FIBX 01 : Tonspion beim 10. Festival Internacional de Benicassim

Zum zehnten Mal findet es statt, das wohl bekannteste Festival Spaniens und - bringen wir es auf den Punkt - das wohl beste Festival der Welt. Ein gewohnt exquisites Programm an gewohnt exquisitem Ort, gewohnt exquisites Wetter oben drüber und gewohnt exquisites Publikum mittendrin. Zum zweiten Mal beobachtend dabei: Der Tonspion mit auch nicht unexquisitem Bericht.

Auch wenn wir in diesem Jahr mit Vorabinformationen und Reiseplänen etwas hinterm Berg hielten: Dass wir es uns auch 2004 nicht nehmen lassen würden, den Weg in den Süden auf uns zu nehmen, war eigentlich schon klar, als wir vor knapp einem Jahr in den Rückreisebus stiegen. Das herausragende Line-Up war da nur ein weiterer und sehr willkommener Grund, Zelt und Pass einzupacken und uns aufzumachen. Legenden von Kraftwerk bis Morrissey warten auf uns, brandheiße big things wie Franz Ferdinand und die Kings Of Leon, verlässliche Größen wie die Einstürzenden Neubauten und Air und das eine oder andere schöne Wiedersehen. Mit Lali Puna etwa, mit Soulwax zum Beispiel.

TAG 01

Die Kapazitäten der span`schen Eisenbahne eiskalt überschätzend muss der aus Barcelona anreisende Korrespondent auf den Tag 0 des Festivals verzichten. Das bedeutet: Keine FIBStart-Party, keine laut Fremdauskunft formidabel rockenden Ash, keine Sunday Drivers, keine spanischen Warm-up-Dauerbrenner. Ein Blick auf das heutige Tagesprogramm beruhigt den Verlustschmerz und nach kurzem Kampf mit Platzmangel und Zeltgestänge geht es auch schon los.

Festivaleröffner sind die spanischen Demowettbewerbsgewinner Virüs, die sich an straight nach vorn drückender Glitzerpoprockvariation versuchen, eine Sängerin und Instrumentalstücke haben, trotz Nettigkeit aber nicht davon abhalten können, erst einmal das Festivalgelände in Augenschein zu nehmen. Alles ist an seinem Platz, alles ist sehr nett und ab und an schaut man halt einmal bei den etwas rippunterhemdig rockenden Snow Patrol oder den soliden Hiprockern Kings Of Leon vorbei, die allerdings beide nur Standardfeuerwerke abfeuern wollen. Gefeiert wird trotzdem, wohin denn sonst mit der Energie?

Im FIBClub dann Training für Geschmack und Sinne. Die spanischen La Casa Azul, im Programmheft mit viel Lob bedacht, bewerfen ihr Publikum mit liedgewordenen Sahnetoffees, rosa Wattebällchen und süßer guter Laune. Ihr Kaugummipop wird begeistert aufgenommen und ohne Rücksicht auf Karies zerkaut und geschluckt. Und auch wenn man für den Zuckerzuckerzuckerzuckerpop dieser Band schon in sehr spezieller Stimmung schweben muss: Hier und jetzt ist das grandios, reibt sich an Hirn und Geschmacksnerven, tackert einem das Grinsen an den Ohren fest.

Da hängt es eine Weile später immer noch. Das ist ein Glück, denn sonst würde man das Clubzelt schnell entnervt verlassen: Wie wild springen die Techniker über die Bühne und stecken Stecker um, doch Lali Punas Instrumentarium ist ewig lange nicht zu hören. Notwists Markus Acher fasst sich an den Kopf, Valerie Trebeljahr lacht ein genervtes Lachen. Erleichterter Applaus, als dann endlich fast alles funktioniert. Und obwohl ihr Set aus Zeitgründen immer mal wieder geändert und gekürzt werden muss, rufen Lali Puna Begeisterung hervor. Mit Loopmeditation und Indierock, mit "Faking The Books"-Material, "Don`t Think" und "Scary World Theory" machen Lali Puna das lange Warten vergessen und stellen sicher, dass es sich gelohnt hat.

Bei so viel Herrlichkeit vergisst man außerdem schnell, dass nebenan Air auftreten. Und so muss der kurze Blick auf "Kelly Watch The Stars", "Sexy Boy", Vocoderansagen und stimmige Beleuchtung genügen, eh es zurück in den FIBClub geht. Die Einstürzenden Neubauten beenden ihre reguläre Tour auf dem FIB, das lässt man sich ungern entgehen. Air hin, Air her.

Mit "Ich gehe jetzt" kommen sie auf die Bühne und läuten leise ein, was sich im folgenden zu hypnotisierender Lautstärke und Intensität steigern wird. Gitarre, Bass und Keyboards rahmen ein Instrumentarium aus Blech, Metal, Luft und Plastik ein, mit dem diese Band einnehmende Energie zu erzeugen versteht. "Haus der Lüge", "Die Befindlichkeit des Landes", "Armenia". Songs und Band treiben voran, sie halten inne, sie streiten sich; sie lärmen und loopen, sie schlagen um sich und singen in den Schlaf. Bandvorstellung und Verbeugung werden mit frnetischem Applaus bedacht, da gehört er auch hin.

Und jetzt: Tanzen. Die Märtini Brös. pumpen eigene Songs und lenken geschickt davon ab, dass sie auf Platte eher schlimm klingen. Hier heizen sie auf und die den 4-to-the-floor-Staffelstab übernehmenden Le Hammond Inferno lassen mit ihrem DJ-Set Abkühlung keine Chance. Sie mischen überkreuz, sie reihen Steigerung an Steigerung, sie feiern mit ihrem Publikum. Bewegung, Bewegung, Bewegung. Vor, zurück, vor, zurück.

Und zurück, ganz weit, viel weiter. Auf der Hauptbühne verkneifen sich erwachsene Menschen schon Vorabtränen, denn gleich werden uralte Popträume ins Escenario Verde getragen. Mit "Rent" ziehen die Pet Shop Boys ihren Melancholiepopblumenstrauß hinter dem Rücken hervor, und auch wenn der Korrespondent den Retroreigen nicht bis zum finalen "It`s A Sin" mitmacht, so lässt sich anhand Mimik und Gestik vieler anderer Menschen erahnen, wie viel ihnen das hier bedeutet.

Aber weiter, weiter, weiter zurück geht der Legendentrip, obwohl er mit den vier vornehm zwischen Laptops und Visuals eingeklemmten Herren auch herrlich nach Zukunft schmeckt. Vom ersten "Menschmaschine, halb Wesen, halb Ding" bis zum abschließenden Improvisationspart von "Music Non Stop" fahren Kraftwerk bekannte, herrliche, beispiellose Spannungskurven. Sie begeistern mit einem Ihre-größten-Erfolge-Set und machen klar, warum sie weiterhin und noch auf lange Zeit Referenzband sind und sein werden. Grandios, nicht weniger.

Und das, siehe Überschrift, war erst der erste Tag. Ist es teilweise immer noch, denn die Besucher und DJs der BPitch Control-Nacht werden noch ein ganzes Weilchen nicht schlafen gehen. Doch dazu gehört der Korrespondent nicht, der morgen lieber halbwegs wach am Strand liegt und sich auf den Abend freut: Soulwax, Scissor Sisters, Morrisey warten, viele andere neben sich. (sc)

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