"DRM ist eine Schnapsidee"

Reaktionen aus der Musikbranche auf den Vorstoß von Steve Jobs
Auf die Forderung von Steve Jobs das so genannte Digital Rights Management, also den Kopierschutz für Downloads abzuschaffen, hat die Branche höchst unterschiedlich reagiert. Wir haben Statements von einigen Indielabel-Machern zum Vorstoß des Apple-Chefs eingeholt. Die Angestellten der so genannten Majorlabels dürfen sich zu dem Thema leider nicht in der Öffentlichkeit äußern.

[Tim Renner (Motor Music):] "Solange man CDs veröffentlicht, wird man nicht vermeiden können, dass illegale, digitale Kopien im Netz in Umlauf gebracht werden. Solange man diese illegalen und kostenlosen Songs als Konkurrenz hat, kann ein legales Angebot nur funktionieren, wenn es von Service und Leistung besser, aber zumindest genauso gut ist. DRM ist deshalb fatal, weil es das Gegenteil bewirkt und den ehrlichen Konsumenten zum Dummen macht. Ein schlechteres Signal in der Bekämpfung eines Piraterieangebots als die De-facto-Verschlechterung der legalen Originalware kann man kaum setzen."

[Wolfgang Gottlieb (Hazelwood):] "DRM darf nicht abgeschafft werden! Ganz im Gegenteil muss der Kopierschutz von geistigem Eigentum in Zukunft verschärft und professionalisiert werden. Es müssen noch intelligentere Systeme etabliert werden, um den herrschenden Missbrauch nachhaltig einzudämmen. Wie soll ein Wirtschaftszweig funktionieren, wenn der Diebstahl der Erzeugnisse gesellschaftlich nicht geächtet, sondern toleriert wird?
Es geht hier nicht um Habgier oder einen grundsätzlichen Zukunfts-Boykott der ewig Gestrigen. Die meisten Labels, gerade jene im Independent-Sektor, versorgen die Internet-Gemeinde durchaus grosszügig mit kostenlosen Musikproben. Aber dies ist eine freiwillige Gabe und es muss dem Schenkenden obliegen, den Umfang zu bestimmen."

[Walter Gröbchen (Monkey Music):] "Natürlich ist Digital Rights Management lästig, lachhaft und unwirksam, also per se eine ziemliche Schnapsidee (wie Experten seit jeher predigen). Und natürlich sind ungeschützte MP3s der De-facto-Standard, wie auch Steve Jobs weiss - nur 3 Prozent der Musik auf den 90 Millionen iPods dieses Planeten ist kopiergeschützt. Der Rest wurde gerippt, geklont oder geklaut. Das ist die Realität.
Okay, mit der Abwicklung des althergebrachten Geschäftsmodells lassen sich immer noch Milliarden verdienen - Das Jammertal, das die Musikindustrie wehklagend durchschreitet, liegt immer noch auf mehr als doppelt so hohem Umsatz-Niveau wie Anfang der achtziger Jahre! Aber die Zukunft gehört wahrscheinlich ganz neuen Netzen, Plattformen, Künstler-Konsumenten-Schnittstellen
und Ideen wie jener von einer Pauschalabgabe für freien, ungehinderten und unlimitierten Musikgenuß zu jeder Zeit und an jedem Ort."

[Christof Ellinghaus (Cityslang):] "DRM ist sinnlos und konsumentenfeindlich, wenn es zu Polizei-Funktionen benutzt wird. Wenn es zum Tracking und zur "Verkehrsbeobachtung" genutzt wird, dann macht es für alle Beteiligten Sinn. Was Jobs macht ist allerdings nichts anderes, als mit gespaltener Zunge zu sprechen. Apple selber ist höchst interessiert, seine proprietäre Soft- und Hardware zu schützen. Das alles ist ein echt gelungener PR-Stunt, der hier abgezogen wird. Und alle machen mit."

