Interview: Brett Anderson und sein neues Album "Wilderness"

Die Eleganz des Britpop über das Verhältnis von Kunst und Technologie

Mit "Wilderness" hat Brett Anderson ein wirklich zeitloses Album aufgenommen. Nur auf wenige Instrumente reduziert, in rund einer Woche eingespielt. Kann so ein Mann etwas mit der modernen Musikbranche anfangen, mit MP3 und Internet? Tonspion Jan Schimmang hat nachgefragt.

Am 24. Oktober wird Brett Anderson sein neues Album in der Berliner Passionskirche vorstellen, sein einziges Konzert in Deutschland. Einen schöneren Ort hätte er sich für seine sparsam akustisch arrangierten Songs wohl kaum aussuchen können. Interviews wird er allerdings keine geben - und dafür hat er eine simple, aber nachvollziehbare Erklärung: "Ich möchte das bei der Gelegenheit mal was klarstellen, weil es mir wirklich wichtig ist, dass ich nicht als kompliziert wahrgenommen werde: der Grund, warum ich auf Tour keine Interviews gebe, liegt schlichtweg darin, dass ich meine Stimme schonen möchte. Denn ich habe auf der letzten Tour schlechte Erfahrungen damit gemacht, hatte am Ende keine gute Stimme mehr."

Also spricht er lieber vorab mit uns und sieht sein neues Album als einen wichtigen Schritt, denn seinen Sound hat er maßgeblich verändert. Während sein erstes selbstbetiteltes Soloalbum noch an den späten Suede-Sound erinnerte, ist das neue Werk durchweg melancholisch und mit Piano, akkustistscher Gitarre und Cello sehr sanft instrumentiert. Fast wirkt das Werk in der schnelleben Zeit, der modernen Funktionsweise der Musikbranche geradezu zeitlos entrückt, jenseits von allem anderen, in UK im Alleingang ohne große Major-Unterstützung veröffentlicht. Wie denkt der Songwriter und den Fortschritt der Technologie, das Internetzeitalter in Bezug auf das Musikmachen?

"Diese Entwicklung ist schon eine Revoultion und faszinierend, das alles verändert sich fortlaufend. Aber sie ist eher für die Medien interessant, nicht für die Künstler. Am Prozess des Musikmachen selbst hat sich nämlich nicht allzu viel geändert. Der Vorteil des Internet ist der Zugang: du kannst heute ohne Probleme dein Album selbst veröffentlichen, ohne Unterstützung einer Plattenfirma, auf direktem Wege. Aber ich würde es niemals zulassen, dass sich eine Technologie meiner Inspiration in den Weg stellt. Sie ist nur eine Art Vermittler, aber hat eben nicht konkret mit dem Werk an sich tun."

Und genau diese These, dass die Substanz der Musik ein Album ausmacht und eben nicht das Marketing, nicht der unaufhaltsame technolgische Fortschritt und schon gar nicht irgendein Hype im Web, kann man auf "Wilderness" wirklich nachempfinden. Obwohl, mehr noch: man kann es geradezu fühlen.

Jan Schimmang / tonspion.de

Brett Anderson - Rehearsal zum neuen Album "Wilderness"

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