Ein Lob den Labels

Warum Labels im digitalen Zeitalter wichtiger sind denn je
2009 könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem das Web 2.0 entzaubert wurde. Denn bei allem Positiven, was uns das so genannte "Do-It-Yourself"-Netz ermöglicht: es hat uns vor allem auch jede Menge Schund gebracht.

Wenn jeder selbst im Internet Musik veröffentlichen kann, selbst seinen eigenen Fanclub gründen, Musik verkaufen oder verschenken, Konzerte und Tourneen organisieren kann, dazu noch sein eigenes Blog launcht - wofür braucht man dann überhaupt noch Labels? Solche Fragen dürften sich viele Musiker und Bands in den letzten beiden Jahren gestellt haben. Nicht wenige haben tausende von "Freunden" und "Fans" mit ihren Web 2.0 Profilen im Netz gesammelt, sei es auf MySpace, Deezer, Last.FM oder iLike. Viel verändert hat sich dadurch aber nicht, wie man immer häufiger auch von Musikern erfährt. Ganz im Gegenteil.

Die schiere Masse von Bands, die im Internet veröffentlichen führt zwangsläufig zu einer Inflation. Hat man früher selbst als Musikinteressierter vielleicht drei bis fünf neue Bands pro Jahr für sich entdeckt, wird man heute überschüttet mit Neuheiten und hat gar keine Zeit mehr, diese neuen Bands sich ans Herz wachsen zu lassen, sich länger mit ihnen zu beschäftigen. Fansein bedeutet heute nicht mehr, rares und neues Material zu ergattern oder auf jedes Konzert zu gehen. Fansein erledigt man heute mit einem Mausklick. Einmal "geaddet" hat sich der Fall, denn schließlich kann man bei 1000 geaddeten Bands nicht jeder ständig seine Aufmerksamkeit schenken. Trotzdem leben viele Social Music Networks nach wie vor von der Tatsache, dass viele Menschen virtuelle Freunde oder Fans noch nicht von "echten" unterscheiden können und ihre Hoffnung darin setzen, groß raus zu kommen.

In der Tat ist es dank der diversen Web 2.0 Tools für jede Band so einfach wie nie, sich zu präsentieren und dadurch auch Karriere zu machen. Wer heute nicht nur eine Proberaum-Demo, sondern auch gleich ein beeindruckendes selbst gedrehtes Video, regelmäßige Konzerttermine und eine stattliche Anzahl von "Freunden" vorzuweisen hat, ist klar im Vorteil. Doch nach wie vor gibt es hier eine wichtige Instanz ohne die auch heute fast nichts geht: Labels.

Viele Labels entdecken neue Künstler tatsächlich im Internet auf MySpace und Co. und nutzen diese Plattformen äußerst aktiv und effektiv. Auch einigen Beiträgen im Tonspion über noch ungesignte Bands folgte schon der ein oder andere "Platten"-Vertrag. Doch alleine mit einem Beitrag in einem Magazin oder einem zusammengeklickten Freundeskreis auf MySpace kann keine Band Karriere machen. Auch 2009 nicht. Vermutlich nie.

"Kein Zweifel, es gäbe uns so nicht ohne Gomma Records. Du kannst Millionen von Stücken aus dem Internet runterladen. Wenn du nicht totaler Nerd bist, ist es schwierig das gute Zeug zu finden. Du brauchst Labels wie Gomma zur Orientierung..."
(Who Made Who in der aktuellen Intro)


Ein Label hat nach wie vor essenzielle Aufgaben, es ist einerseits - auch für uns - ein wichtiger Vorfilter. Ein Label hat Vergleichsmöglichkeiten, kann Marktchancen einschätzen. Ein gutes Label weiß aus Erfahrung, wie man eine Band präsentieren sollte, wo man sie präsentieren sollte und wie man sie auch mit langem Atem aufbauen kann. Dass es auch mit Label nicht immer hinhaut, liegt in der Natur der Sache. Labelarbeit ist letztlich immer auch ein bisschen Roulette. Doch Labels sind professionelle, nicht selten höchst leidenschaftliche Zocker. Die Wahrscheinlichkeit, mit einem renommierten Label im Hintergrund Karriere zu machen ist nach wie vor um ein Vielfaches höher als es auf eigene Faust zu versuchen. Schließlich sollte ein Künstler sich auf seine Musik konzentrieren.

Uns erreichen täglich viele Mails von Bands mit Profilen auf MySpace, viele davon gar nicht mal schlecht. Doch sie müssen sich einer weltweiten massiven Konkurrenz stellen. Die Konkurrenz kommt auch von Qualitätslabels wie Domino, Warp, City Slang oder Four Music, um nur ein paar zu nennen. Und diese Labels wissen, wie man Musik gekonnt platziert, um die überlebenswichtige Aufmerksamkeit zu bekommen - gerade im Internetzeitalter. Ganz unabhängig davon, dass sich ihr Geschäftsmodell weg vom Verkauf von Tonträgern entwickelt hat und alle mit völlig neuen Gegebenheiten umgehen lernen müssen. Ein Label als professioneller Dienstleister im Sinne des Künstlers ist im Jahr 2009 für jeden ambitionierten Musiker, der sich irgendwann nur noch Musik machen möchte, schlichtweg unerlässlich.

Gerne nehmen wir auch weiterhin Links zu MySpace-Profilen entgegen, stellen auch Musik von Netlabels und ungesignten Bands vor, wenn sie uns vom Hocker haut. Und wir freuen uns über nichts mehr, als wenn wir einer jungen Band zum ersten Schritt in eine vielversprechende Karriere verholfen haben. Alle, die uns etwas schicken, müssen sich aber immer bewusst sein, dass sich links und rechts auf dem Schreibtisch der Redaktionen neue Alben renommierter Labels stapeln, gegen die sich ihre Einsendungen behaupten müssen. Masse gibt es im Internet - Web 2.0 sei Dank - inzwischen mehr als genug. Qualität muss man aber nach wie vor recht mühsam suchen. Daran ändert sich auch im digitalen Zeitalter nichts. Lediglich der Heuhaufen wird immer größer und diejenigen, die ihn durchwühlen werden immer mehr.

Insofern kann man die Arbeit der Labels gar nicht hoch genug bewerten, die uns seit Jahren immer wieder mit aus der Masse herausragender Musik versorgen und aufgrund der rasanten Entwicklung im Internet nicht selten dabei ihre Existenz aufs Spiel setzen. Ohne diese Labels wären wir alle verloren in Bits und Bytes.

Udo Raaf / Tonspion.de

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