GEMA-Konkurrenz: „Das kann schnell sehr groß werden“

Interview mit C3S-Initiator Meik Michalke

Kann eine Verwertungsgesellschaft demokratischer, gerechter und effizienter als die GEMA sein? Die Cultural Commons Collecting Society (C3S) will es ab 2013 probieren. Initiator Meik Michalke im Interview. 

Zur Person: Meik Michalke ist Vorsitzender des Vereins OpenMusicContest.org und einer der Initiatoren des Projekts Cultural Commons Collecting Society (C3S) zur Gründung einer europäischen Verwertungsgesellschaft. Die C3S soll es Musikern unter anderem erleichtern, ihre frei lizenzierten Werke innerhalb einer Verwertungsgesellschaft kommerziell zu verwerten.

Die Strukturen und Tarife der GEMA stehen in der Dauerkritik. Da scheint die Idee einer neuen Verwertungsgesellschaft erst einmal einleuchtend. Wie weit sind Sie mit Ihrem Projekt?

Meik Michalke: Wir arbeiten seit etwa zwei Jahren an der C3S. Die bürokratischen Formalien sind weitestgehend geklärt. Offen bleiben vor allem inhaltliche Fragen. Wer soll Mitglied werden dürfen? Welche Formen Mitgliedschaften und welche Stimmrechte soll es geben? Wie werden die Einnahmen verteilt? Wir haben diese Fragen am Wochenende mit 80 bis 100 Urhebern und Interessierten in Berlin diskutiert, im Rahmen eines Barcamps, also eines offenen Workshops. Da ist viel Information geflossen. Nach acht Stunden waren alle platt und zugleich begeistert.

1.000 Unterschriften bis 2013

Wann melden Sie die C3S beim zuständigen Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) an?

Meik Michalke: Bis zum Ende des Jahres sammeln wir Absichtserklärungen ein. Damit zeigen Urheber ihr Interesse, Mitglied der C3S zu werden. Erste Unterzeichnerin ist übrigens die Musikerin Zoe Leela. Wir reichen die Erklärungen dann mit einem Wirtschaftlichkeitskonzept beim DPMA ein, das unseren Antrag prüft. Ein wesentlicher Punkt für die Wirtschaftlichkeit ist das Repertoire, das wir vertreten werden. Deshalb sind die Absichtserklärungen wichtig. Wir wollen etwa 1.000 einsammeln.

„Keine zerstrittene Runde”

Sie sprechen von Begeisterung. Können Sie bereits sicher sagen, dass die C3S im kommenden Jahr startet?

Meik Michalke: Wir haben auf unserem Barcamp gesehen, dass sehr unterschiedliche Menschen aus sehr verschiedenen Bereichen erstaunlich ähnliche Vorstellungen haben, wie so eine Verwertungsgesellschaft arbeiten sollte. Das war keine zerstrittene Runde. Wir haben bei den Grundlagen eine starke gemeinsame Basis. Mein Eindruck ist: Das kann schnell sehr groß werden.

Die Idee zur C3S ist auch aus der Unzufriedenheit mit der GEMA entstanden. Können Sie tatsächlich alles anders machen als die GEMA?

Meik Michalke: Natürlich nicht alles, sonst würden wir keine Verwertungsgesellschaft gründen. Aber es gibt viele Punkte, die wir besser lösen wollen. Angefangen mit der Rechtsform. Eher als ein wirtschaftlicher Verein bietet eine Genossenschaft die Möglichkeit, eine Kultur des demokratischen Miteinanders zu schaffen. Urheber werden echte Teilhaber. Ein weiterer Punkt, in dem wir uns einig sind: Alle Mitglieder werden das gleiche Stimmrecht haben. In der GEMA hat eine große Zahl der Mitglieder de facto nichts mitzureden.

Unser Ansatz basiert auf Transparenz und demokratischer Mitbestimmung. Das wird auch für die Außenwahrnehmung wichtig sein, für die Gebührenzahler. Wenn wir offene Prozesse haben,  verhärten sich die Fronten nicht so, wie wir das derzeit bei der GEMA erleben. Da hilft vielleicht auch, dass ich von Haus aus kein Jurist, sondern Psychologe bin.

Mit CC-Musik am Markt teilnehmen

Ein Kernpunkt Ihres Konzepts ist es, dass Musiker in der C3S Werke verwerten lassen können, die sie unter freien Lizenzen wie den Creative-Commons-Lizenzen veröffentlicht haben. Warum ist das wichtig?

Meik Michalke: Augenblicklich muss man sich als Musiker entscheiden: Werde ich Mitglied in der GEMA oder möchte ich auch CC-Lizenzen verwenden. Beides geht bis jetzt nicht gleichzeitig. Das macht es aber praktisch unmöglich, mit CC-Musik ernsthaft am Musikmarkt teilzunehmen, zum Beispiel die Titel ins Radio zu bekommen. Das liegt aber nicht an den Lizenzen, sondern daran, dass gängige Verwertungsgesellschaften sie nicht unterstützen, weil sie teilweise mit ihren historisch gewachsenen Strukturen unvereinbar sind. Wir möchten die Akzeptanz von Creative Commons also dadurch weiter erhöhen, indem wir diese Lücke schließen.

