Interview mit BitTorrent-Chef Matt Mason

"Die Streaminganbieter haben aufs falsche Pferd gesetzt"

Vor zwei Monaten sorgte Thom Yorke mit der Veröffentlichung seines Soloalbums über die Tauschbörse BitTorrent für Schlagzeilen. Über vier Millionen Menschen haben das Bundle bereits heruntergeladen. Wir haben BitTorrent CCO Matt Mason über die Zukunft des Musikvertriebs befragt.

Tonspion: Wie würdet ihr die Ergebnisse des "Experiments" von Thom Yorke zusammenfassen?

Matt Mason: Um es mit den Worten von Thoms Manager Chris Hufford zu sagen: "Ich glaube nicht, dass es besser hätte laufen können".

BitTorrent ist bekannt und populär, weil es umsonst ist. Wie haben die User darauf reagiert, für ein Bundle zahlen zu müssen?

Sie haben gezahlt. Scharenweise. Weil, was Wissenschaftler und wir über BitTorrent Nutzer schon viele Jahre sagen stimmt: sie werden für Angebote zahlen, wenn man ihnen die Gelegenheit dafür gibt.

Ihr habt ein kostenloses Bundle mit einem Song und ein kostenpflichtiges Bundle mit dem kompletten Album von Thom Yorke für 6 Dollar angeboten. Wie viele haben denn tatsächlich gekauft?

Thom hat uns gebeten, keine Zahlen zu veröffentlichen, aber was ich sagen kann ist, dass es sehr gut verkauft hat - viel besser als wir alle erwartet hätten. "Freemium" war immer ein viel versprechendes Modell für das Musikgeschäft.

Ihr plant, die Bundles bald allen Musikern anzubieten, um ihre Musik direkt zu vertreiben. Aber nicht jeder wird damit Schlagzeilen machen, wie Thom Yorke. Wird es auch Promotion oder Empfehlungstools innerhalb von BitTorrent geben?

Ja, es gibt viele Möglichkeiten, Bundles zu entdecken und zu suchen innerhalb der BitTorrent Produktpalette, die wir in den nächsten zwölf Monaten veröffentlichen werden.

Wie können die Bundles geschützt werden, damit sie nicht illegal weiter verbreitet werden?

Bundles können nicht illegal verbreitet werden. Es gibt keine Verbindung zwischen Bundles und illegalem Filesharing. Wenn jemand den Inhalt eines Bundles rippt und ihn auf eine illegale Seite hoch lädt, können wir ihn nicht aufhalten, genauso wenig wie Apple, Google oder Amazon das können.

Was sagt ihr Leuten, die eventuell Angst haben, mit dem Download eines Filesharing Tools wie BitTorrent in eine legale Grauzone zu geraten?

Wenn du Produkte von BitTorrent Inc. nutzt und nur Inhalte von BitTorrent.com lädst, gibt es keine illegalen Content und deshalb ist es auch gar nicht möglich, illegale Dinge runterzuladen.

Wie sieht es mit der rechtlichen Situation in Deutschland aus? Werden auch deutsche Bands und Labels BitTorrent als Vertriebsplattform nutzen können?

Wir haben einen Deal und es ist der gleiche für jeden: wenn du etwas über ein Bundle verkaufst, bekommen wir 10 Prozent, die Kreditkartengesellschaft oder Paypal kriegt rund 5 Prozent und die restlichen 85 Prozent gehen an den Verkäufer. Wir freuen uns darauf, mit deutschen Publishern zusammen zu arbeiten. Das ist das Angebot - es ist ein Self-Service Ding, es gibt keine speziellen Raten und es muss nicht verhandelt werden. Es liegt beim Verkäufer, seinen Anteil mit denjenigen zu splitten, die einen Anspruch darauf haben.

Talyor Swift hat gerade ihre Alben auf Spotify sperren lassen, um mehr zu verkaufen. Weitere Künstler könnten folgen. Haben die Streaming Anbieter ein Problem?

Die Konsumenten haben Streaming als einen Kanal für Medienangebote akzeptiert. Was bisher aber nicht geklärt wurde, ist das richtige Geschäftsmodell oder Verteilmodell und darauf scheint Taylor Swift reagiert zu haben. Viele Leute streamen auch von Bundles aber wir überlassen die Preisgestaltung dem Künstler und wir werden auch rund ums Streaming in den nächsten Monaten neue Optionen präsentieren. Es muss noch einiges an Arbeit gemacht werden. Ich persönlich glaube nicht, dass die derzeitigen Streaming-Anbieter entsprechend positioniert sind, um das hinzukriegen. Sie haben schon zu viel aufs falsche Pferd gesetzt.

Wie wird die Tauschbörse der Zukunft aussehen?

Wenn wir über Filesharing als Technologie reden, geht es nicht nur um den Tausch von Dateien, es ist viel mehr als das. Jedes mal, wenn Facebook Updates macht, wird BitTorrent genutzt. Das gleiche mit Twitter, Wikipedia oder Amazon. Der Large Hadron Collider (der weltgrößte Partikelbeschleuniger, Anmerkung d. Red.) nutzt BitTorrent um Daten auszuwerten. Das "Human Genome" Projekt nutzt es. Wall Street auch. BitTorrent wurde dazu gemacht, das Internet zu schaffen, dass wir als nächstes brauchen werden. Es ist ein Ersatz für http. Und man kann es für viele Dinge verwenden, auch für Downloads und Streams.

Trotzdem ist der Umsatz des Musikbuisness in den letzten Jahren - nicht zuletzt wegen der Tauschbörsen - enorm geschrumpft. Was rätst du der Musikindustrie und Künstlern, die darunter leiden?

Musiker haben mehr Möglichkeiten als je zuvor, Musik zu produzieren und zu veröffentlichen. Ich glaube nicht, dass die grundsätzliche Formel sich groß verändert hat: wenn du Musik macht, die vielen Menschen etwas bedeutet, kannst du auch deinen Lebensunterhalt damit bestreiten. Aber es gibt mindestens genauso viele Wege dafür, wie es musikalische Stilrichtungen gibt.

Das Interview in der englischen Originalfassung (english version)

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ÜBER BITTORRENT:
BitTorrent ist ein kollaboratives Filesharing-Protokoll, das sich vor allem für die schnelle Verteilung großer Datenmengen eignet. Im Gegensatz zu anderen Filesharing-Techniken setzt BitTorrent nicht auf ein übergreifendes Filesharing-Netzwerk, sondern baut für jede Datei ein separates Verteilnetz auf. Somit wird verhindert, dass ein Server zusammenbrechen kann, weil die Last auf alle Nutzer verteilt wird.  

BitTorrent: Thom Yorke macht Filesharing legal

10 Gründe, warum BitTorrent das Musikbuisness verändern könnte

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