Die zwei Seiten der GEMA

Im Gespräch mit Dorothea Kehr, der Kleingeldprinzessin
Eigentlich hat die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (kurz GEMA) ein feines Anliegen: die Interessen der Komponisten zu vertreten und diese auch entsprechend entlohnen zu lassen. Aber in der Praxis bringt das einige Schwierigkeiten mit. Von dieser Ambivalenz weiß auch die Musikerin Dorothea Kehr zu berichten.

Als Kleingeldprinzessin hat sich Dorothea Kehr durch unzählige Auftritte und dank mehrerer im Eigenvertrieb veröffentlichten Releases innerhalb der letzten Jahre eine erstaunlich große Hörerschaft erspielt. Und das ohne großes Label im Rücken. Und wie viele Künstler, kam auch sie auf die Idee, einige ihrer Songs kostenlos als MP3 auf ihrer Website zu veröffentlichen, schließlich lebt sie von Konzerten und nicht von ihren Aufnahmen. Bis sie von Freunden darauf aufmerksam gemacht wurde, dass dies teuer werden kann. Rund 20 Cent pro Download möchte die GEMA dafür einkassieren (vgl. Tarife der GEMA). Wenn man bedenkt, dass im WWW schnell mal 10 000 Downloads oder sogar deutlich mehr zusammen kommen, kann man sich ausrechnen, was es sie theoretisch kosten könnte, ihre Musik im Netz zu verschenken. Lizenzen für Streams sind hingegen deutlich günstiger und für den Komponisten selbst auch kostenlos zu erwerben.

Finanziell lohnt sich die GEMA für Künstler – mit Einschränkungen

Im Grunde ist es natürlich ein richtiger Ansatz, die Rechte von Künstlern zu vertreten, die das alleine gar nicht leisten könnten. Zudem ist auch kein Fall bekannt, in dem die GEMA einem ihrer Mitglieder wirklich finanziell geschadet hat, denn das hätte wohl schwerwiegende Folgen für ihren Ruf. Im Gegenteil, denn das eingenommene Geld schüttet sie nach einem komplizierten Verfahren auch an die Künstler aus. Und jeder Komponist kann zunächst selbst entscheiden, ob er der GEMA beitritt oder nicht. „Ich bin zunächst GEMA Mitglied geworden ohne die genauen Konsequenzen zu durchschauen. Unter dem Strich lohnt es sich jetzt, denn die Gebühren, die ich der GEMA als Mitglied zahlen muss, liegen deutlich unter den Einnahmen, die sie mir ausschüttet“, erzählt Dorothea, die solo unter dem Namen Dota auftritt. „Aber ärgerlich ist zum Beispiel, dass die GEMA ein starres System ist. Ich kann nicht flexibel entscheiden, wo sie mich vertreten soll und wo nicht. Also wenn ich meine eigenen Songs ins Netz stelle, werden für mich eben so GEMA-Gebühren fällig wie es beispielsweise für ein Online-Magazin der Fall wäre, das meine Songs zum Download anbietet.“ Das bedeutet im Klartext: ihr könnte, wenn sie einige ihrer Songs für längere Zeit auf ihrer Website stellen würde, gemäß den oben genannten Gebühren eine stattliche GEMA-Rechnung ins Haus flattern.

Mangelnde Transparenz

Aber natürlich weiß auch Dota von Vorteilen zu berichten. Etwa, dass  Komponisten – auch wenn sie nicht selbst auftreten – dank der GEMA eine Vergütung sichergestellt wird. Denn stets, wenn ihre Stücke aufgeführt werden, erhalten sie Tantiemen. Und die von den Konzertveranstaltern zu entrichtenden Gebühren unterstützen natürlich auch Dota finanziell nicht unwesentlich. Doch auch hier sieht die Kleingeldprinzessin ein Problem. Denn auch auch für Kleinstverstanstalter fallen diese Gebühren ohne Ausnahme an, die sich deswegen bestimmte Konzerte schlichtweg nicht leisten können – schließlich verfügt man nicht über das Budget wie beispielsweise ein großer Radiosender. „Somit bewirkt die GEMA die Zerstörung des Kulturbetriebs insbesondere von kleinen und unkommerziellen Veranstaltungen, statt ihm zu dienen." Ein ebenfalls großes Problem sieht Dota allerdings in der nicht vorhanden Transparenz der GEMA. „Man kriegt am Ende des Jahres ein Schreiben, in dem steht, welche Summe man überwiesen bekommt, ohne dass diese auch nur ansatzweise nachvollziehbar belegt oder aufgeschlüsselt wird. Ein Prüfung, ob das alles gerecht ist – unmöglich.“

Eine komplexe Angelegenheit – mangelnde Kontrolle durch den Staat?

Eine andere weitreichende Problematik sieht die Berlinerin im Einfluss der GEMA. „Eine Organisation, die so große Bedeutung für die kulturelle Landschaft hat, die so große Befugnisse wie eine Behörde hat und keinerlei Konkurrenz auf ihrem Gebiet, sollte nicht privat geführt werden, sondern gehört in staatliche Hand.“ In den USA beispielsweise gibt es mehrere Verwertungsgesellschaften und der Künstler hat immerhin die Wahl, von wem er welche Rechte vertreten lassen möchte. Deshalb sehen wir auch derzeit, wie viel kreativer in den USA das Internet derzeit genutzt wird, um neue Künstler bekannt zu machen, zum Beispiel über kostenlose Downloads oder MP3 Blogs.

Also, im Fazit: eine Verwertungsgesellschaft ist sinnvoll, wenn nicht gar unabdingbar, aber die Institution der GEMA ist unflexibel und bringt in der Praxis massive Probleme mit sich für Künstler, Labels und alle, die jenseits eingefahrener Strukturen kreativ mit Musik arbeiten möchten. De facto ist es in Deutschland nicht einmal für einen Künstler den die GEMA vertritt (und das sind fast alle, die professionell Musik machen) ohne Weiteres möglich, seine eigene Musik kostenlos im Netz anzubieten, zumindest wenn es nach der GEMA ginge. Kreative Freiheit geht anders.

Doch trotz allem, zunächst wird sich Dota, die in diesem Jahr ein neues Album veröffentlichen wird, weiterhin von der GEMA gegenüber Anbietern, die ihre Songs nutzen, vertreten lassen. Zumal es keine andere Verwertungsgesellschaft in Deutschland gibt. Wollte sie austreten, sähe sie sich übrigens mit einem weiteren nicht unproblematischen Detail konfrontiert: die Frist zum Austritt der GEMA beträgt satte sechs Jahre! Ob sie dann allerdings überhaupt noch Musik machen möchte, ist eine ganz andere Frage.
             
Jan Schimmang / tonspion.de

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