Interview mit MP3 Erfinder: "CD Kopierschutz ist ein Fehler"

Eckehart Röscheisen vom Branchenmagazin momag.net sprach mit MP3 Erfinder Prof. Dr. Ing. Karlheinz Brandenburg vom Fraunhofer Institut über die Zukunft des digitalen Musikvertriebs, über technische Entwicklungen, Sackgassen und mögliche Auswege.

momag.net: Prof. Brandenburg, gleich eine Frage vorweg: Was sind denn die am meisten gestellten Fragen, die Sie von Journalisten zu hören bekommen? Etwa "Fühlen Sie als Erfinder von MP3 schuldig" oder "Sind Sie mit MP3 reich geworden"?

Prof. Karlheinz Brandenburg: Ja, genau das.

momag.net: Dann sparen wir uns heute ausnahmsweise mal diese Fragen und kommen lieber zu Aktuellem. Wie finden Sie eigentlich Open-Source-Initiativen wie die zu MP3 konkurrierenden Audio-Kompression `Ogg Vorbis`?

Brandenburg: Ich habe eine Sympathie für Open Source. Ich hatte zum Beispiel eine der ersten Versionen von Linux im Einsatz. Aber aus meiner Sicht sind Open Source und proprietäre Systeme Alternativen, die ganz wunderbar koexistieren. Open Source heißt ja im übrigen keineswegs "alles ist frei"; auch hier existieren Patente und Copyrights. Es wäre für mich eine Überraschung, wenn das bei `Ogg Vorbis` oder `Helix` anders sein sollte.

momag.net: Wie steht es denn mit der Qualität von `Ogg Vorbis`? Haben Sie konkrete Vergleiche angestellt?

Brandenburg: `Ogg Vorbis` ist wie auch MP3 und AAC ein "lossy, perceptual" (verlustbehaftetes und das menschliche Hörvermögen simulierendes) Kompressionsverfahren. Ich muß gestehen, daß ich den Code bislang noch nicht untersucht habe. Wir hatten eine frühe Version getestet, die allerdings nicht die von den Entwicklern versprochene Qualität bieten konnte. Aber man sagte mir, daß die Qualität mittlerweile deutlich besser geworden ist. Sie wird wohl irgendwo zwischen MP3 und AAC liegen.

momag.net: Mehr als die Hälfte aller im Internet übertragenen Daten sind nach Untersuchungen in den USA Musik, davon vermutlich 5% autorisiert und 95% unautorisiert. Das ist eine erschreckende Schätzung der Piraterie-Raten, vorwiegend mit MP3. Sie sprechen gerne davon, daß "Speed Bumps im Pirate Highway" notwendig seien. Wie könnte die Kopierproblematik effektiv gebremst werden?

Brandenburg: Ein Patentrezept gibt es sicher nicht. Statt dessen haben wir beispielsweise ein "LightWeight Digital Rights Management System" entwickelt, das den Content in verschiedenen Stufen schützen soll. Dabei verwenden wir ein Signatur-Prinzip, bei dem ein Benutzer Inhalte mit seiner eigenen einheitlichen digitalen Signatur kennzeichnen muß, bevor er diese weitergeben kann. Auf diese Weise werden Benutzer sensibilisiert, sich an die Spielregeln zu halten und Musik nur an "vertrauenswürdige" Freunde weiterzugeben. Ansonsten existieren bei diesem Modell keine weiteren Restriktionen. Das finde ich einen wichtigen Punkt.

momag.net: Was zeichnet ein gutes Digital Rights Management System überhaupt aus?

Brandenburg: Ein gutes DRM-System bietet ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Usability und Sicherheit, zwischen Nutzer- und Publisher-Interessen. Es sollte also mit dem User arbeiten und nicht gegen ihn. Schließlich sollte es einen einfachen, nicht zu restriktiven Zugang zu den Inhalten bieten, und diese sollten auf verschiedene Geräte übertragbar sein und einen wie auch immer gearteten Mehrwert bieten.

momag.net: Aber die Mechanismen müssen doch immerhin ein funktionierendes Geschäftsmodell zulassen.

Brandenburg: Eines ist aus meiner Sicht völlig klar: wenn wir keinen Weg für die Rechteinhaber finden, die Verwertung zu kontrollieren und damit auch Geld zu verdienen, dann können wir alle dicht machen. Wir bei Fraunhofer selbst leben ja letztlich ebenfalls vom geistigen Eigentum und von der Verwertung von Patenten und Lizenzrechten.

momag.net: Apropos digitale Rechte: Warum war SDMI (Secure Digital Music Initiative, eine gescheiterte gemeinsame Initiative der Industrie zum Schutz der Urheberrechte für digitale Musik- Anmerkung der Red.) für Sie schlicht eine "Strategic Defense Initiative of the Music Industry"?

Brandenburg: Man muß sicheinfach damit zufrieden geben, daß es bei digitalen Inhalten keine absolute Sicherheit geben kann. Aber die SDMI hat trotzdem versucht, ein benutzerfeindliches Bollwerk mit nur drei statt vier extrem dicken Wänden zu bauen. Die vierte, nicht vorhandene Wand ist die immer vorhandene Möglichkeit der Analog-Kopie. Jetzt hat sich die gesamte Initiative zu Recht schlafen gelegt. Wir haben bei Fraunhofer schon immer gesagt, daß wir Wasserzeichen zur Zugangskontrolle nicht für einen sinnvollen Weg halten.
Was viele überhaupt nicht wissen ist, daß sogar MP3 selbst bereits von Beginn an die Möglichkeit der Kopierkontrolle ("kann kopiert werden" bzw. "nur eine Kopie erlaubt") vorsieht, aber dummerweise keiner der Software-Hersteller dieses Feature berücksichtigt hat.

momag.net: Was waren denn aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren die gravierendsten Fehler der Musikindustrie?

Brandenburg: Der erste Fehler ist aus meiner Sicht, daß sie technologische Entwicklungen erst sehr spät ernst genommen haben. Als wir etwa mit MP3 an den Start gingen, unternahmen wir bereits 1995 Versuche zur Kontaktaufnahme. Allerdings stießen unsere Versuche auf höfliches, aber bestimmtes Desinteresse bei den Majors.
Der zweite Fehler ist, daß heute anstelle proaktiver neuer Businessmodelle und "Added Value" nach wie vor die destruktive Verhinderungsstrategie im Vordergrund der Bemühungen steht. Ein nicht durchsetzbarer Rechtsanspruch ist keine schöne Sache, aber nun einmal Realität, und Kopierschutz auf sogenannten "Audio-CDs" (eigentlich gehorchen manche dieser Scheiben ja längst nicht mehr den Philips-Standards) halte ich ebenfalls glatt für einen Fehler, der möglicherweise ein weiterer Grund für die sinkenden CD-Verkäufe ist.
Mehr noch: Die RIAA etwa hat mit ihrer Kampagne gegen MP3 massiv zu dessen Erfolg beigetragen. Das ist eine Promotion, die mit Geld gar nicht zu bezahlen gewesen wäre. Den selben Fehler hat sie im medial massiv ausgeschlachteten Prozess gegen Diamond Multimedias "Rio"-Player gleich noch einmal wiederholt.

(Prof. Dr.-Ing. Karlheinz Brandenburg ist einer der Erfinder der wegweisenden Audiokompressionsstandards MP3 ("MPEG-1 Layer 3") und AAC ("Advanced Audio Coding") sowie Leiter der Fraunhofer Arbeitsgruppe für Elektronische Medien (AEMT) und Professor an der TU Ilmenau.)

Das Interview in voller Länge gibt`s bei momag.net.

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