Ein Traum von Woodstock

Ang Lees Kinofilm "Taking Woodstock" feiert einen Mythos

Vierzig Jahre ist es genau her, dass eine halbe Million junger Hippies und Musikfans in das kleine Dörfchen White Lake im Staat New York einfielen, um drei Tage lang Love, Peace und Happiness zu feiern. Meister-Regisseur Ang Lee ("Brokeback Mountain") erzählt in seinem neuen Film "Taking Woodstock" wie es dazu kam.

Man hätte eine Million Geschichten über den Mythos Woodstock erzählen können. Jeder, der dabei war oder unterwegs in den verstopften Straßen New Yorks steckengeblieben ist, hat wohl sein ganz persönliches Woodstock erlebt. Anders als der Konzertfilm, der den Blick von außen auf die Massen und die Bühne richtet, erzählt Lee die Geschichte aus der ganz persönlichen Warte von Elliot Tiber, der das Festival in letzter Minute möglich machte.

Tiber half seinen Eltern dabei ihr heruntergewirtschaftetes Motel vor dem Ruin zu retten. Aus der Zeitung erfuhr er, dass das geplante Festival in Woodstock abgesagt werden sollte, da die Stadt einen Ansturm von Freaks und Hippies befürchtete. Schließlich hatte (fast) alles, was damals Rang und Namen in der Musikwelt hatte, von Jimi Hendrix bis Janis Joplin, bereits zugesagt.

Und so rief Tiber den Organisator Michael Lang an und bot ihm ein Stück Land seiner Eltern an, um dort das Festival auszurichten. Und das gegen den erheblichen Widerstand der konservativen Dorfbevölkerung und seiner Eltern. Das Festival fand schließlich statt, das Gebiet um White Lake musste zum Katastrophengebiet ausgerufen werden, weil alle Zufahrtsstraßen durch den alle Erwartungen übertreffenden Ansturm verstopft waren. Tiber selbst erlebte sein Coming-Out und seinen ersten Trip und versöhnte sich im Rausch der Emotionen sogar mit seinen bärbeißigen Eltern. Vom Festival selbst bekam er, wie wohl viele Woodstock-Teilnehmer, kaum etwas mit. Schließlich war das ganze Event mehr als nur ein Konzert, es war der Höhepunkt der Hippie- und Anti-Kriegsbewegung, das Coming-Out einer ganzen Generation.

Der Film geht augenzwinkernd und vollkommen unkritisch mit dem Mythos Woodstock um, sondern versucht, dessen Wesen zu erfassen. Warum hat dieses eine Festival rund vierzig Jahre danach immer noch so eine unglaubliche Wirkung? Lee sympathisiert unverhohlen mit den Woodstock-Veteranen und das obwohl er erst 15 Jahre alt war, als das Event stattfand. Doch die vollkommen idealistische Idee, dass eine andere, eine friedliche Welt möglich sei, mit Musik als verbindendes Element, klingt auch heute noch verlockend.

Musik spielt nur am Rande eine Rolle, lediglich Richie Havens steuerte als Abspann eine neu eingespielte Version seines Woodstock-Klassikers "Freedom" bei. Genauso wie der Organisator Lang eine Randfigur bleibt, den Lee als unwirkliche, fast engelsgleiche Gestalt zeichnet, obwohl er schon damals ein tougher Musikmanager war. Insofern erzählt Lee die Geschehnisse nicht dokumentarisch und detailgetreu nach, sondern taucht sie in ein warmes, fast unwirkliches Licht. Denn nur so ist der Mythos Woodstock zu verstehen.

"Taking Woodstock" ist ein schöner, humorvoller Film und eine Ergänzung der "offiziellen" Woodstock-Dokumentation, die Lee in machen Sequenzen respektvoll zitiert. Man geht mit einem Lächeln aus dem Kino und überlegt, ob man sich nicht mal wieder die Haare lang wachsen und einen Joint drehen sollte.

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"Taking Woodstock" kommt am 3. September 2009 in die Kinos, der zugehörige Soundtrack ist erschienen bei Rhino.

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