Das Problem der freien Lizenzen ist nicht der einzige Kritikpunkt an der GEMA. Die Musikerin Zoe Leela beklagt ebenso wie der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit dem DJ Paul van Dyk, die GEMA benachteilige Newcomer und kleine Bands zugunsten von etablierten Künstlern. Wie wollen Sie für Verteilungsgerechtigkeit sorgen?

Meik Michalke: Zum Beispiel, indem wir die technischen Möglichkeiten der Datenverarbeitung einsetzen und eins zu eins abrechnen. Wenn ein Titel gespielt wird, landet das Geld dann tatsächlich beim Urheber. Auch wollen wir offener für Mitglieder mit geringen Einnahmen sein, indem wir die Ausschüttungen anteilig mit dem Mitgliedsbeitrag verrechnen. Wer weniger einnimmt, zahlt auch weniger.

„Problem der Verteilungsgerechtigkeit”

Das heißt, der unbekannte Komponist, dessen Musik nur in speziellen Clubs gespielt wird, profitiert mehr als bei der GEMA?

Meik Michalke: Das ist das Ziel. Wir wollen so gut wie gar nicht mit Pauschalen arbeiten. Die Pauschalabrechnungen führen dazu, dass in Clubs vielleicht spezielle Elektromusik gespielt wird, die GEMA-Gebühren aber bei etablierten Musikern und Labels landen, die in dieser Club-Szene gar nicht vorkommen. Wir wollen möglichst genau nachvollziehen, welche Titel tatsächlich genutzt werden und entsprechend vergüten. Das Problem mit der GEMA ist ja auch gar nicht, dass die Menschen nicht wollen, dass die Komponisten und Textdichter etwas bekommen. Das Problem ist eher die Verteilungsgerechtigkeit. Die Clubbetreiber etwa, die jetzt gegen die neuen Gebühren protestieren, betreiben teilweise selbst Labels, die der GEMA angeschlossen sind. Die wissen ganz genau, dass die Club-Gebühren nicht bei den richtigen Komponisten ankommen.

„Dann kommt es nicht zu Neiddebatten”

Mit der C3S gäbe es im Musikbereich plötzlich eine Konkurrenz der Verwertungsgesellschaften. Könnten C3S-Gebühren geringer ausfallen als GEMA-Gebühren und wären Sie dann eine Art Dumping-Gesellschaft?

Meik Michalke: Sobald kommerzielle Anbieter C3S-Werke nutzen, wird natürlich eine Lizenzgebühr fällig. Und es ist nicht auszuschließen, dass unsere Gebühren geringer ausfallen. Eines unserer großen Ziele ist ein schlanker Verwaltungsapparat. Wir wollen keine endlosen Meldelisten per Hand abtippen, sondern möglichst komplett elektronisch abrechnen. Das könnte am Ende niedrigere Lizenzgebühren ermöglichen. Es geht aber überhaupt nicht um Preisdumping, sondern um die gleiche Möglichkeit kollektiver Verwertung auch für all die Komponisten und Texter, die nicht in die GEMA wollen oder können.

Ein Dauer-Reizthema sind die Abgaben auf Speichermedien wie USB-Sticks, die teilweise an die GEMA gehen. Wer soll am Ende eigentlich ausrechnen, welcher Anteil der Einnahmen den C3S-Mitgliedern zusteht?

Meik Michalke: Diese Abgaben werden ja eigentlich nicht von der GEMA festgelegt, sondern von der „Zentralstelle für private Überspielungsrechte“, in der weitere Verwertungsgesellschaften organisiert sind. Die spätere Verteilung ist dabei bereits jetzt ein Ergebnis von Verhandlungen.

In der Kritik stehen auch die Gehälter bei der GEMA. Der Vorstandschef verdient dort laut Beriner Zeitung 380.000 Euro im Jahr. Wie sehen Sie das?

Meik Michalke: Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht. Die GEMA kann das machen, wie es ihr gefällt. Bei uns werden alle Mitglieder bei solchen Fragen mitreden können. Dann kommt es nicht zu Neiddebatten.

„Crowdfunding wird große Rolle spielen”

Nehmen wir an, die GEMA würde ihre Forderungen aufgreifen, zum Beispiel die Verwertung frei lizenzierter Werke ermöglichen oder ihre Verwaltungskosten senken. Gäbe es dann keine Existenzberechtigung mehr für die C3S?

Meik Michalke: Wenn die GEMA alle unsere Punkte umsetzen würde, hätten wir in der Tat keine Daseinsberechtigung. Aber das sind so viele, dass ich das für ausgeschlossen halte. Wir wollen CC-Lizenzen ermöglichen, die Mitbestimmung aller Mitglieder, ein transparentes Tarifsystem. Allein dass nur fünf Prozent der GEMA-Mitglieder stimmberechtigt sind, ist für viele Musiker ein Grund, dort nicht einzutreten. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die tonangebenden fünf Prozent in der GEMA nun plötzlich sagen, alle dürfen mitreden.

