GEMA bremst Newcomer aus

Jammin Inc über ihr Album unter Creative Commons-Lizenz
Elektronische Netlabels gibt es bereits viele im Netz. Doch nun veröffentlichen zunehmend auch Bands aus anderen Szenen ihre Musik umsonst im Internet. Die Braunschweiger Crossover-Band Jammin Inc hat soeben ihr komplettes Studio-Album unter Creative Commons Lizenz kostenlos im Internet veröffentlicht. Wir haben sie dazu befragt.

TONSPION: "Wir feiern eine riesen Online-Release-Party und alle, ausser GEMA und GVL sind mit dabei" heißt es auf Eurer Homepage. Was habt ihr gegen GEMA und GVL, die doch eigentlich die Rechte von Künstlern und Urhebern vertreten sollen?

Markus: Wir sind der Meinung, dass die riesigen und unbeweglichen "Inkasso-Unternehmen" der Musikbranche gerade Newcomer eher ausbremsen denn unterstützen können. Beispielsweise kann eine GEMA-gemeldete Band nicht mal die eigenen Titel auf Ihrer Homepage promoten, ohne dafür zur Kasse gebeten zu werden. Oder nimm` das aktuelle Abrechnungssystem der GEMA ? für junge Bands eine echte Benachteiligung. Da für uns Einnahmen durch GEMA oder GVL recht unwahrscheinlich sind, behalten wir uns lieber die Freiheit, mit unserer Musik machen zu können, was wir wollen ? so auch verschenken.

Cappu: Dazu kommt, dass die GVL in Zusammenarbeit mit der GEMA Ende letzten Jahres für April 2005 eine unverhältnismäßig hohe Gebührenanhebung für Internetradiobetreiber ankündigte, und das zu einer Zeit, in der sich unsere Musik gerade anfing über genau diese Wege zu verbreiten. Daraufhin entwickelten sich schnell einige Plattformen gegen dieses Vorhaben, die wir mit unserem Protestsong "Was ist Härter", einem Remake des Tracks "Was ist Hart", prima unterstützen konnten.

Martin: Und genau dieser Track läuft sogar heute ? einige Monate nach der Erhöhung ? noch in der Rotation vieler Streaminganbieter und wurde bis dato etwa 12.000 mal von unserem Server gezogen.

TS: Wie kam es zu der Entscheidung, Euer Album kostenlos und unter Creative Commons Lizenz im Netz zu veröffentlichen?

Markus: Da wir von Anfang an davon ausgingen, dass unsere Musik für lau im Internet zu haben sein soll, musste nur noch ein rechtlich abgesicherter Rahmen dafür her. Nach einigen Versuchen mit eigenen Nutzungsbestimmungen erfuhren wir dann von der Möglichkeit der CC-Lizensierung, die gerade zu dem Zeitpunkt an das deutsche Urheberrecht angepasst wurde. Durch die wirklich exzellente Formulierung bietet sie uns alle Möglichkeiten, unsere Musik kosten- aber nicht urheberrechtsfrei zu veröffentlichen.

TS: Und wie sind die Erfahrungen bisher?

Cappu: Für den Hörer liegt der Vorteil klar auf der Hand: Unsere Musik gibt es umsonst. Und das völlig legal, ohne Einschränkungen oder eingebauter Selbstzerstörung ? weitertauschen, brennen und kopieren eindeutig erwünscht.

Markus: Und wir selber haben den Vorteil, dass die Musik, die wir kreieren, es auch bis in die Ohren der Zuhörer schafft. Und das Online-Album ist bis heute sehr gut angelaufen. In den vier Wochen von Veröffentlichung bis Heute wurden die Songs bisher 15000 mal heruntergeladen, die Tendenz ist weiter steigend. Außerdem werden wir weiterhin von sehr vielen privaten Internetradios gespielt und haben es letztens auch bis in eine Sendung von Holger Klein auf Radio Fritz vom RBB geschafft.

TS: Werdet Ihr auch weiterhin nur unter CC Lizenz veröffentlichen?

Cappu: Sicher.

TS: Und wie wollt ihr zukünftig mit Eurer Musik Geld verdienen?

Cappu: Im Moment machen wir uns da sehr locker. Unser Motor ist erst einmal nicht finanzieller Natur, wir möchten vorerst nur eins: Musik schaffen, die uns am Herzen liegt. Die sich nicht als Geldmaschine versteht, sondern vielmehr als das, was es eigentlich immer war: Kunst.

Markus: Natürlich wäre es schön, wenn dabei irgendwann der eine oder andere Euro rumkommt, Ideen dafür haben wir auch am Start, wobei unsere Musik weiterhin trotzdem "for free" bleiben soll. Wir machen mal genau so weiter.

TS: Welche Chancen seht Ihr durch die Creative-Commons-Lizenzen für Musiker in der Zukunft?

Markus: Nicht nur Musiker, jeder wird durch diese Art Lizenzierung profitieren. Da die Lizenz individuell an die Anforderungen angepasst werden kann, stellt ie für Urheber eine einfache Möglichkeit dar, ihr Schaffen bedenkenlos ihrem Publikum vorstellen zu können. Der Zuhörer, Leser oder auch potentielle Käufer wiederum profitiert von der Freiheit, das Material entweder völlig umsonst zu bekommen oder sich vorab ein genaues Bild des Werkes zu machen. Außerdem ermöglicht die CC-Lizenz eine stetige Weiterentwicklung künstlerischen Schaffens...

