich von einer juristisch fragwürdigen Keule getroffen werden.


Auch in unserer Redaktion gehen fast täglich Anfragen ein, ob MP3s von unseren Seiten auch auf dieser oder jenen privaten Homepage veröffentlicht werden dürfen. Dürfen sie natürlich nicht. Und doch ist die Frage legitim. Nicht etwa, weil da jemand kriminelle Machenschaften mit unserer Unterstützung plant, sondern weil ein Musikfan ganz hervorragende Musik entdeckt hat und dies möglichst vielen Menschen mitteilen möchte. Wenn diese Leidenschaft der Musikindustrie derart zuwider ist, dass sie genau diese Menschen verklagt, dann ist ihr in der Tat nicht mehr zu helfen. Ganz besonders treffend drückt es laut Spiegel der CNN Journalist Eric Hellweg aus, warum die gegenwärtige Offensive scheitern muss: "Studenten an den Wickel zu gehen ist eine Sache, jemandes Mama eine 15-Millionen-Dollar-Klage anzuhängen, weil sie versucht hat, ihrem Strickkreis die Barry-Manilow-Sammlung zugänglich zu machen, eine ganz andere." Download-Serial-Mom, oder was?

Doch damit wird man auf gar keinen Fall durchkommen, denn es sind eben nicht mehr ein paar angehende Kleinganoven, die Tauschbörsen nutzen, sondern viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Wer nicht tauscht, ist mir suspekt. Und wenn man ein paar davon an den Pranger stellt und damit droht deren Leben zu zerstören, wird das noch mehr Öl ins Feuer gießen und dafür sorgen, dass man sich endgültig von der Mehrzahl seiner Kunden verabschiedet.
In einer Welt, wie sie Teilen der Musikindustrie momentan vorschwebt möchte man eigentlich nicht leben. Denn die ist genauso schlimm, wie eine Welt ohne Musik. Und die wird es zum Glück nie geben. Ob mit oder ohne Industrie drumherum. (ur)
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