Nehmen wir an, die Unzufriedenheit mit der GEMA ist so groß, dass 2013 gleich 20.000 Musiker in die C3S eintreten wollen. Könnten Sie so einen Ansturm bewältigen?

Meik Michalke: Das wäre anfangs vielleicht ein Problem für die IT-Strukturen. Aber was könnte uns Besseres passieren?

Die Strukturen müssen da sein, bevor die ersten Einnahmen fließen. Wie wollen Sie das erste Jahr finanziell meistern?

Meik Michalke: Wir haben Ansätze, wie wir die Finanzierungslücke schließen können. Da spielen verschiedene Sponsoren eine Rolle. Auch sind wir mit potenziellen Mitgliedern der Genossenschaft im Gespräch. Da gibt es konkrete Angebote, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Crowdfunding wird auch eine große Rolle spielen. So haben wir bereits das Barcamp finanziert. Hinzu kommen Fördermittel, an denen wir dran sind. Wir sehen an verschiedenen Stellen den politischen Willen, das Monopol der GEMA aufzubrechen.

Verhandlungen mit den Verlagen

Debattiert wird auch über die Rolle der Verlage in den Verwertungsgesellschaften. Wie stehen Sie dazu?

Meik Michalke: Das ist ein Thema, das wir im Barcamp kontrovers diskutiert haben. Es waren viele Teilnehmer da, die selber ein Label betreiben oder für Verlage arbeiten. Mein Eindruck ist: Man wird eine Verwertungsgesellschaft wohl nicht aufbauen können und das nötige Repertoire zusammenbekommen, wenn man die Verlage völlig brüskiert. Das heißt, auf uns kommen Gespräche mit den Verlagen zu. Bei den Stimmrechten müssen wir eine Lösung haben, die besser ist als in der GEMA, wo die Verlage einen zu großen Anteil haben.

Das heißt, Verlage werden von Anfang an mit im Boot sein?

Meik Michalke: Die C3S muss ein Angebot machen können, das von ganz verschiedenen Akteuren in der Musikwirtschaft akzeptiert wird. Es muss gar nicht allen gefallen, aber einer kritischen Masse. Wir sind daher bereits jetzt auch an den Positionen von Verlagen und Labels interessiert. Wir brauchen dabei am Ende aber eine Art der Beteiligung, unter der garantiert nicht die Entscheidungsrechte der Urheber leiden.

Nun gibt es Stimmen, die rechtlich die traditionelle Verlagsbeteiligung an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften in Frage stellen. Müsste der Gesetzgeber hier Klarheit schaffen?

Meik Michalke: Bei gesetzgeberischen Maßnahmen sind wir skeptisch. Frühere Urheberrechtsreformen haben speziell bei der Verlagsbeteiligung vieles verschlimmbessert. Wenn das Gesetz jetzt neu aufgemacht wird, werden die Musikverlage sicherlich ihre Lobby anschmeißen. Am Ende könnte eine Lösung stehen, die für die Urheber die Situation verschlechtert. Deshalb wollen wir eher im Rahmen des geltenden Gesetzes eine Lösung finden, die für Urheber und Verlage zufriedenstellend ist. Da stehen jetzt die Verhandlungen an.

„Nur in Spanien gibt es vergleichbar emotionale Diskussionen”

Ihre Gesellschaft würde in einer Zeit starten, in der sich der Musikmarkt verändert. Streaming-Dienste könnten CDs und Downloads bei der Nutzung ablösen. Zugleich wollen Anbieter wie Spotify oder auch Youtube für das Abspielen eines Streams nicht dieselben Gebühren an die Verwertungsgesellschaften zahlen wie iTunes für einen Download. Sind Sie darauf vorbereitet, dass die Tantiemen im Online-Zeitalter insgesamt sinken?

Meik Michalke: Ich sehe das Problem noch nicht. Bei den Cloud-Diensten wird ja auch die Abrechnung einfacher. Man darf nicht vergessen, dass die Digitalisierung es sehr viel einfacher macht, zu zählen, wann wo welcher Track läuft.

Die C3S soll eine europäische Gesellschaft sein. Wie stark ist die Initiative im europäischen Ausland?

Meik Michalke: Wir haben Kontakte nach Östereich, Spanien, Luxemburg, Dänemark, Island und Frankreich. Auch aus Israel kommen konkrete Anfragen. Das Interesse ist da. In den Nachbarländern sind es aber oft Einzelkämpfer, weil das Thema Verwertungsgesellschaften in der Tagespresse nicht groß ist wie hier. Die GEMA-Politik treibt in Deutschland ja sogar Menschen auf die Straße. Nur in Spanien gibt es vergleichbar emotionale Diskussionen, wo der Vorstand einer großen Verwertungsgesellschaft jüngst wegen Korruption ins Gefängnis musste.

Wie reagiert eigentlich die GEMA auf die C3S?

Meik Michalke: Die GEMA hat uns schon auf dem Schirm. Sie beobachtet sicher unseren werkbasierten Ansatz, der auch freie Lizenzen ermöglicht.

© iRights.info Alexander Wragge
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