Cappu: Genau. Durch die aktuellen Bestimmungen mit bis zu 70 Jahren nach Lebensende geltendem Rechtsanspruch ist diese Entwicklung zurzeit sehr eingeschränkt. Vor allem aber wird diese Form der Lizenzierung in der Zukunft dafür sorgen, dass geistige und kulturelle Werke auch in Zeiten von Bezahlfernsehen und DialUp-Zugängen weiterhin für jeden Menschen auf der Welt zugänglich bleiben.

TS: Wie kann man sich angesichts der Masse von kostenlosen Net-Releases auch ohne große Plattenfirma im Rücken einen Namen machen? Anders gefragt: was unterscheidet Euch von Millionen anderen Bands im Netz?

Martin: Im Moment genießen wir den Starterbonus, da es bisher unserer Recherche nach keine Band im deutschsprachigen Raum gibt, die Ihr durchproduziertes Album einerseits komplett zum legalen Download freigibt und nebenbei auch die CD unter eine sehr offene Creative Commons stellt.

Cappu: Aber das war so auch nicht wirklich geplant. Wir wussten nur eins: Dass unsere Musik reif ist, da draußen gehört zu werden. Der Mix der verschiedenen Stile ist ebenso innovativ, wie die Tatsache, die Songs zu verschenken. Und die Hörer sind durch das Überangebot an mäßiger Dudelmusik im Radio auch einfach heiß auf was Neues, etwas Spannendes und vor allem Ehrliches.

Markus: Wie Martin sagt, wir sind eine Band mit allem Zipp und Zapp. Wir haben unsere ersten Gigs absolviert und wurden inzwischen als Supportband für ?Fettes Brot? hier in Braunschweig gebucht, was uns natürlich auch ein wenig stolz macht. Gerade das Zusammenspiel von medialer und realer Präsenz ist das, was meines Erachtens bei uns sehr gut funktioniert.

TS: Inwiefern profitiert Ihr von Euren Erfahrungen im Musikbusiness? Einige von Euch haben ja bereits professionell Musik gemacht, z.B. bei der Jazzkantine.

Martin: Vor allem dadurch, dass wir die vergangenen Jahre zusehen konnten, wie es nicht funktioniert. Dass Newcomer keine Chance mehr auf ein Publikum haben, dass Musik zur Aktie an der Börse geworden ist, dass die Fans und Hörer als Kriminelle beschimpft werden...

Cappu: Ja, das kann alles nicht der Weg sein, Kunst dem Fan zu präsentieren. wir haben einiges aus den Fehlern der Musikindustrie gelernt und wollen es jetzt einfach ein bisschen anders machen.

TS: Was hat sich denn in den vergangenen Jahren in der Musikbranche verändert?

Cappu: Gar nichts - und damit ist das Problem auch schon erklärt. Jahrelang konnte man das heutige Szenario absehen, viele haben davor gewarnt und trotzdem ist einfach überhaupt nichts passiert. Die Industrie hat sich zu lange auf Ihren Lorbeeren ausgeruht und ständig Fehler durch Nichtstun gemacht. Und wenn mal Bewegung drin war, dann immer nur, wenn es um den kurzfristigen Erfolg ging. Stichwörter wie NicePrice-Compilations, Castingshows mit lächerlichen Superstars und jetzt gerade der Klingeltonterror.

TS: Welche Bedeutung haben Labels denn überhaupt im Zeitalter des Online-Musikvertriebs?

Markus: Das hängt von der Definition des Wortes "Label" ab, würde ich sagen. Plattenlabels? Haben eine CD-Presse im Keller, die sie schnellstens gegen eine Batterie Server austauschen sollten, wenn sie nicht weiter den Markt verlieren wollen. An der Aufgabe eines Musiklabels wird sich wohl nicht viel ändern: das Entdecken von musikalischem Potential, was dann bis zur zur "Bühnenreife" gefördert wird.

Martin: Genau, die klassischen Labels stehen eindeutig vor enormen Schwierigkeiten. Die andauernden Umsatzrückgänge ? aus welchen Gründen uch immer - und der Weg hin zur Aktiengesellschaft macht es ihnen schon seit Jahren fast unmöglich, sich eingehend mit frischem Potential auseinanderzusetzen. Man verlässt sich auf Schnellschussnummer wie Castingshows oder Klingeltöne, einzig die Quartalsbilanz zählt. Das ist in meinen Augen der falsche Weg. Die Netlabel-Szene hingegen versteht sich wieder als Entdecker und Publisher von Kreativität und arbeitet dementsprechend kostengünstig und rentabel an der Verbreitung ihrer Artists und das ohne die Fixierung auf ein einziges, gerade aussterbendes Produkt.

Cappu: Wir reden hier von Kunst und kreativem Schaffen, das muss auch in dieser schnelllebigen Zeit ein wenig gären. Wir möchten den Hörern und Fans wieder etwas Echtes bieten, die Musik zu seinem ursprünglichen Gedanken zurückführen, nämlich um mit ihr Emotionen und das Feeling des Musikschaffens rüberzubringen. Im Moment sind die aktuellen Strukturen und Vorgehensweisen der großen Labels für uns nicht akzeptabel und daher nicht interessant.

TS: Was kann man in nächster Zeit von Euch erwarten?

Cappu: Vor allem Gigs. Gerade haben wir als Headliner bei dem Open-Air Abschlussfestival von der Reihe "100 Tage 100 Bands" im MEIER in Braunschweig gespielt und am 20. August sind wir als Support von Fettes Brot auf der Feldschlösschenbühne in Braunschweig zu sehen, auch wieder ein Open-Air. Und auf der Website gibt es natürlich immer wieder einige Updates mit neuen Songs, Bilderserien und Videos von unseren Aktionen. Schaut einfach ab und an mal rein!

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