Interview: Finetunes saves Music

Im Gespräch mit Finetunes-Macher Felix Segebrecht

Im Schatten von Apple iTunes haben inzwischen viele Firmen Downloadshops für Musik an den Start gebracht. Aber nur einer verkauft unbeschränkte MP3 Files und konzentriert sich auf Musik der Indielabels: Finetunes. Wir sprachen mit Felix Segebrecht über die schöne neue Welt des digitalen Musikvertriebs.

Tonspion: Kann man mit kostenpflichtigen Downloads wirklich Geld verdienen?

Natürlich!

Tonspion: Wie?

Wir betreiben ja nicht nur den Musik-Shop, wir sind ja auch Online
Vertrieb und liefern den Content unserer Label an alle relevanten
Shops, wie zum Beispiel an Apple iTunes, Musicload oder AOL. Wir sind auch technischer Dienstleister für andere Firmen, die Content von den Labels in die Downloadshops befördern, wie z.B. Zebralution. Für diese Unternehmen übernehmen wir das Encoding sowie die Auslieferung an die Shops. Darüber hinaus bieten wir unsere Shop-Technologie Seiten wie z.B. Tonspion an. Eine Reihe von finteunes-Shops wird noch dieses Jahr online gehen.

Tonspion: Warum sind Downloads eigentlich so teuer?

Sind sie das? Verglichen mit Tauschbörsen vielleicht... Im Moment
herrscht über den richtigen Preis pro Track große Uneinigkeit, auch bei
uns schwanken die Meinungen zwischen 50 Cent und 1,50 EUR. Klar ist,
wenn der Trackpreis dauerhaft unter 1 EUR sinken soll und die Shops
sich nicht anders quer finanzieren, müssen sich alle mit geringeren
Anteilen zufrieden geben, die Payment-Anbieter, aber auch die Labels
und die Urheber (GEMA). Aber der Markt entwickelt sich langsam, und viel
Vorsicht bremst die Entwicklung von innovativen Ansätzen, wie etwa
Flatrate-Modellen.

Tonspion: Wie sehen eure Downloadzahlen aus? Gibt es Anlass zur Freude?

Ja, unbedingt. Unsere Download- und Besucherzahlen gehen kontinuierlich
nach oben. Und vor allem die Umwandlungsquote macht uns zufrieden,
insbesondere, weil unser Angebot ja nicht unbedingt den Mainstream
befriedigt. Aber bei uns findet man eben viel guten Sachen, auch wenn
man sie vorher noch nicht kannte. Das hat einen speziellen Reiz, wenn
man es erstmal ausprobiert hat.

Tonspion: Was macht ihr besser als eure Konkurrenz?

Das zu beurteilen sei jedem selber überlassen. Auch kommt es natürlich
darauf an, ob Du nach dem finetunes-Shop, oder finetunes als
Dienstleister fragst. Im Dienstleistungsbereich sind wir sicherlich
stark, weil wir technisch weiter als viele andere, sehr günstig und personell gut aufgestellt sind.
Als Shop-Betreiber unterscheidet uns vielleicht am ehesten, die konsequente Plattformunabhängigkeit (finetunes läuft auf PC, Mac und Linux), die Möglichkeit der Wahl zwischen Web-Shop und Client, offene Audiostandards wie MP3 und Ogg, weitgehend frei von irgendwelchen Restriktionen, also keine Verschlüsselung per Digital Rights Management. Zudem wir bieten mehr Bezahlmethoden als andere. Aber sicherlich gibt es auch bei uns jede Menge Verbesserungsmöglichkeiten.

Tonspion: Stichwort Kopierschutz mit DRM-Verfahren - ist es für die Labels und Musiker nicht gefährlich, wenn sie Musik ohne jeden Schutz im Internet anbieten?