[Thees Uhlmann (Grand Hotel van Cleef):] "Also ehrlich gesagt hat mein schrottiger IBM Computer bis jetzt alle noch so geil kodierten CDs einlesen können. Von daher ist das doch eh total egal, oder? Als die DDR aufging, standen da ja auch noch Grenzer am Schlagbaum. War aber allen egal. So war das doch auch immer mit dem Kopierschutz! Von daher war das eh immer Banane mit dem Kopierschutz.
Ich kann den Reflex der Industrie natürlich verstehen, ihre Werke zu schützen, auch wegen der Rechte der Künstler, aber dann muss das eben auch was bringen! Mein halber Bekanntenkreis hat schon die neue Arcade Fire übrigens (erscheint am 2.3.2007 bei Cityslang, Anm. der Red.)! So ist es und so wird`s wohl immer sein oder zumindest bis auf Weiteres."

[Horst Weidenmüller (!K7):] "Der Konsument hat das Gefühl, dass er seinen mp3-Player jederzeit kostenlos neu bestücken kann. Wenn ein Hersteller Autos auf den Markt bringen würde, die bis in alle Ewigkeit kostenlos betankt werden können, hätte George Bush persönlich den Ölhahn sofort abgedreht! Wir müssen uns dringend damit beschäftigen, wo und wie die Nutzung von Musik in Zukunft vergtet wird. Das ist für Musikfirmen genau wie für Technologieanbieter überlebensnotwendig. Denn Technik ohne Inhalt ist wertlos.?

[Joachim Keil (Daredo):] "Herr Jobs hat ja eigentlich gar nichts sensationell neues gesagt sondern nur Strömungen aufgenommen, die schon längst in der Musikbranche zu verspüren sind. Diejenigen, die überhaupt bereit sind, für einen Titel Geld zu bezahlen, sind sicherlich nicht diejenigen, die diese Titel massenhaft kopieren und weiter verbreiten."

[Martin Schumacher (Nettwerk):] "Der Effekt von DRM bleibt solange gering, wie das Internet nicht komplett kontrolliert wird - und wer will das schon. Steve Jobs kann es im Prinzip egal sein, ob die Songs ungeschützt und unvergütet im Netz kursieren, denn wir wir alle wissen, verdient er sein Geld mit den Millionen von iPods, die er verkauft und auf denen spielen, wie er selbst schreibt, nur ein verschwindend geringer Anteil "gekaufter" Downloads."

[Patrick Ziegelmüller (Sunday Service):] "Wer im Laden eine CD kauft, kann ja auch beliebig oft Songs davon brennen. Warum also nicht auch so bei Download-Tracks verfahren?"

[Tom Steinle (Tomlab):] "Wir definieren diese Standards nicht, insofern können wir uns aktuell nur den Entscheidungen der Industrie unterordnen. Wir arbeiten jedoch auch mit MP3 Shops - wie dem von Tonspion - bei denen DRM längst kein Thema mehr ist."

[Jens Alder (Morr Music):] "Wir arbeiten ohne DRM und erwarten von unseren Downloadshops nicht, dass unser Content mit DRM versehen wird."

[Andreas Künnecke (Peacific):] "Es ist zu hoffen, dass durch zunehmende Liberalisierung für Verbraucher die Nachfrage bzw. Streuung, und damit auch der Umsatz gerade für kleinere Labels wächst!"

[Matthias Golinski (Noisedeluxe Records):] "Ich möchte das, was ich kaufe auch tatsächlich besitzen und nicht auf einen Dritten angewiesen sein, der mir erlaubt oder verbietet, das gekaufte und teuer Bezahlte zu nutzen. Das Angebot in den illegalen Tauschbörsen ist immer noch weitaus besser und einfacher als das der offiziellen Download-Shops. Die Bezahl- und Anmeldesysteme der legalen Anbieter sind zu kompliziert, die Qualität teilweise zu schlecht (siehe Musicload 128 kbit/s) - und vor allem der Preis zu hoch."
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