Die Webcam-Chanteuse

Der Tonspion Wochenrückblick
Wie eine britische Sängerin über eine ins Internet übertragene Konzertserie zum Plattenvertrag kam, wie ein Jugendlicher fast ins Gefängnis kam, weil er The Clash hörte, wie The Knife das zweite Konzert ihrer Karriere über die Bühne brachten und warum David Bowie die Secret Machines mag.

Webcams üben eine eigentümlich Faszination auf die Menschheit aus. Als im Jahr 1993 Wissenschafter der Universität Cambridge den Pegelstand ihrer Kaffeemaschine ins Internet übertrugen, wollten in Folge mehr als 2,4 Millionen Leute einen Blick auf die Krups Pro Aroma werfen. Der Trojan Coffee Room - ein unscheinbarer Raum im zweiten Stock des Arup Buildings im New Museums Areal der Universität Cambridge - erlangte so Legendenstatus. Immerhin bis zu 70.000 Leute pro Abend lauschten der britischen Folk-Sängerin Sandi Thom, die von Ende Februar bis Mitte März eine Konzertserie live aus ihrem Keller im Londoner Stadtteil Tooting ins Internet streamte. Die Keller-Gigs waren eigentlich eine Notlösung. Der Folk-Chanteuse war kurz vor dem Start ihrer Tournee der Wagen eingegangen. Der überraschende Erfolg des Internet-Streams machte jedoch das Label RCA hellhörig. Anfang vergangener Woche unterschrieb sie einen Plattenvertrag mit der Sony BMG-Tochter. Natürlich wurde auch die Vertragsunterzeichnung ins Netz übertragen. Thoms Single "I Wish I was a Punk Rocker" erscheint im Mai. Das Album "Smile, it Confuses People" folgt im Juni.

Laut im Taxi zu singen führt hingegen zu Problemen. Zumindest dann, wenn das Taxi zum Flughafen fährt und die Musik von The Clash kommt. Diese Erfahrung machte der 23-jährige britische Mobiltelefonverkäufer Harraj Mann, der eine Fahrt zum Londoner Flughafen Heathrow dazu nutzen wollte, "London Calling" zu hören und dabei wohl auch ein bisschen mitzusingen. Die Zeilen "Now war is declared and battle come down" aus dem Titelsong des Clash-Albums machten den Taxifahrer stutzig. Nachdem Mann das Fahrzeug verlassen hatte, verständigte er die Polizei. Sein Fahrgast wurde von einer Terroreinheit der Londoner Polizei aus dem Flugzeug geholt. Die Texte der Clash sorgten bereits zuvor für einen Großeinsatz der britischen Exekutive. Im Jahr 2004 wurde ein 35-jähriger Clash-Fan aus Bristol vorübergehend festgenommen, weil er Auszüge aus den Lyrics zum Clash-Song Tommy Gun - darunter die Worte "gun" und "jet airliner" - via SMS versandte.

Auch The Knife haben einen gefährlichen Bandnamen, doch live sind sie weitaus harmloser, als man zu hoffen wagte. Beim erst zweiten Konzert ihrer Karriere gestern in Berlin gaben sie hinter einem durchsichtigen Vorhang und hinter Affenmasken versteckt eine leider unspektakuläre Vollplayback-Show mit Lichteffekten. Die eingefleischten Fans waren trotzdem begeistert, was allerdings daran liegen dürfte, dass The Knife weniger eine Band als vielmehr ein Phänomen ist.

Ein anderes Phänomen der Musikbranche steht heute dagegen mehr auf erdige Musik. In einem vor Kurzem auf seiner Website veröffentlichten Podcast interviewt David Bowie die Black-Sabbath-Epigonen und vergisst dabei auch nicht, seinen Einfluss auf das texanische Trio ins rechte Licht zu rücken. (dx)

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