Vorsicht, Moral- und Glaubensfrage! Nein, wir glauben nicht, dass das
gefährlich ist. Zum einen glauben wir, dass die meisten Leute keine
gekaufte Musik in Tauschbörsen stellen. Zum anderen schaffen die die
es doch tun wollen sowieso, jeden vermeintlichen Schutz zu umgehen. Wie und wie einfach das geht, brauchen wir hier wohl nicht zu wiederholen. DRM hat viele Schwächen und bringt wenig, außer denen, die DRM-Systeme anbieten und so einen Teil des Marktes kontrollieren können und dadurch das Endprodukt über Lizenzgebühren verteuern. Wir bieten ja ein DRM an, weil wir es müssen, nur nutzt es bewusst kaum eines unserer Label. Bei uns hat stattdessen jeder Track einen so genannten Fingerprint. Diese Markierung im Song weist den Käufer als Eigentümer aus. Stellt dieser den Song also in eine Tauschbörse, so wäre es also theoretisch nachvollziehbar.

Tonspion: Warum nur theoretisch?

Weil wir nicht gezielt danach suchen. Sollten wir es doch irgendwann
tun müssen, so wäre das recht kostspielig und nicht ganz einfach,
die Absicht nachzuweisen. Aber wir denken sowieso, dass nur eine entsprechende Kommunikation Zahlungsbereitschaft und Unrechtsbewusstsein schärfen kann und das auch
nur, wenn die legalen Angebote überzeugen können!

Tonspion: Was bedeutet das für eure Kunden?

Dass sie mit der von ihnen gekauften Musik machen können, was sie wollen - im Rahmen der rechtlichen Grundlagen. Etwa sich für das Auto eine MP3-CD brennen (ohne ein DRM zu knacken), dem Freund, oder der Freundin eine Mix-CD brennen, etc. In erster Linie bedeutet es, dass die Käufer sich nicht jedesmal merken müssen, wie oft sie einen Track schon gebrannt haben, nur um vielleicht das dritte und letzte mal für die nächste Gelegenheit aufzusparen. Auch die Majors werden sich vom DRM in der aktuellen Form verabschieden müssen, es beseitigt das Problem nicht, es schiebt es nur auf. Was tue ich, wenn ich einen gekauften Track kein viertes Mal brennen kann, wenn ich aber möchte, weil ich frisch verliebt bin, oder beim joggen eine neue Compilation hören möchte? Entweder ich umgehe das DRM, oder ich bin sauer auf den Anbieter. Wahrscheinlich beides. So läuft das nicht!

Tonspion: Nach wie vor findet man vergleichsweise wenig Titel bei Finetunes. Selbst Fachkundigen dürften 2/3 der bei Finetunes angebotenen Künstler fremd sein. Wie wollt ihr diesen Wettbewerbsnachteil aufholen?

Ist das so? Immerhin verkaufen wir die aktuelle Nummer
1! Das eingeschränkte Programm ist im Falle von finetunes kein Wettbewerbsnachteil. Derzeit gibt es bei uns nur Inhalte von Independent-Labels bei uns - möglich, dass sich das eines Tages ändert, aber nicht aktuell. Aber Anbieter die unsere Technologie nutzen, können auf die Inhalte der Major-Labels zugreifen.

Tonspion: Was muss geschehen, damit das Downloadgeschäft zum Massenmarkt wird?

Nicht viel, es muss noch komfortabler sein, als die "illegalen"
Tauschbörsen, es muss günstig sein, möglichst den gesamten aktuellen
und vor allem den gesamten Backkatalog vorrätig haben.

Tonspion: Was haltet ihr von P2P-Technologie? Tauschbörsen werden ja schon massenhaft genutzt, im Gegensatz zu den Downloadshops...

Brillante Technologie, leider gehen zur Zeit die Künstler und Label
dabei leer aus. Nur die Internet-Service-Provider profitieren durch den
Verkauf von DSL-Anschlüssen. Im Prinzip könnten P2P-Netze eine einfache Methode sein, um günstig soviel Musik wie möglich zu digitalisieren und verfügbar zu machen.
Es gibt ja erste Ansätze, das Ganze so umzusetzen, dass sich
damit Geld verdienen lässt, vor allem für Künstler, Urheber und Labels,
aber das wird wohl eher nichts, da die bestehenden Strukturen sich
gegen eine solch revolutionäre Umwälzung wehren werden - verständlich, jeder will schließlich überleben.

