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Geheimtipp: Das POHODA-Festival in Trenčín/Slowakei

Bunt gemischtes Festival mit entspannter Athmosphäre

Am vergangenen Wochenende ging im slowakischen Trenčín das 20. „Pohoda“ Festival zuende. 1997 in Bratislava von Musikern als Festival für Freunde gegründet, ist es schnell gewachsen. Heute ist es das größte Festival der Slowakei und macht sich auch über die Landesgrenzen hinaus einen Namen.

Pohoda Athmo
Pohoda Festival (Foto: Martin Sopinec)

„Pohoda“, das bedeutet so etwas wie Gemütlichkeit, und wer „v pohodě“ ist, bei dem ist alles in bester Ordnung. Wo man sich gerade befindet und wie es einem geht, wird in dieser Formulierung in eins geblendet, und das Festival tut vieles dafür, dieses Wohlgefühl zu garantieren: Auf einem Flugfeld aufgebaut, rührt das Festival mit blauen Zirkuskuppeln ans Fantastische, kühne Spielplätze aus Stroh laden zum Herumtollen ein (wenn es einmal nicht regnet). Kulinarisches gibt es aus aller Herren Länder, natürlich ist man familienfreundlich.

Slowdive
Slowdive (Foto: Ondrej Koscik)

Das Line-Up könnte dabei zusammengewürfelter nicht sein: Slowdive eröffnen mit Songs von ihrem gleichnamigen Comeback-Album und träumerischen Gitarrenräumen die Donnerstagnacht, die Sleaford Mods und Dillon bedienen das Indie-Herz, Birdy und Jake Bugg die gute Seite des Radio-Pop und Mykki Blanco, queere/r Spoken Word-AktivistIn, wirbelt mit Veitstänzen die EUrópa Stage durcheinander.

Jake Bugg
Jake Bugg (Foto: Martin Sopinec)

Veteranen wie Jesus & Mary Chain, Thurston Moore oder die Mark Lanegan Band liefern Rock älterer Schule, die Jüngeren feiern hingegen Alt-J, deren Songs auch live nicht immer einsichtige Kopfgebilde bleiben, aber durch eine große Licht-Show dramatisch und effektvoll in Szene gesetzt werden. M.I.A.s agitatorischer Polit-Bubblegum bleibt auf der großen Bühne im Spielkonsolen-Lärm stecken, wird aber umso frenetischer bejubelt. Die Meinungen gehen also auseinander, doch eine Stärke des „Pohoda“ ist es, daß die Stimmung ruhig bleibt, ja geradezu friedlich: Wie Schafsherden treiben die maximal 30000 Menschen nach den letzten Konzerten durch die Nacht, manche sind einfach seit dem Nachmittag im Gras liegen geblieben.

Alt-J
Das statische Konzert von Alt-J lebte nur durch die bombastische Lichtshow (Foto: Martin Sopinec)

Das tollste Konzert liefert der vielleicht kurioseste Star, den das Festival nach Trenčín holen konnte: Solange Knowles, Beyoncés kleine Schwester, betritt zwar (auf eigenen Wunsch) eine halbe Stunde zu spät die große Urpiner Stage, macht aber schon mit ihrem ersten Auftritt klar, was Show für sie bedeutet: Jede Drehung, jeder Hüftschwung jedes Bandmitglieds ist durchchoreographiert, dabei in sich frei und aus der Lust geboren, das Publikum zu unterhalten und zu überzeugen. Zwischendurch tanzt Solange sich in kurzen Ausbrüchen wie wild frei.

Solange
Solange überzeugte mit minimalistischer Bühne und perfekter Choreographie (Foto: Tomas Tkacik)

Was Solange von den anderen Acts des „Pohoda“ unterscheidet, ist eine ganz eigene Mischung aus Eleganz und Understatement, gepaart mit der überwältigenden Musikalität ihrer siebenköpfigen Band – und den treffsicheren Statements zum Status Quo der Schwarzen in den U.S.A., die sie auf dem letztjährigen Album A seat at the table in aufregende, traurige Songs gegossen hat. Als die Sängerin einmal die Treppe zu den ersten Fans hinabsteigt, pickt sie sich als ‚Gesprächspartnerinnen’ die beiden einzigen farbigen Frauen heraus, die im Publikum versammelt sind – ein klareres Statement hätte sie nicht äußern können. Die Show ist für alle – die ein oder andere Bemerkung aber nur für die, die es nachfühlen können.

Solange
"Don't touch my hair": Solange bezog auf ihrem Konzert klar Stellung gegen Rassismus (Foto: Martin Sopinec)

Traditioneller Abschluss des „Pohoda“ ist am Sonntag früh ein Konzert zur Begrüßung der Sonne. Die letzten Techno-Sets sind da bereits längst stolpernd zuende gegangen, einzelne Gestalten halten sich noch (oder wieder) am stärksten Bier des Festivals fest, und die sanften Hügel der Ebene von Trenčín geben ein letztes Mal die dramatisch umwölkte Fototapete für einen einzelnen Sonnenanbeter, der sein Handy weit von sich geworfen hat und nackt über die Wiese tanzt.

Wer ein entspanntes Festival mit buntem Line-Up und unschlagbar günstigen Preisen sucht (3-Tages-Tickets gibt es bereits ab 70 Euro, Bier 1,50 Euro), der sollte sich das Pohoda Festival, eine Stunde vom Flughafen Bratislava und zwei Stunden von Wien entfernt, einmal genauer ansehen.

Die 10 besten Festivals in Europa

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