Die Zukunft der Musik?

10 Thesen zur Entwicklung der Musikbranche

Gerd Leonhard und David Kusek werden aufgrund ihrer Buchveröffentlichung „The Future of Music” derzeit viel zitiert. Doch sind ihre Erkenntnisse wirklich so neu? Das Magazin „Corante“ hat die beiden zum Interview gebeten.

Gerd Leonhard gilt als Experte für Medien, Entertainment und Technik im digitalen Zeitalter. Sein Kollege David Kusek war u.a. an der Entwicklung des ?Musical Instrument Digital Interface? (MIDI) und der kommerziellen Umsetzung der ?Enhanced CD? beteiligt. In ihrem Buch ?The Future of Music? prophezeien die beiden Autoren, dass die Plattenindustrie ? wie wir sie heute kennen ? stirbt, aber die Musikbranche zukünftig aufblühen wird. Die wichtigsten Thesen aus ihrem Interview mit dem Magazin ?Corante? sind hier als Nachlese inhaltlich zusammengefasst.

1. Der Musikmarkt wird zukünftig nicht mehr durch Plattenfirmen ?von oben? gestaltet, sondern ?von unten?, sozusagen von der Basis: den Hörern, den Künstlern selbst und ihren Supportern.

2. Es ist ein falscher Weg, weiterhin zu versuchen, den Vertrieb von Musik zu regulieren und Singlepreise festzulegen. Es ist nicht sinnvoll, das Modell des Singleabsatzes einfach auf den digitalen Markt zu transferieren. Stattdessen gilt es, sich auf die neuen Wege von Musik zu konzentrieren? etwa auf Download-Abonnements zu Pauschaltarifen.

3. Shops wie iTunes sind noch lange nicht die Ultimo Ratio. Hier handelt es sich eigentlich um eine Art ?Trojanisches Pferd?, das Musik zu einem Songpreis von 99 Cent vor allen Dingen auch dafür nutzt, den iPod zu verkaufen.

4. Nischenmärkte, sind vor allen Dingen deswegen interessant, weil in ihnen häufig Musik ohne Beschränkungen angeboten wird. Sie waren immer schon die Quelle für populäre Trends, die dann in den Mainstream übergingen. Stand dem Wachstum von Nischenmärkten früher die Hürde der aufwendigen Distribution im Wege, wurde diese durch die digitalen Vertriebsmöglichkeiten mittlerweile genommen.

5. In Zukunft werden Plattenverkäufe immer weniger Gewinn bringen, sondern vielmehr ein Vehikel darstellen, Livemusik zu promoten, Merchandise zu verkaufen, Songs zu lizenzieren und Kooperationen mit anderen Künstlern einzugehen. Eine Mischkalkulation könnte dabei helfen, d.h. kostenlose Songs anzubieten, um andere wiederum zu verkaufen.

6. Das Kernproblem ist eigentlich nicht, dass Songs herunter geladen werden, ohne dass dafür bezahlt wird, sondern dass die Musik von vielen Künstlern eben noch gar nicht als Download entdeckt wurde. Suchmaschinen im Internet, die sich auf Musik spezialisiert haben, könnten schon bald von enormer Bedeutung für den Musikmarkt sein.

7. Zukünftig könnten Musiker danach bezahlt werden, wie oft ihre Musik gehört wird und nicht mehr nur danach wie oft ihre Musik verkauft wird. Ein entsprechendes technisches Verfahren sollte dank der Möglichkeit, Songs digital eindeutig zu identifizieren, schon bald in der Praxis eingesetzt werden können.

8. Im Grunde bedarf es im Zuge der Digitalisierung der Musikbranche keine Plattenfirma mehr, um Songs zu promoten bzw. zu veröffentlichen und einem breiten Publikum zur Verfügung zu stellen. Die Distribution von Musik über das Internet wird auf lange Sicht zu einer größeren Selbstbestimmung der Künstler führen. Sie werden dabei mehr Kontrolle über ihr Schaffen haben und dabei auch direkt in Kontakt mit den Käufern stehen.

9. Für Musik finanziell entlohnt zu werden, wird zukünftig nicht mehr erst ausschließlich Künstlern mit Plattenvertrag vorbehalten sein. Viele Musiker werden aufgrund der neuen Möglichkeiten des digitalen Marktes zwar nicht im Wohlstand schwimmen, sich aber unabhängig finanzieren können. Durch die Digitalisierung der Musikbranche wird sich eine Art Mittelschicht von Künstlern herausbilden, die früher schlichtweg davon ausgeschlossen wurde, mit ihrer Musik Geld zu verdienen. Sicherlich auch begünstig durch die Tatsache, dass Musik mittlerweile professionell mit einem nicht allzu großen Budget im Homestudio produziert werden kann.

10. Der Austausch und das Miteinander in Online-Communities mit musikrelevanten Themen werden großen Einfluss auf dn Erfolg von Künstlern haben. Stars von morgen werden nicht mehr in den Marketingabteilungen von Plattenfirmen akquiriert, sondern direkt in den Foren von Musikfans.

All diese Thesen haben eines gemeinsam: sie sind sehr allgemein gehalten, skizzieren eventuelle Perspektiven für die Entwicklung des Musikmarktes und fassen das zusammen, was man schon einmal an anderer Stelle vernommen hat. Dabei bleibt allerdings unklar, wie der Weg in diese Zukunft nun wirklich Schritt für Schritt zur konkreten Praxis werden könnte. Das überlassen die Experten dann doch gerne anderen. (js)

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