Die Kopierschutzdebatte aus dem Blickwinkel eines Independent-Labels

Der DJ und Labelmacher Matthias ‚Delay’ Göbel macht sich Gedanken über die Zukunft des Musikvertriebs und zeigt Wege auf, wie sich die Musikbranche aus ihrer aktuellen Krise befreien könnte.

"Bei einer Geschichte gibt es immer vier Seiten: Deine Seite, ihre Seite, die Wahrheit und das was wirklich passiert ist."
(Rousseau)

Von Matthias ?Delay? Göbel

Tatsache sind sinkende Verkaufszahlen für Tonträger; nur, wer als
alleiniges Übel das illegale Kopieren von Inhalten verantwortlich
macht, wird dieses Problem nicht lösen können.

Die Kopierschutzdebatte wird von den fünf Major-Medienkonzernen, die
sich mehr als 70 % des Marktes teilen, zu Lasten von Künstlern,
unabhängigen Plattenfirmen und - der musikalischen Vielfalt geführt.
Internet-Tauschbörsen brachten erstmals eine große Anzahl unbekannter
Titel einer interessierten Öffentlichkeit zu Gehör, - und alles ohne
gigantische Promotion.
Die Kopierschutz-Diskussion ist Spiegelfechterei und die
Kopier-Schutz-Technologie ein Kampf gegen Windmühlen, denn auch der
beste Kopierschutz versagt gegen einen kriminellen Willen, da von
einer kopiergeschützten CD ohne besonderes Setup eine Analogkopie
angefertigt werden kann, die dann ihrerseits wiederum beliebig oft
digital kopierbar ist. Dagegen kann und wird es keinen technischen
Schutz geben. Wenn die CD von der DVD abgelöst werden wird, wird sich
das Problem lediglich auf das neue Medium übertragen.

Kopie = Promotion ?!

Wie in allen Dingen empfiehlt sich eine genauere Betrachtung des
Einzel-Umstands. Das Kopieren für den Freundes- und Bekanntenkreis
ist und war immer die beste Werbung.
So, wie es früher das mit Liebe zusammengestellte und dann
weiterkopierte Mix-Tape war, ist es auch heute so, dass über ein paar
Konsumenten, die nicht für die Musik bezahlt haben, die Musik ihren
Weg zu einem Musikliebhaber findet, der bereit ist für Musik zu
zahlen; und schon hat sich das Weiterkopieren für die Plattenfirma
gelohnt: die Zwischenkonsumenten hätten sich ohne kostenlose Kopie
den Musiktitel auf keinen Fall angeschafft ... hier entsteht kein
Verlust für die Plattenfirma, doch der Musikliebhaber hätte sich das
Album der Künstler ohne diese ?Kopier-Promotion? nicht gekauft...die Kopiereinschränkungen, Gebote und Verbote werden zum berühmten Sägen am Ast auf dem man sitzt.

Es gibt Gebiete in denen viele Musik-Titel gar nicht käuflich
erhältlich sind, z.B. durch Import-Restriktionen, wie hohe
Einfuhrzölle, nicht vorhandene Plattenläden, - oder Verkaufsstellen,
die nur Material führen, welches bereits in den Charts ist. Nicht
selten führen gerade Internet-Tauschbörsen und das Weiterkopieren an
Freunde zu einem höheren Bekanntheitsgrad und einem gesteigertem
Interesse an den Künstlern, was Bookings und Live Auftritte, und in
der Folge auch die Erschließung eines neuen Absatzmarktes und/oder
Lizenzeinnahmen für die Künstler und die Labels zur Folge haben kann.
Es ist sinnvoller Personen, die sich an schwarzkopierten CDs
bereichern, das Handwerk zu legen, als härtere Gesetze zu
verabschieden, die zu einer Kriminalisierung der Endkonsumenten
führen, denn diese sind die Kunden von morgen.

Wege aus der Krise

1. Privatkopie ohne Einschränkung erlauben, aber Musikpiraten, die
Musik gewerbsmäßig kopieren und verbreiten, mit aller Härte des
Gesetzes das Handwerk legen.

