Interview: Downloads müssen günstiger werden

Ein Interview mit Musicload-Chef Thorsen Schliesche
Im Oktober feierte der Musikdownloadservice von T-Online, Musicload, sein einjähriges Bestehen. Nach eigenen Angaben verkauft Musicload in Deutschland bereits mehr Titel als Apple iTunes. Wir befragten Musicload-Chef Thorsten Schliesche über Gegenwart und Zukunft des digitalen Musikvertriebs im Internet.

Tonspion: Ihre Geburtstags-Aktion mit Downloads für 1 Cent stieß auf ein enormes Echo. Lassen sich die Leute nur mit Dumping-Preisen in die Downloadshops locken?

Thorsten Schliesche: Nein, die positive Entwicklung von Musicload zeigt, dass die Kunden unser Angebot annehmen. Insgesamt befindet sich der Markt für legalen Musik-Download allerdings noch in den Anfängen - und um die User auf diese neuen Möglichkeiten aufmerksam zu machen, bedarf es auch Marketing- und PR-Aktivitäten, wie unsere 1Cent-Aktion.

Warum sind Downloads eigentlich so teuer?

"Teuer" ist sicher eine Definitionssache. Wenn man überlegt, dass ein aktuelles Album i.d.r. 15 Euro kostet und durchschnittlich 12 Titel enthält, kostet der Einzeltitel auch hier 1,25 Euro. Beachtet man nun, dass häufig nicht alle Titel eines Albums gehört werden, liegt der Preis für einen Einzeltitel deutlich über den aktuellen Download-Preisen. Diese setzen sich zusammen aus dem so genannten HAP (Händlerabgabepreis), welcher die Kosten der Labels und die Vergütung der Künstler abdeckt, die Gema-Gebühren sowie der Mehrwertsteuer. Weiterhin müssen von dem Anbieter aus diesem Betrag auch die Kosten für Payment, Personal und Marketing gedeckt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt neben der hohen Kosten ist der Einsatz von Kopierschutzmechanismen bei den meisten Downloadanbietern. Trauen Sie Ihren Kunden nicht?

Grundsätzlich wird der Einsatz von Kopierschutzmechanismen von der Musikindustrie gefordert. Eine Lizenzierung von Musik ohne eine entsprechende Sicherung ist nahezu unmöglich. Hierbei muss man jedoch beachten, dass illegales Verbreiten von Musik über Jahre hinweg einen großen Schaden verursacht hat. Zielsetzung aller Beteiligten muss es zukünftig sein, legale Musik in einer Form anzubieten, dass der Kunde in seiner Nutzung nicht beeinträchtigt wird, die Vergütung für die Künstler sichergestellt ist und eine illegale Verbreitung verhindert wird. Hier werden sowohl die Anbieter als auch die Industrie selbst noch Verbesserungen durchsetzen müssen.

Wie lautet ihr Zwischenresümee nach einem Jahr Musicload?

Musicload von T-Online startete am 11. Oktober 2003. Das Portal zählt heute zu den führenden Anbietern für legalen Musikdownload in Deutschland. Mit 360.000 verfügbaren Titeln, 450.000 Kunden und 910.000 heruntergeladenen Titeln im Monat Oktober ist Musicload ausgezeichnet positioniert und besonders bei Chart-Titeln sehr erfolgreich.

Wie sieht der digitale Vertrieb von Musik in fünf Jahren aus? Erleben wir da bereits einen Massenmarkt?

Die ersten Ergebnisse stimmen bereits sehr zuversichtlich, allein in Deutschland werden 2005 ca. 12-15 Mio. Euro über den digtalen Vertriebskanal umgesetzt. In fünf Jahren wird der digitale Vertrieb von Musik, sei es via Internet oder via Mobile, einen signifikanten Umsatzanteil leisten. Es wird jedoch weiterhin eine CD oder vergleichbare Produkte geben. Der Kunde erhält also eine grössere Auswahl an verschiedenen Bezugsquellen. Internet bietet hier z. B. die Vorteile der Verfügbarkeit zu jeder Uhrzeit und in jeder Nutzungssituation oder einer Katalogtiefe die sich aufgrund der räumlichen Einschränkungen kein stationärer Händler leisten kann.

Was muss geschehen, damit Sie einen Massenmarkt für digitale Downloads erschließen können?

Zum einen muss natürlich das Unrechtsbewusstsein der Kunden weiter geschärft werden. Ein wesentlicher Punkt ist jedoch, dass der Käufer legaler Lieder nicht länger schlechter gestellt wird, als ein illegaler Downloader. Hierfür ist eine Standardisierung von Formaten und Kopierschutzmechanismen zwingend erforderlich - heute kann ein Kunde bei iTunes erworbene Titel nicht auf einen Player überspielen, der Musicload-Stücke wiedergeben kann und umgekehrt. Dies ist für den Kunden nicht zu verstehen und führt zu einer Nicht-Nutzung bzw. der Rückkehr zu den Tauschbörsen, da MP3 auf allen Plaern läuft. Und last but not least müssen alle Beteiligten auch noch an einem Strang ziehen und die Kosten für den einzelnen Titel reduzieren.

Welche Rolle spielen dabei die nach wie vor sehr aktiven Tauschbörsen? Auch deren Weiterentwicklung dürfte wohl kaum aufzuhalten sein ...

Es wird immer Nutzer geben, die versuchen etwas kostenlos zu erhalten. Zukünftig wird es den Kunden jedoch erschwert und die Nutzerschaft der Börsen wird geringer werden. Auch vor dem Hintergrund von möglichen rechtlichen Belangen. Es gibt aber bereits heute erste Konzepte für eine legale peer-to-peer Nutzung oder Super-Distribution. Ich denke, dass man hier bereits 2005 erste Angebote sehen wird. Bei der ganzen Diskussion sollte man jedoch nicht außer acht lassen, dass nach mehreren Studien fast 80% aller über Tauschbörsen geladenen Titel nie auf dem PC abgespielt werden. Hier setzt eine Art Hamster-Mentalität ein und es bleibt zu klären, ob ähnliches auch bei kostenpflichtigen Angeboten beobachtet werden kann.

Ihr Mutterkonzern müsste doch eigentlich ein Interesse haben, möglichst viel Traffic zu verkaufen. Was haben Sie also eigentlich gegen Tauschbörsen?

Für uns gilt ein klares Nein zu jeder Form von illegalen Inhalten und wir freuen uns über die steigende Zahl an legalen Downloads und das wachsende Angebot an legalen Tauschbörsen. Die Entwicklung geht ganz eindeutig in die richtige Richtung, sprich: weg von der Illegalität.

Wie geht es in den nächsten Jahren weiter mit Musicload?

Unsere Vision ist es, unseren Kunden die gewünschte Musik in jeder Situation zur Verfügung stellen können. Vor diesem Hintergrund werden wir selbstverständlich weiter an der Nutzbarkeit der Seite arbeiten und uns hier besonders auf die Auffindbarkeit der Lieder konzentrieren. Wir wollen unseren Kunden ein Einkaufserlebnis schaffen, bei dem er in Ruhe stöbern und neue Musik entdecken, aber ebenso sehr schnell und gezielt nach gewünschten Titeln suchen kann. Und dies neben dem PC natürlich auch via Handy oder mobilem Endgerät. Darüber hinaus habe ich erste Konzepte zu einer legalen Peer-to-Peer Lösung bereits angesprochen. (ur)

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