Helden der Revolte

Französische Politiker wollen Hip Hopper wegen Volksverhetzung belangen.
Sieben Rap-Gruppen und Sänger stehen auf einer Liste, die Grundlage einer parlamentarisch initiierten Untersuchung sein soll. Gewaltverherrlichung, Rassismus und Volksverhetzung lauten die Vorwürfe, mit denen sich die Hip Hopper konfrontiert sehen und als Sündenböcke für die jüngsten Unruhen herhalten müssen.

Französische Rapper werden nicht erst seit gestern mit Strafen belegt. Ihre rechtliche Verfolgung weist eine lange Tradition auf. So mussten sich etwa schon vor fünfzehn Jahren Ministére A.M.E.R wegen brutaler Texte und einer deshalb verhängten absurd hohen Geldstrafe auflösen. Für einen ?Aufruf zum Polizistenmord? in ihrem Stück ?La Police? wurden NTM 1995 gar mit einer dreimonatigen Haftstrafe und einem habjährigen Auftrittsverbot belegt. Die Reue ließ nicht lange auf sich warten. In einem späteren Song riefen sie zur Niederlegung der Waffen auf: ?Pose Ton Gun?. Man wird ja schließlich älter? Die Liste der Verurteilten ist endlos und liest sich wie das Who Is Who des französischen Raps.

Mit hohen Geldstrafen ist den Stars von heute allerdings nicht mehr beizukommen, die jüngsten Ereignisse auf französischen Straßen erfordern drastische Maßnahmen. So oder so ähnlich sieht das jedenfalls der französische Justizminister, der sich einer wahren Anfragenflut von etwa 200 Senatoren und Abgeordneten beugte und eine umfassende Untersuchung ankündigte. Als Rädelsführer der Initiative fungierte der lothringische Abgeordnete Francois Grosdidier, der zu Chiracs Regierungspartei UMP gehört.

Natürlich sei die Musik nicht der ausschließliche Grund, aber die ständige Verbreitung dieser Aufrufe zu Gewalt und Aufstand habe mit dem Ausbruch der Unruhen durchaus etwas zu tun, meinte er gegenüber der Presse. Gemeinsam mit seinem Sohn begab er sich auf Internet-Suche. Die Schuldigen, also diejenigen, die textlich über die Stränge schlagen, waren dann offenbar schnell ausgemacht: Lunatic, 113, Ministére Amer und die Sänger Smala, Farbe und Salif heißen die Delinquenten, Volksverhetzung lautet der Vorwurf.

Gemeinsam ist all diesen Bands, dass sie in Vorstädten leben und mit der Gesamtsituation (Job, soziales Umfeld, Benachteiligung aufgrund der Ethnie) unzufrieden sind. Neben den bereits vor fünfzehn Jahren verklagten Ministére Amer beinhaltet weist die Liste allerdings noch weitere Ungereimtheiten auf: Lunatic wurden 2002 aufgelöst und auch Farbe macht schon seit sieben Jahren keine Musik mehr.

Peinlich? Völlig egal, meint die Gruppe SOS Racisme. Angesichts der desaströsen Unruhen habe man einfach einen Sündenbock gesucht und ihn nun im Hip Hop gefunden. Die Rechnung sei einfach: Rapper, die ihre Meinung sagen, müssen für die Versäumnisse der Politiker herhalten.

Vergessen sollte man in der Diskussion natürlich auch nicht, dass sich politischer Rap in Frankreich seit Mitte der 90er als Gegenpol zum Rassismus der Front National unter Le Pen verstand. Irgendwann schlug der Hass dann aber gegen das politische System Frankreichs als solches um. Auf dem Album Politiquement Incorrect etwa heißt es: ?Frankreich ist eine Schlampe. Vergiss nicht sie zu ficken und wie eine Hure zu behandeln.? Der Staatsanwalt ermittelt bereits. (md)

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