FIBX 02 : Tonspion beim 10. Festival Internacional de Benicassim

Zwischen Berg und Meer sitzt der Tonspion, unzählige nette Menschen um ihn herum; er zieht am Colastrohhalm und hört schicke Musik. Das FIB hat zu seinem zehnten Geburtstag geladen und allerspätestens nach einem kurzen Blick aufs Line-Up ist ein Abschlagen unmöglich. Der zweite Festivaltag verspricht Lou Reed, Soulwax, Morrissey, Primal Scream.

Bei jedem Festival schaut irgendwann der Moment herein, in dem man sich vornimmt, heute doch einmal wirklich viele Bands zu sehen, das pausierende Herumhängen größtenteils sein zu lassen und auch nicht den ganzen Tag am Strand/Zelt/Bierstand zu vertrödeln. Bei fast jedem Festival folgt das Aufgeben des Planes auf dem Fuße. Es ist zu heiß für Eile, wir sparen unsere Sinne für die wirklichen Perlen auf, und da sich weder Clem Snide noch Serafin über einen Mangel an anderen Zuschauern beklagen müssen, sind Vorwürfe auch nicht nötig. Langsam ankommen, ein Getränk zu sich nehmen, Leute gucken.

Der bequeme Kunstrasen der Chillout-Area drückt einem unappetitliche Muster in den Arm, während man Richtung Hellomoto-Zelt schaut und den schmucken Herzhymnen des Teenage Fanclub lauscht. Während zwei Plätze weiter zwei ebenso distanziert-ergriffene Schotten den Backkatalog des Fanclub bewerten, werden an anderem Ort lange Gesichter fabriziert.

Im Escenario Verde sind die Leuchtbuchstaben M und O bereits abgebaut worden, unter Pfiffen machen sich Techniker an zwei Rs und daran, Instrumente in Koffern zu versenken. Die Bühnenlautsprecher transportieren das Bedauern der Festivalleitung: Mr. Morrisseys Privatflugzeug hat eine Panne, sein Management hat vor einer halben Stunde den Auftritt abgesagt.

Wo über manchem Smiths- und Morrissey-Shirt traurige Gesichter thronen, können sich andere darüber freuen, dass ihnen eine Entscheidung abgenommen wurde. Die Scissor Sisters spielen jetzt also nicht mehr zeitgleich mit Morrissey und das ist ein Glück. Denn auch denen, die bislang nur Interviews und sexuelle Orientierung der Bandmitglieder kannten, machen die Sisters Beine. So früh wollte man noch gar nicht durchgeschwitzt sein, doch was diese fünf mit "Take Your Mama" beginnen, entschädigt für den Verlust der ohnehin nur flüchtigen Trockenheit. Und was war noch mal mit Morrisseys Flugzeug?

Lou Reed ist Lou Reed ist Lou Reed und als solcher spielt er "Sweet Jane", "Satellite Of Love", "Walk On The Wild Side", macht was er will, bringt seine Band durcheinander und spielt ewige, ewige Soli. Auch schön, aber Soulwax präsentieren ihr neues Album "Any Minute Now" im Escenario Hellomoto. Darauf habe ich dann doch zu lange gewartet.

Zu lange auch, um nicht maßlos enttäuscht zu sein. Obwohl sich erahnen lässt, dass das neue Material gut bis herrlich ist, ist vor allem und mal wieder erstaunlich, wie vollkommen ein schlechter Sound ein okayes Konzert ruinieren kann. Das Schlagzeug lässt sich lange nur erahnen und die offensichtliche Unfähigkeit der Mischer, die Stimme halbwegs angenehm ins Gesamtbild einzupassen, verstecken sie unter einer dicken Schicht von Halleffekten. Zum Ende hin fängt man sich ein wenig, doch selbst das finale und fantastische "Too Many DJs" kann nur einen Bruchteil dessen reißen, was es sonst zu reißen weiß. Sehr schade.

Electrelane sind gut, können aber auch nicht weiter trösten. Rock, Indie, Psychedeliaandeutungen werfen sie ins Publikum, auch hier viel Hall auf der Stimme. Man hört teilweise nur fieses Mumpfen, aber man kann dazu tanzen. Bei Gelegenheit und mit froherem Gemüt werde ich das einmal nachholen.

Dann jedoch setzt ein Pilgern allererster Güte ein. So viele Menschen haben sich selbst bei Lou Reed nicht im Escenario Verde versammelt, denn der versteht sich auf Klassiker, Rockmusik und Loureedsein, aber herliche Popsongs, die sanft über Herz und Seele streichen, sich herrlich mitsingen lassen und auch so manchem immer noch trauernden Smithsshirtträger die Tränen trocknen können, die schreiben eben andere, die schreiben eben Belle & Sebastian. Zu zwölft sind sie da, perfekt abgemischt und unglaublich nett, hüpfen im Takt über die Bühne, zaubern "The Boy With The Thorn In His Side" aus dem Hut (Flugzeug? Morrissey?) und nehmen ein, nehmen ein, nehmen ein. Mir hüpft das Herz, obwohl die Augen fast zufallen wollen.

So sehe ich mr die mir als wichtigste Indieband Spaniens empfohlenen Los Planetas dann lieber von einer dem Festival beiligenden Wiese aus an und nicke, obwohl wohlwollend und still begeistert, kurz ein. Immer mal wieder wache ich dann auf und mag, was ich sehe. Doch auf die Beine bringt mich die wichtigste Indieband Spaniens nicht.

Dagegen brauchen Bobby Gillespie und die seinen keine zehn Sekunden, um die Müdigkeit aus allen Knochen zu vertreiben. Da mag es zehnmal drei Uhr morgens sein, jetzt gibt es Rockmusik. Gillespie ruft und zelebriert und wälzt sich über die Bühne, um ihn herum explodieren Rock- und Tanzmusik, rempeln an und reißen mit, immer weiter. Bassist Mani in schicker Clockwork Orange-Montur tritt auf Bühnentechniker ein, küsst seinen Lieblingssänger und achtelt sich durch Tanzbodenbomben. Was soll hiernach noch kommen, gerade jetzt, wo man wieder so schrecklich wach ist?

FC Kahuna sind leider schon am Ende, Pantytec können ihrem famosen Albumtitel "Pony Slaystation" nichts famoses hinzufügen. So bleibt der Weg ins Zelt, ein immer noch im Rhythmus von "Swastika Eyes" wummerndes Herz und eine ganz dunkle Erinnerung an irgendeine Absage und irgendein Flugzeug. Außerdem habe ich offenbar Yann Tiersen verpasst. Sehr (wummer, wummer) ärgerlich (wummer).

Morgen dann: Weiter. Brian Wilson, Spiritualized, Lambchop, Tiga, F.S.Blumm. Herrlich.

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