Die freie Kultur ist gescheitert

Internetpionier kritisiert Entwicklung und fordert radikales Umdenken

Jaron Lanier ist einer der Pioniere des Internet und gehört zu den Erfindern des Begriffs "virtuelle Realität". Der Informatiker und Komponist kritisiert in seinem Buch "You are not a gadget" die Entwicklungen der letzten Jahre und fordert ein radikales Umdenken im Umgang mit dem Internet.

Das Verschwinden des Autors in einem Schwarm von Maschinen-Intelligenz hält Lanier nicht etwa für eine tolle Weiterentwicklung, sondern für einen der größten Fehler der letzten Jahre, so schreibt er in seinem Buch. Die Menschen ordnen sich im Internet zunehmend Computer-Algorithmen unter, die aber viel dümmer sind als ein Mensch selbst und senken so ihre eigenen Standards. Suchmaschinenergebnisse seien die besten Beispiele für die Dummheit von Computern und Algorithmen.

Gleichzeitig werde der Autor im Internet immer weiter entwertet: Musiker verdienen kein Geld mehr für ihre Werke, Buch-Autoren oder Drehbuch-Autoren wird in ein paar Jahren das gleiche Schicksal ereilen, wenn digitale Lesegeräte und billige Filmprojektoren den Markt überschwemmen und keiner mehr ein Buch kauft oder ins Kino geht.

Diese Entwicklung fördert nach Meinung von Lanier nicht die Kreativität, sondern gefährdet sie. Jeder blökt seinen ersten unreflektierten Gedanken im Netz heraus, statt mit Ruhe und Zeit an einem Werk zu arbeiten, dessen Rezeption sich am Ende auch lohnt. Gleichzeitg ist und bleibt Werbung das einzige, was als Währung bleibt, somit wird die Rolle von Werbung enorm aufgewertet und rückt in den Mittelpunkt des menschlichen Universums. Mit anderen Worten: es geht jedem nur noch darum irgendjemandem irgendwas zu verkaufen, Werbung wird zum eigentlichen Inhalt. "Wenn Inhalte wertlos sind, dann werden die Menschen irgendwann hohlköpfig und inhaltslos", so Lanier.

Sicher gebe es einige schöne Beispiele, wo diese Schwarmintelligenz funktioniere und Menschen am Ende viel Geld eingebracht habe, doch seien das immer nur vereinzelte Geschichten am Übergang in eine neue Medienwelt. Zukunftsweisend seien diese aber nicht. Die Protagonisten der Social Networks und der Blogosphäre, die er als Cyber-Totalitaristen bezeichnet, propagierten die freie Information, produzierten aber am Ende nur leeres Gerede und hätten für die sterbenden Zeitungen und Plattenfirmen seit Jahren keine konstruktiven Vorschläge, wie man künftig eigentlich noch kulturelle Güter produzieren solle, wenn alles entwertet wird und kein Geschäftsmodell mehr greift - außer Werbung.

Lanier hingegen macht einen Vorschlag, der schon in den 60er Jahren, kurz nach Erfindung des Hypertext formuliert wurde: per Mikropayments solle jeder verlinkte Beitrag Geld erwirtschaften, das der einzelne Nutzer kaum merkt, dem Produzenten von kreativen Werken aber am Ende direkt Geld für seine Arbeit einbringt. Doch ob Facebook, Twitter oder Wikipedia, die er am meisten kritisiert, mit ihrer unendlichen Reichweite nicht erst recht von so einem Zahlungsmodell profitieren würden ist wohl offen.

Die Entwicklung zurückzudrehen ist wohl kaum mehr möglich, aber dass es nicht ewig so weitergehen kann, bis die Kreativität des Einzelnen endgültig auf 140 Zeichen Text reduziert wird und Filme nur noch mit dem iPhone und mit Werbeeinblendungen gedreht werden können, scheint schon längst abzusehen.

Ein lesenswertes Interview mit Jaron Lanier gibt es in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Sein Buch „You Are Not a Gadget: A Manifesto" ist gerade erschienen bei Random House.

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