Diederichsen über die Zukunft der Popkritik

Popkritik-Altmeister liest seinen Nachfolgern die Leviten

Diedrich Diederichsen ist Kulturtheoretiker und begann seine Laufbahn in den 80ern als Popkritiker bei Sounds und später als Chefredakteur der Spex. In der FAS äußert er sich nun kritisch zu den Plänen der Spex-Redaktion, ihre Albumkritiken abschaffen zu wollen.

Die Macher der Spex hatten kürzlich angekündigt, keine Musikkritiken mehr zu veröffentlichen, sondern auf einen Dialog über Musik zu setzen, der verschiedene Positionen zulässt, so wie etwa bei Anne Will oder Kerner. Der Musikkritiker hat derzeit keine Hochkonjunktur, in Zeiten, wo jeder sein eigener Musikkritiker ist und lange vor einer Print-Redaktion seine individuelle Meinung schon auf einem Blog veröffentlicht hat.

Was dabei auf der Strecke bleibt ist die gut begründete, fundierte Beobachtung, was in der Popkultur eigentlich derzeit passiert. Denn dazu braucht man Zeit. Und einen gedruckten Text. So sieht es zumindest Diederichsen. Gerade in Zeiten, wo dank Internet alles immer noch schneller wird und unter einem "vermeintlichen" Zeitdruck stehe, empfiehlt er den Printmagazinen die Entschleunigung.

Es gebe zwei Möglichkeiten: entweder ins Netz gehen und sich an dieser "chaotischen wie ihrerseits produktiven Rezeptionsaktivität" zu beteiligen. Oder eben aus der Distanz zu beobachten und erst dann zu schreiben, wenn sich die erste Aufregung schon wieder gelegt hat und popkulturelle Entwicklungen und Phänomene aus der Distanz betrachtet werden können. Und dazu braucht man vor allem Zeit und Geduld.

Richtig, möchte man da hinterherschieben, dazu braucht man aber auch Geld. Oder reiche Eltern. Denn dass die Spex sich nun so einer drastischen inhaltlichen Veränderung unterziehen will, entspringt sicherlich auch zu einem großen Teil dem finanziellen Druck, dem derzeit wohl alle Redaktionen ausgesetzt sind, die sich mit Musik befassen. Manches macht wirtschaftlich irgendwann keinen Sinn mehr und dann muss man aufhören.

Selbst Musikfirmen stecken ihre Budgets derzeit häufig lieber in inhaltsfreie Social Networks, die mit scheinbar unendlicher Reichweite locken als in Musikredaktionen mit klar definierbarer Leserschaft und profilierten Autoren. Und das wird zunehmend zu einem Problem für die gesamte Musikbranche, die ihre wichtigsten Informationskanäle zugunsten des allgemeinen, wirren Geplappers im Netz nach und nach trockenlegt. Am Ende haben zwar alle irgendeine Meinung - aber keiner hört mehr zu.

Gut gemeinte, oft aber auch erstaunlich realitätsferne Anregungen, wie man Popkritik eigentlich heute machen müsste, kommen derzeit jedenfalls häufig und gerne aus den großen etablierten Tages- und Wochenzeitungen, die die Rolle der Musikkritik doch bereits übernommen haben. Weil sie sich diesen Spaß noch leisten können. Nicht ganz zufällig veröffentlicht Diederichsen seinen Text in der Frankfurter Allgemeinen und nicht in der Spex.

Tonspion Newsletter

Alle wichtigen Neuigkeiten aus der Welt der Musik einmal wöchentlich in deine Mailbox.
Kein Spam, versprochen! Du kannst dich in jedem Newsletter wieder abmelden.
* Pflichtfeld

Tonspion präsentiert täglich die beste neue Musik mit Streams, Videos und kostenlosen Downloads sowie die wichtigsten Neuheiten aus dem Netz. Folge uns auf Facebook:

▶ Du möchtest einen Beitrag bei Tonspion veröffentlichen? Schicke uns deine Idee!

Ähnliche News

Die besten Musikblogs

Die besten Musikblogs

Eine Auswahl der besten deutschsprachigen Musikblogs
Vor einiger Zeit haben wir dazu aufgerufen, uns eure Lieblings-Musikblogs zu nennen. Wir stellen euch eine erste Auswahl empfehlenswerter Blogs vor freuen uns immer über eure Neuentdeckungen. 
Über den Umgang mit dem Tod von Stars

Über den Umgang mit dem Tod von Stars

Was wir uns nach dem Tod von Lemmy, Bowie und Prince wünschen
2016 hat Musikfans hart getroffen. Einige Legenden sind von uns gegangen, die man für unsterblich hielt. Doch was haben wir aus der massiven medialen Konfronation mit dem Tod in den letzten Monaten gelernt? 
Foto: Frei.Wild Lizenz: CC BY-SA 3.0 de

"Drecksband": Frei.Wild mahnt Blog wegen Beleidigung ab

"Dumm, nationalistisch, rechts und so hässlich wie Pur"
Der Fall Böhmermann nimmt gerade erst richtig Fahrt auf, schon folgt der nächste Angriff auf die freie Meinungsäußerung. Die Südtiroler Band "Frei.Wild" lässt einen Blog für einen launigen Kommentar abmahnen. 
Wie Adblocker das Internet verändern

Wie Adblocker das Internet verändern

Nach Bild-Aktion: Aufwind für Adblocker
Mit einem Adblocker-Blocker hat Bild.de letzte Wochen für Aufsehen - und viel Häme - gesorgt. Doch Adblocker sind dabei unser Netz zu verändern. Und das geht uns alle an, meint Tonspion-Gründer Udo Raaf. 

Empfehlungen