2. Alle Arten von Musik (wie das ja auch schon geschieht) als
Sammler-Edition auf Vinyl in begrenzter Auflage anbieten für High-End
Enthusiasten und Leute, die Wert auf das Besondere legen, um den
Stellenwert von Musik in unserer Gesellschaft zu erhöhen.

3. Zurück zur Qualität, anstatt musikalisches Fast Food zu präsentieren,
nichts gegen Fastfood, aer als Grundnahrungsmittel ist es auf Dauer
doch nicht gehaltvoll genug.

4. Schutz und Förderung von Underground-Szenen, da diese die Quelle für
etablierte Acts von morgen sein können, anstatt sie durch
Gesetzesauflagen, Dumpingpreise usw. unter Druck zu setzen.

5. Drastische Senkung der Preise für legale Downloads gegenüber
physischen Produkten, denn die Nutzer sind zwar bereit bewusst eine
geringere Qualität in Kauf zu nehmen, aber keinesfalls überhöhte
Preise für etwas zu bezahlen, was sie auch kostenlos erhalten können.

6. Technischer Fortschritt ist nicht umkehrbar, d.h. bereits vorhandene
und weithin gebrauchte Programme lassen sich nicht mehr einfach vom
Markt nehmen, und warum soll ein Angebot beansprucht werden, dass
eine kleinere Auswahl hat UND Geld kostet, gegenüber einem Angebot,
das reichhaltiger und kostenfrei ist? Auch bringen Verbote naturgemäß
den Reiz des Verbotenen mit sich, und das Ausnutzen von Macht erzeugt
Widerstand, der sich in Kauf-Verweigerung äußern kann. Wenn es
plötzlich chic wird eine illegale Kopie zu besitzen, dann hat die
Branche ein echtes Problem...

7. Radikale Senkung der Preise für Backkatalog Produkte, auf ein Niveau
das vom Markt akzeptiert wird; für Liebhaber-Editionen werden jedoch
ohne mit der Wimper zu zucken höhere Preise akzeptiert werden, sobald
es wichtig wird das Original zu besitzen. Geringen
?Nach-Erwerbspreis? festlegen, um Kunden-Treue zu belohnen...
Die höheren Aufwendungen für die Herstellung einer Schallplatte und
ihre höhere Werthaltigkeit sollen sich im Ladenverkaufspreis
widerspiegeln.

8. Keine Fantasie-Vorschüsse an wenige Top-Acts zahlen, die im Verkauf
der Musik kaum wieder hereinzuspielen sind, mit der Folge, dass zu
wenig Kapital vorhanden ist für Entwicklung und Förderung von neuen
Acts.

9. Nicht jeden Trend aufspüren und mit den Mitteln eines Konzerns zu
vermarkten versuchen, bevor ein genügend breites Fundament vorhanden
ist, und nicht versuchen ?eine Szene zu kaufen?, sondern die
Entwicklungsarbeit kleinen Independents überlassen, die mit der
jeweiligen Szene wirklich verbunden sind, um in der Folge Themen, die
für eine größere Käuferschicht in Betracht kommen, gezielt zu
vermarkten.

10. Gleichstellung von Kulturgut Tonträger mit dem Kulturgut Buch, also
Herabsetzung der Mehrwertsteuer und ermäßigte Postversandkosten, so,
wie das schon seit langem für Büchersendungen gang und gäbe ist.

11. Radioprogramme müssen attraktiver gestaltet werden und nicht auf den dümmsten gemeinsamen Nenner reduziert werden, Profis und Profil statt Einheitsbrei. Mit genau diesem Rezept feiern Internetradios Erfolge.

12. Internet-Tauschbörsen nicht ohne wenn und aber verdammen, denn P2P Plattformen und Internet-Radios können unbekannten Künstlern und Labels nützen gehört zu werden, da selbst für die seltsamste Musik ein Hörerkreis von einigen 1.000 Hörern gefunden werden kann, solange der Such-Radius nur groß genug ist.

-
DJ Matthias ?Delay? Göbel gründete 2002 das Dancelabel P.O.R.N. Rec und arbeitet als A&R Consultant für Cosmophilia. Er ist seit vielen Jahren DJ und war vier Jahre Resident im KunstparkOst/München.

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