Tonspion: Gibt es in Zukunft möglicherweise auch einen Weg, P2P-Technologie in Euer Geschäftsmodell mit einzubinden?

Für uns eher nicht, wenn jemand ein solches System sinnvoll umsetzen
könnte, dann ein international agierender Provider, der ein
geschlossenes System mit einer Flatrate umsetzt. Aber offen gesagt
glaube ich nicht dran, dass eine Firma soviel Einfluss hat, das
umzusetzen. Man muss im Hinterkopf behalten, das es fast als Wunder
gehandelt wurde, dass Apple in der Lage war, die meisten großen Labels
dazu zu bringen, sich auf iTunes einzulassen. Und das funktionierte nur,
weil Apple ein geschlossenes System mit einem Marktanteil von 3% als
Testmarkt anbieten konnte - und weil die Marke und ihr Chef
unvergleichbar charismatisch sind. Alle sollten sich darüber klar sein,
dass es diesen Markt ohe Apples Vorstoß nicht geben würde.

Tonspion: Wie geht es weiter mit Finetunes?

Wir wollen eine feste Größe im Markt der Online-Distributoren werden,
im Bereich der technische Dienstleistungen unseren Vorsprung ausbauen
und natürlich mehr Partner in das finetunes-Netzwerk einbauen. Das ist
ja Teil unserer Vision, im Internet den guten alten Plattenladen mit
echter Beratung wieder aufleben zu lassen. Darüber hinaus möchten wir
versuchen auf diesem Weg eine neuen Öffentlichkeit für gute Musik zu
schaffen. Auch lässt sich unser Angebot bestimmt verbessern, daran
arbeiten wir kontinuierlich und sind für jede Anregung dankbar! Alles
unter dem Leitsatz: Download Saves Music!

Interview: Udo Raaf

Tonspion präsentiert täglich die beste neue Musik mit Streams, Videos und kostenlosen Downloads sowie die wichtigsten Neuheiten aus dem Netz.

amazon music unlimited

Tonspion Newsletter

Alle wichtigen Neuigkeiten aus der Welt der Musik einmal wöchentlich in deine Mailbox.
* Pflichtfeld

Ähnliche News

Sarah Lesch

Der Soundtrack meines Lebens: Sarah Lesch

Eine musikalische Rundreise durch das Leben der Liedermacherin
Jeder von uns verbindet bestimmte Musik mit besonderen Lebensphasen und oft sagt ein Song dabei mehr über eine Person aus als tausend Worte. In unserer Serie begeben wir uns mit Künstlern auf eine musikalische Reise durch ihr Leben. Dieses Mal mit der Liedermacherin Sarah Lesch.
Sarah P.

Der Soundtrack meines Lebens: Sarah P

Eine musikalische Rundreise durch das Leben von Sarah P.
Jeder von uns verbindet bestimmte Musik mit besonderen Lebensphasen und oft sagt ein Song dabei mehr über eine Person aus als tausend Worte. In unserer Serie begeben wir uns mit Künstlern auf eine musikalische Reise durch ihr Leben. Dieses Mal mit Sarah P.
Dieser Mann verkauft den Rock-Stars ihre Gitarren
ANZEIGE

Dieser Mann verkauft den Rock-Stars ihre Gitarren

Der "Herr der Vintage-Gitarren" Thomas Weilbier im Gespräch
Er verkaufte Instrumente an Keith Richards, Udo Lindenberg oder Mark Knopfler und machte seine Leidenschaft zum Beruf. In der #begegnung mit Schöfferhofer gewährt Thomas Weilbier Einblicke hinter die Kulissen seines legendären Gitarrenladens in Hamburg.
Zoot Woman

Zoot Woman: "Wir sind unsere eigene kleine Zeitmaschine"

Adam und Johnny Blake über Zeitsprünge, die Arbeit als Duo und Kylie Minogue
Mitte Juni kehrten Zoot Woman - nur drei Jahre nach dem letzten Album - wieder zurück. Wir haben sie getroffen und sie zur neuen Platte, der Abwesenheit von Stuart Price, ihrer Arbeitsweise als Quasi-Duo und Kylie Minogue befragt.